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Comic-Verfilmung "Thor": Behämmert, aber nicht bekloppt

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Der Shakespeare-Spezialist kann auch Action: Unter der Regie von Kenneth Branagh wird die Comic-Verfilmung "Thor" zum Charakterdrama vor kosmischer 3-D-Kulisse. Dem erlesenen Darstellerensemble gelingt die schwierige Balance zwischen Haudrauf-Spektakel und Heldenepos.

Comic-Verfilmung "Thor": Heldenhämmerung Fotos
Marvel/ MVLFFLLC

Natürlich hat er wieder einen Auftritt. Stan Lee, der greise Schöpfer des Marvel-Heldenuniversums, macht in beinahe jeder Verfilmung eines seiner Comics mit, so auch in "Thor". Diesmal ist es sogar eine kleine Sprechrolle. Als Farmer versucht er mit einem Abschleppseil an seinem Pick-up-Truck, den Hammer Mjölnir aus dem Felsen zu befreien, in den das göttliche Gerät wie ein Meteor vom Himmel krachte. "Hat es geklappt?", fragt der Alte aufgekratzt aus dem Cockpit seines nun sauber zerlegten Autos. Nein, hat es nicht.

Geklappt hat dafür aber etwas anderes, und das dürfte weitaus erfreulicher für den 89-jährigen Comic-Paten sein. Mit "Thor" gelang dem Superhelden-Verlag und dem Filmstudio Paramount nach etwas längerer Zeit mal wieder eine sehenswerte Verfilmung einer Heldenstory. "Thor" ist die erste einer ganzen Reihe von Marvel-Adaptionen, die dieses und nächstes Jahr in die Kinos drängen. Im Juni folgt mit "X-Men: First Class" die Entstehungsgeschichte der bereits im Kino etablierten Mutanten-Truppe um den enigmatischen Professor Xavier; im Juli wird mit "Captain America: The First Avenger" die Geburt des wohl patriotischsten Marvel-Charakters auf der Leinwand nachgezeichnet. 2012 treten dann alle gemeinsam mit Iron Man und einigen anderen Figuren im ultimativen Helden-Team-up "The Avengers" auf. So weit die Strategie Marvels, um den mit "Rio", "Rango" und Konsorten erfolgreichen Animationsfilmstudios sowie vor allem dem mit "Flash", "Green Lantern" und einem weiteren Batman-Film drohenden Konkurrenten von DC Comics zu zeigen, wo Bartel den Most holt.

Oder, um im Bild zu bleiben, zu zeigen, wo der Hammer hängt. Zunächst steckt er in jenem Felsen irgendwo in der Wüste New Mexicos in "Midgard", wie die Erde in der nordischen Sage genannt wird. Dorthin wurde der Königssohn Thor aus dem sagenhaften Götterstammsitz Asgård verbannt, um sein Mütchen zu kühlen. Der Donnergott, ein angemessen blondbärtiger Hüne, jovial gespielt vom Australier Chris Hemsworth, hat nämlich unnötigerweise Krieg angezettelt mit den blauhäutigen Frost-Giganten aus Jotunheim, die - vor Jahrzehnten von Thors Vater Odin (Anthony Hopkins) besiegt - auf Rache sinnen.

Ein bisschen gaga, wenn man zu viel drüber nachdenkt

Zur Strafe für den Bruch des Waffenstillstands beamt der einäugige Herrscher von Asgård den ungestümen Spross über eine weltenverbindende, "Bifröst" genannte Regenbogenbrücke auf die Erde - allerdings ohne seine göttlichen Kräfte. Den mächtigen Hammer Mjölnir schickt Odin hinterher, doch Thor wird erst dann in der Lage sein, ihn aus dem Fels zu ziehen, wenn er bewiesen hat, dass er des Götterthrons würdig ist. Immerhin trifft Thor im Exil auf die schöne Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman). Während er sich in die Sterbliche verliebt, schmiedet sein Bruder Loki (Tom Hiddleston) in Asgård ein Komplott, um an seiner Statt König zu werden.

