Comicverfilmung "Kick-Ass" Killer-Lolita stellt Super-Nerd kalt

Krasser geht immer: In der Comic-Verfilmung "Kick-Ass" verwandelt sich ein Highschool-Nerd per Zufall in einen grünbestrumpften Rächer. Doch die Hauptfigur wird bald verdrängt von einer obercoolen, blutlüsternen Elfjährigen - und aus der Superhelden-Satire wird ein zynischer Blutrausch.

Universal Pictures

Dave Lizewski ist ein Verlierertyp, wie es sie millionenfach gibt. Ein dünner Teenager, etwas unbeholfen, wenige Freunde, die Mädchen ignorieren ihn. Er verbringt seine Freizeit vorzugsweise mit Comics und Masturbieren. Ein netter Niemand ohne Fähigkeiten und Talente, der die Welt ungerecht und kalt findet und sich wünscht, er könnte das ändern. Vorstellbar, dass er eines Tages austickt und zum Amokläufer wird. Doch Dave (Aaron Johnson) hat einen anderen Plan: er will ein Superheld sein.

Was ohne Superkräfte und teure Waffen ein Problem ist, wie er feststellt, als er bei seinem ersten Einsatz als grünbestrumpfter Rächer Kick-Ass zusammengeschlagen, abgestochen und überfahren wird. Er überlebt und versucht es mit ein paar leidlich schützenden Metallersatzteilen im Körper nochmal. Dank eher ungeschickter Gegner läuft es diesmal besser. Vor allem aber wird er dabei gefilmt und ist einen Tag später ein Star bei YouTube. Kick-Ass ist der Held der Stadt, endlich einer, der mal was tut. Keine Superkräfte, aber trotzdem super, mit der verführerischen Botschaft, dass jeder ein maskierter Held sein kann.

So weit, so gutmoralisch. Aber "Kick-Ass" von Matthew Vaughn ("Layer Cake") hat es nicht so mit der Moral, im Gegenteil. Der Film muss seiner Vorlage gerecht werden, dem erst kürzlich erschienenen Comic von Mark Millar ("Wanted") und John Romita Jr., der in den USA mit dem Slogan warb: "Krankmachende Gewalt: So wie du es magst." So sieht es auch der Film.

Big Daddy und Hit-Girl

Allerdings erst als eine zweite Heldin auf der Bildfläche erscheint, und die ist der wahre Star von "Kick-Ass". Die kleine Mindy (Chloë Grace Moretz, beim Dreh elf Jahre alt) liebt es zu töten, darin hat sie ihr Vater (Nicolas Cage) jahrelang geschult. Im Kampf gegen den Obergangster Frank D'Amico (Mark Strong) haben es sich die beiden als Big Daddy und Hit-Girl zur Aufgabe gemacht, dessen Ganovenarmee auf möglichst brutale Art zu dezimieren, bevor sie sich den Boss vorknöpfen. Erschießen, aufschlitzen, köpfen - alles ist erlaubt, und die immer fluchende Mindy in ihrem Lolita-Kostüm mit pinker Perücke und Lederstiefeln erledigt jeden Mord mit so viel Begeisterung und Treffsicherheit, dass sich ihr Papa vor Stolz gar nicht einkriegt.

Kick-Ass hat das Glück, dass sich das Vater-Tochter-Duo mit ihm verbündet, sonst wäre er angesichts seiner mangelnden Begabung auch bald Geschichte. Nicht, dass das einen großen Unterschied machen würde, denn zu dem Zeitpunkt interessiert sich der Film nicht mehr sonderlich für ihn. Jetzt geht es darum, die kleine Mindy als übercoole Killerbraut zu inszenieren, etwa so wie es Quentin Tarantino mit Uma Thurman in "Kill Bill" gemacht hat, nur dass die deutlich älter als elf war. Das Publikum will Blut sehen, und das soll es bekommen. Ein Mensch platzt in einer riesigen Mikrowelle, ein anderer wird lebendig verbrannt. In "Kick-Ass" geht es immer noch ein bisschen krasser.

Das ist natürlich ziemlich krank, hat aber vor allem in der ersten Hälfte durchaus Witz. "Kick Ass" wirkt am Anfang wie eine boshafte, aber originelle Superhelden-Satire, ein Spaß, der sich nicht ernst nimmt, bunt und laut und schnell. Mit der zunehmenden Fetischisierung der elfjährigen Killerin kippt das ganze allerdings mit der Zeit vom fies-charmanten Cartoon zum zynischen Blutrausch. Die spöttische Distanz der Vorlage zu den Hauptfiguren hält der Film nicht durch - er erklärt die Kleine nach und nach zur ehrenwerten Heldin, die zwar blutlüstern ist, aber doch aus tiefer Überzeugung für das Gute kämpft. Girl Power heute.

