Comic-Zeichner Lee "Superman mit der düsteren Realität konfrontieren"

X-Men, Batman, Superman: Jim Lee ist der Superstar unter den Superhelden-Zeichnern. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Bryan Singers neuen Film "Superman Returns", seine eigene Comic-Interpretation und die schleichende Domestizierung eines ehemals harten Kerls.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Lee, als "Superman Returns" in den USA ins Kino kam, haben Sie für eines der ersten Tickets angestanden?

Superman-Darstellung in Jim Lees "For Tomorrow": Mehr Schattenareale
Panini Comics

Superman-Darstellung in Jim Lees "For Tomorrow": Mehr Schattenareale

Lee: Ich war auf der Premiere in Los Angeles und brauchte mich also glücklicherweise nicht anstellen. Beim zweiten Mal habe ich ein ganzes Kino in Montana reserviert, um nach einer Buchsignierung eine Gruppe von Comicfans einzuladen und Zeuge der ganz normalen Reaktionen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie war denn die Reaktion der Comicszene auf die neue Superman-Verfilmung?

Lee: Für mich gibt es eine gesunde Distanz, weil ich die Figur ja nicht erschaffen habe. Ich verbinde zwar eine große Nostalgie mit der Figur, weil ich Superman als Kind geliebt habe, und natürlich habe ich auch das Gefühl, mit meiner Arbeit ein kleines Stück zur Geschichte beigetragen zu haben. Aber ich raufe mir nicht die Haare und stöhne: Nicht zu fassen, sie haben sein Blau verändert! Es gibt eine Menge Fans, die diesen Besitzanspruch haben. Die Reaktionen auf Verfilmungen sind also immer gemischt. Aber ich mochte den Film thematisch sehr und fand ihn auch visuell großartig.

Seite aus Jim Lees "For Tomorrow": "Interessante politische Diskussionen"
Panini Comics

Seite aus Jim Lees "For Tomorrow": "Interessante politische Diskussionen"

SPIEGEL ONLINE: Regisseur Bryan Singer hat mit verschiedenen Szenen, etwa der Rettung eines abstürzenden Flugzeugs, eine große Hommage an klassische Comic-Szenarien geschaffen...

Lee: Ja, diese Szene war phantastisch! Und ich wünschte, sie hätten mehr davon gemacht. Ein einziger Mann hält ein vollbesetztes Flugzeug auf, das brennend auf die Erde zurast – das ist, was man von Superman sehen will! Wer auch immer das Storyboard zu diesem Film verfasst hat, kennt die Blickwinkel, das Tempo der Comicwelt. Die Macher haben sich ganz offenbar bestimmte Comicbilder herausgesucht, die sie auf der Leinwand visuell neu erschaffen wollten, zum Beispiel die Einstellung, in der Superman durch die Luft schwebt und wie ein Engel aussieht. Ich dachte: Hey, das habe ich doch so gezeichnet!

SPIEGEL ONLINE: Ihr Superman-Porträt in dem zwölfbändigen Zyklus "For Tomorrow" war sehr düster. Spiegelt sich darin auch die Erkenntnis vom 11. September 2001 wider, dass physische Macht ihre Grenzen hat und nicht mehr der, der die größten Superkräfte besitzt, gewinnt?

Lee: Der Autor, Brian Azzarello, beabsichtigte, diese Assoziationen zu wecken. Es war wirklich seltsam, denn als ich begann, für "For Tomorow" an Superman zu arbeiten, lebte ich in Norditalien in der Reggio Emilia, einer stark kommunistisch geprägten Region, und viele meiner Freunde waren Kommunisten. Die Amerikaner waren gerade im Irak einmarschiert, und Berlusconi, der damals Italien regierte, ist bekanntlich stark rechts orientiert. Wir hatten also ständig ziemlich interessante politische Diskussionen, während wir an dieser ikonischen amerikanischen Figur arbeiteten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkte sich das auf Ihren visuellen Stil aus?

Lee: Die Figur ist ein gutes Stück dunkler geworden. Klassischerweise besitzt Supermann nicht viele Schattenareale, damit seine Erscheinung kühn und strahlend blieb. Davon habe ich mich wegbewegt, er macht schließlich mit dem Verlust seiner Geliebten eine schwere Krise durch, und wir haben Wert darauf gelegt, ihn in die dunkleren Landschaften einzupassen. Dann gab es ein paar generelle Dinge – zum Beispiel flog er bislang nur in drei Posen, und ich wollte das Repertoire ein wenig erweitern, etwa um die Bilder, in denen er in der Luft zu hängen scheint, oder wo man ihm mitten in einer Drehung sieht. Immerhin arbeitet man an einer Figur, die seit 1938 unterwegs ist, und da überlegt man sich schon, was man hinzufügen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Bryan Singers Kino-Adaption dagegen scheint vor allem eine Hommage an die schillernde Superman-Verkörperung von Christopher Reeve zu sein...