Das alles ist teils nordische Sage, teils Marvel-Mär - und wurde unter Aufsicht von "Thor"-Autor J. Michael Straczynski zum Drehbuch verarbeitet. Es ist eine solide Story. Ein bisschen gaga, denkt man zu viel drüber nach, aber so ist das nun einmal, wenn man sich auf die mythischen, epischen Geschichten einlässt, die in Superhelden-Comics erzählt werden. Zudem konnte der Brite Kenneth Branagh, "Thor"-Leser der ersten Stunde und mehrfach Oscar-nominiertes Ex-Mitglied der Royal Shakespeare Company, als Regisseur gewonnen werden. Der Theaterstar macht aus der Superhelden-Saga eine rasante, knallbunte Interpretation des Dramenklassikers "Heinrich V." und lässt den intriganten Loki wie eine nordische Götterversion des Edmund aus "König Lear" auftreten. Thor hingegen muss, wie Heinrich, erst einen Krieg gewinnen und ein bürgerliches Mädchen erobern, bevor er Anspruch auf den Thron anmelden darf.

Kein bisschen Schmutz und Schmuddel

Branagh, der mit "Thor" seinen ersten Actionfilm inszeniert, zeigt erstaunlich viel Gespür für die Dynamik, die ein Superheldenspektakel heutzutage braucht, um zum Blockbuster zu werden. Zugute kommt ihm die generelle Übersichtlichkeit des Plots: Die Ursprungsgeschichte eines Comic-Helden, siehe Sam Raimis "Spider-Man" und Jon Favreaus ersten "Iron Man", bürgt für hinreichend dramatische Brüche und Emotionalität. Aber auch in den wohldosierten Prügel- und Actionszenen zeigt Branagh Fingerspitzengefühl, ohne die nötige Wucht vermissen zu lassen. Was man allerdings vermisst, ist ein bisschen Schmutz und Schmuddel: Raubeinige Nordgötter an Odins Tafel, da erwartet man dampfende Wildschweinbraten, Met aus Schädeln und Heerscharen leichtbekleideter Konkubinen. Branaghs Asgård hingegen ist zwar futuristisch und pompös, aber so sauber und steril wie ein Flughafenterminal. Wahrscheinlich lassen sich Dreck und Deftiges weniger gut in 3D animieren als glatte Oberflächen.

Klar ist: Aus knalligem Comic kann, Marktgesetzen und Fanwünschen gehorchend, kein abgründiges Bühnendrama werden. Umso mehr macht es Spaß, dem erlesenen Darstellerensemble dabei zuzusehen, wie sie sich mit gebotenem Pathos und nötigem Witz in ihre Rollen werfen, allen voran Anthony Hopkins, der nicht den Fehler macht, seinen Odin mit donnerndem Overacting zur Karikatur machen. Das lässt Raum für den britischen Theatermimen Tom Hiddleston, der seinen Loki mit leiser Ambivalenz zum interessanten Bösewicht macht. Auf der Erde zeigen Natalie Portman, die bereits in "V For Vendetta" ihr Faible für Comics bewies, und Stellan Skarsgård als ihr in nordischen Sagen bewanderter Wissenschaftler-Kollege Erik Selvig, dass man auch dann überzeugend spielen kann, wenn man von Greenscreens umzingelt ist und einem ständig alles um die Ohren fliegt. Und letztlich macht auch Newcomer Chris Hemsworth mit seinem nuanciertem Spiel zwischen royalem Racker und Rockstar eine gute Figur als Donnergott, der auf die stille Treppe muss.

An der zwanghaften Ironisierung, an der zuletzt Marvel-Adaptionen wie "Fantastic Four: Rise Of The Silver Surfer" und "Iron Man 2" krankten, schrammt Branaghs kurzweilige Götterhämmerung so glücklicherweise vorbei. Um sich aber an Christopher Nolans düsteren Batman-Blockbustern oder den emphatischen "Spider-Man"-Filmen zu messen, dafür ist dieser "Thor" bei weitem nicht tiefschürfend genug geraten. Aber einen guten Eindruck hinterlässt er allemal.