Und mit dem Drang, den Gewaltlevel stets ein bisschen zu steigern, wird das Finale zum knalligen aber stumpfen Blutrausch, zur verklärten Heldinnensaga. "Kick-Ass" ist ein durchgehend unterhaltsamer, energiegeladener Film. Mit viel Liebe gemacht. Aber ohne Herz.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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seyinphyin 21.04.2010
1. ...
"Women with Guns" scheinen irgendwie eine seltsame Erotik auszustrahlen auf so manche, dann noch "Lolita" und "Das Mädchen, das genauso verrückt ist wie ich" dazugemischt kann das ja nur verbessern und weil das "krank" und "pervers" wäre und die Feministenliga Sturm laufen würde, ist sie eben auch noch die harte Machosau - dann sind alle glücklich - naja, zumindest ein paar. ;)
larsT64, 21.04.2010
2. Wie pervers wird es noch werden?
Jetzt sind also schon Kinderkiller die Helden von Filmen und das perverse Töten von Menschen wird als coole Tätigkeit für Schulkinder zelebriert und mit One-linern garniert. Wie weit soll das noch gehen? Und da wundern wir uns noch über das Gewaltpotential der Jugendlichen von heute ...
Barhäuptling 21.04.2010
3. Kick-Ass - bloody roar
Mir reichte die Vorschau bereits. Leider geht es immer weiter mit der Verrohung. Das Töten von Menschen wird in "coolen Bildern" als Unterhaltung inszeniert. Erinnert sich irgenjemand noch an den Skandal, den der Film Clockwerk Orange von Kubrick auslöste? Die Zeiten haben sich gewandelt. Wo wir früher im Jugendalter auf der Jagd auf unzensierte Horrorfilme (meist mit holländischen Untertiteln in miserabler Bild-und Tonqualität) selten fündig wurden, werden heutzutage mit großen Budgets bluttriefende Streifen produziert, die an kranker Phantasie nichts zu wünschen übrig lassen. Die eindeutige Flut von immer mehr Filmen, die scheinbar keine Grenzen bezüglich der Zerstörungsgewalt gegenüber Menschen zeigen, fungiert für mich als Spiegel der heutigen Gesellschaft, die für die nächste Zukunft nichts Gutes erwarten läßt. Sollte jemand allerdings diesen Film genießen wollen - nur zu! Geschmäcker sind verschieden und Filme sprechen ja oft bestimmte Altersgruppen an. Vielleicht ist das einfach der Preis, den man zu zahlen hat, wenn das Niveau mit dem Alter ansteigt. Wundert es keinen, daß es soo verdammt selten mal ein wirklich originelles Drehbuch gibt? Warum sich Filme ansehen, die immer nach dem gleichen Strickmuster gemacht sind?
jeez 21.04.2010
4.
Leute versuchen halt immer noch eins draufzusetzen um "innovativ" zu erscheinen. Das ist bei Hans Filmemacher nicht anders.
Vollidiot und Millionär 21.04.2010
5. Super Unterhaltung
Ich empfand den Film als sehr gute Unterhaltung und hatte ihm schon entgegengefiebert. Wer diesen Film allerdings allzu ernst nimmt, könnte natürlich mit der Gewaltdarstellung Probleme bekommen. Für mich ist der Film so surreal dargestellt, dass es da keine Probleme gibt. Übrigens genau der gleiche Grund, weshalb ich die Gewaltdarstellung in "Killbill" auch überhaupt ertragen konnte. Für mich ist der Film eine Mischung aus "Zombieland" und "Leon der Profi". Den Menschen, die sich an soetwas stören, empfehle ich, über die Begriffe Unterhaltung und Humor nachzudenken. Bei der Betrachtung des Begriffs Humor fällt ganz schnell auf, dass Humor immer dann entsteht, wenn eine Diskrepanz in der Wahrnehmung entsteht. Und das macht dieser Film ganz wunderbar. Es ist für mich irrsinnig Komisch, wie in einer Scene ein Vater auf seine Tochter schießt, um ihr zu demonstrieren, wie stark die Schmerzen mit einer Schusssicheren Weste sind. Aber ich weiß natürlich, dass Humor streitbar ist.
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