Superman in Jim Lees "For Tomorrow": "Heute kann er nicht mehr so imperialistisch unterwegs sein"
Panini Comics

Superman in Jim Lees "For Tomorrow": "Heute kann er nicht mehr so imperialistisch unterwegs sein"

Lee: Wenn man die Chance hat, diese Figur einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren, ist das vermutlich genau der richtige Weg. "For Tomorrow" existiert ja bloß deshalb, weil es all diese hochglänzenden, hübschen Geschichten gibt, denen wir etwas entgegensetzen wollten. Natürlich haben wir damit alles andere als ein archetypisches Porträt der Figur geschaffen, sondern die Figur eher als Folie für einige der Themen benutzt, die wir in einer Post-9/11-Gesellschaft bearbeiten wollten. Wir beabsichtigten ja, diese Ikone der Unterhaltung mit einer düsteren Realität zu konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Und etwas Ähnliches hätten Sie von Hollywood nicht erwartet?

Lee: Um Himmels Willen nein! Ich wäre als Vater sogar entsetzt gewesen! Der Film ist große Unterhaltung, und er sollte das auch sein. Er sollte dem Publikum die Augen für das Grandiose dieser Figur öffnen. Superman ist schließlich der Granddaddy of Grandeur! In dieser Hinsicht erfüllt der Film voll seinen Zweck.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Bedeutung von Superman seit seinem ersten Erscheinen 1938 gewandelt?

Lee: Für mich war Superman in den frühen Tagen, in den dreißiger und vierziger Jahren, stärker eine Beschützerfigur. Er stellte Gerechtigkeit her, indem er Vergeltung übte. Später wurde er eher zu einer netten, unschuldigen Figur. Natürlich kann er heute nicht mehr so imperialistisch unterwegs sein – wenn man sich die ganz alten Comics anschaut, kämpfte er dort immerhin im Namen der amerikanischen Armee. Heute wird er eher als der Verteidiger des Planeten dargestellt, und das finde ich ganz in Ordnung so.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen die Idee von Supermann als ein Jedermann mit Superkräften nie gefallen hat. Können Sie das ausführen?

Lee: Die Figur hat ja viele Wandlungen durchgemacht, und die letzte große und sehr erfolgreiche war in den Achtzigern, als Clark Kent zum eigentlichen Charakter wurde und Superman so was wie sein Zweit-Job war. Das hat für mich nie Sinn gemacht. Für mich war dieser Mann jemand, der sich von der Gesellschaft immer entfremdet fühlte, weil er dieses Geheimnis barg – er war ein Alien und besaß Kräfte, die er schlecht ausstellen konnte. Wenn ich Superman wäre, warum sollte ich dann darin aufgehen, ein trotteliger Journalist zu sein, anstatt der Held, der das abstürzende Flugzeug rettet? Ich finde, man ist in den Achtzigern ein wenig zu weit gegangen mit dieser Jedermann-Figur, die irgendwann sogar einen Psychotherapeuten hatte!

SPIEGEL ONLINE: Bryan Singers Superman hat viel von Tobey Maguires "Spider-Man" – ein überaus netter, sanfter Kerl, dem die naive Güte ins Gesicht geschrieben steht. Wie passt das in unsere Zeit?

Lee: Für mich ist das eine Hommage an Christopher Reeve, der eine wunderbare Verkörperung dieses trotteligen Clark-Kent-Charakters und dieser glamourösen, gottgleichen Superman-Figur geschaffen hat – Männergeschichten halt. Es stimmt, Singers Superman ist sehr sanft. Wenn er etwas aufhebt, fasst er es mit aller Vorsicht an, statt es sich einfach zu schnappen, wie ich ihn zeichnen würde.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die starke messianische Darstellung der Figur im Film angesprochen?

Lee: Ja, sehr – seine Wunde vom Kryptonit ist an derselben Stelle wie die von Christus, und überhaupt gibt es viele Referenzen in diese Richtung – aber die gab es schon lange vor dem Film im Comic. Der einzige Sohn, der die Erde retten soll, und so weiter. Für mich ist das ein Bestandteil der zeitlosen -Qualitäten von Superman, so ähnlich wie Batman für den Schwarzen Mann steht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Pläne hätten Sie für Supermans Zukunft?

Lee: Wenn ich noch eine Superman-Geschichte machen könnte, würde ich ein echtes Abenteuer konzipieren. Die letzte war sehr nach innen gekehrt und düster, aber der andere Aspekt dieser Figur ist, dass er offiziell der Kickass-Kerl unter den Superhelden ist. Er kann mit seinem Atem Dinge einfrieren, mit seinen Blick Dinge sprengen und schneller als Lichtgeschwindigkeit fliegen. Ich würde gern eine Geschichte zeichnen, in der sein Status als mächtigster unter den Superhelden so richtig zur Geltung kommt. Ich würde gern ein großes, actiongeladenes Stück machen, bei dem den Leuten der Mund offen bleibt, so, wie es lange nicht gemacht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie schon dabei?

Lee: Nein, ich bin für die nächsten drei Jahre ausgebucht. Im Moment arbeite ich mit Frank Miller an "All Star: Batman & Robin", und dann steht "WildC.A.T.S." an, eine neue Geschichte, die ich zusammen mit einem Autoren namens Grant Morrison geschaffen habe. Aber dann! Ich vertraue darauf, dass Superman noch einige Jahre unter uns bleiben wird.

Das Interview führte Nina Rehfeld


Jim Lee/Brian Azzarello: "For Tomorrow" ist auf Deutsch unter dem Titel "Die Rückkehr" bei Panini Comics erschienen, 2 Bände, je 14,95 Euro

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