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1. Yo man -
ok-info 28.04.2011
Marvel muß man verfilmen - das bringt es voll für den modernen Spiegel-Adepten, der nicht mehr gern so lange Bücher liest - auch wenn sie reich bebildert sind. Nicht völlig bekloppt, aber sure as hell mächtig behämmert...
2. Ich verstehe nicht...
moex 28.04.2011
...was alle Welt an diesem Film findet -7.9 auf IMDB,die Rzension hier... Ich habe den Film vorgestern in 3D gesehen,und muss sagen,dass die 3D-Effekte zwar sehr nett waren,der Film aber leider platt wie ne Flunder.Ohne hier zu viel zu spoilern: Angefangen bei der Charakterentwicklung von Thor vom kriegslüsternen Emporkömmling zum demütigen,aufopferungsvollen Weltenretter in Rekordzeit,also nicht gerade glaubwürdig,über Thors schauspielerisch und storytechnisch blass gebliebene Freunde,bis hin zu den platten Dialogen ("Was hat dich denn so weich werden lassen?Doch nicht etwa diese Frau?Aha,so ist es also!) - ich verstehs einfach nicht...
3. Aus dem Artikel
lensenpensen 28.04.2011
"Was man allerdings vermisst, ist ein bisschen Schmutz und Schmuddel: Raubeinige Nordgötter an Odins Tafel, da erwartet man dampfende Wildschweinbraten, Met aus Schädeln und Heerscharen leichtbekleideter Konkubinen. Branaghs Asgård hingegen ist zwar futuristisch und pompös, aber so sauber und steril wie ein Flughafenterminal. " Was haben denn bitte Konkubinen in Walhall zu suchen? Wenn schon Frauen anwesend sind, dann Wallküren, die Gefallene ans Odin Tafel führen oder eben Schildmaiden die auf den Schlachtfeldern geblieben sind. So schmalspurig wie sich der Autor es sich vorstellt, ist die nordische Sage eben nicht.
4. ....
Pepito_Sbazzagutti 28.04.2011
Zitat von lensenpensen"Was man allerdings vermisst, ist ein bisschen Schmutz und Schmuddel: Raubeinige Nordgötter an Odins Tafel, da erwartet man dampfende Wildschweinbraten, Met aus Schädeln und Heerscharen leichtbekleideter Konkubinen. Branaghs Asgård hingegen ist zwar futuristisch und pompös, aber so sauber und steril wie ein Flughafenterminal. " Was haben denn bitte Konkubinen in Walhall zu suchen? Wenn schon Frauen anwesend sind, dann Wallküren, die Gefallene ans Odin Tafel führen oder eben Schildmaiden die auf den Schlachtfeldern geblieben sind. So schmalspurig wie sich der Autor es sich vorstellt, ist die nordische Sage eben nicht.
Da denke ich eher an "Asterix und die Normannen".
5. Mit
Hosterdebakel 28.04.2011
den Marvel Comic bzw. die Entstehung der einzelnen "Helden" Stories etc. hat sich der Schreiber des Artikels wohl auch weniger beschäftigt. Hier wäre ihm folgendes zu empfehlen: Marvel Chronik (http://www.paninicomics.de/die-marvel-chronik--70-jahre-heldentum-i6026.html)
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Thor

Originaltitel: Thor

USA 2011

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Don Payne, J. Michael Straczynski, Mark Protosevich

Darsteller: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Tom Hiddleston, Stellan Skarsgård, Colm Feore, Idris Elba, Kat Dennings, Rene Russo, Anthony Hopkins

Produktion: Marvel Enterprises

Verleih: Paramount

Länge: 115 Minuten

FSK: 12

Start: 28. April

Offizielle Website zum Film



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