Befreiungskampf-Film mit Lauryn Hill Die brutale Ignoranz des Rassismus

Der Macher des "Black Power Mixtape" legt mit "Concerning Violence" eine noch eindrucksvollere Film-Collage vor. Zu Bildern vom antikolonialen Widerstand in Afrika liest Lauryn Hill die aufrührerischen Texte von Frantz Fanon.

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"Der Kolonialismus ist Gewalt in ihrem natürlichen Zustand, und er wird nur nachgeben, wenn man ihm mit noch größerer Gewalt begegnet." Siebeneinhalb Minuten läuft "Concerning Violence" bereits, als zum ersten Mal die Worte Frantz Fanons, des wohl wichtigsten Vordenkers der afrikanischen Antikolonialismus-Bewegung, erklingen. Sein Buch "Die Verdammten dieser Erde" von 1961 bildet die Grundlage für Göran Hugo Olssons schneidend brillanten Filmessay, der zu den sehenswerten Arbeiten dieses Herbstes gehört.

Wie schon in seinem gefeierten Dokumentarfilm "The Black Power Mixtape 1967-1975" verwendet Olsson in "Concerning Violence" hauptsächlich rares Bildmaterial aus den Archiven des schwedischen Staatsfernsehens. Aufnahmen direkt aus den Hochburgen des Freiheitskampfes in Mosambik, Angola und Guinea-Bissau sind dabei, schon eindrücklich genug in ihrer Rohheit und politischen Dringlichkeit. Doch Olsson erweitert den Bezugsrahmen der Bilder sowohl medial als auch zeitlich, indem er begleitend Lauryn Hill aus "Die Verdammten dieser Erde" rezitieren lässt.

In der druckvollen Phrasierung der ehemaligen Fugees-Sängerin und Rapperin kommt Rhythmus in Fanons machtvolle Worte, sie lösen sich von ihrer über 50 Jahre alten Vorlage und werden anschlussfähig an die Gegenwart. In Kombination mit dieser Tonspur öffnet sich auch das Bildmaterial für Fragen nach seiner Aktualität. Erkennen wir darin Fluchtlinien, die in zeitgenössische Konflikte führen? Oder ist es das Pathos der unbedingten Solidarität mit den Freiheitskämpfern, das uns aus den alten Aufnahmen heraus anspricht?

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"Concerning Violence": Die Aktualität der Gewaltfrage

Erst die Kirche, dann die Krankenhäuser

Das Archivmaterial ist nämlich auch Zeugnis eines anderen Verständnisses von Journalismus, einer Berichterstattung, die sich in der Tradition von Herbert Marcuse verpflichtet fühlt, Partei zu ergreifen für die Emanzipationsbewegungen dieser Welt. Aus diesem interventionistischen Selbstverständnis heraus lassen die schwedischen TV-Reporter gnadenlos entlarvende Situationen entstehen. Wiederholt müssen die Fernsehkameras nur draufhalten, wenn Weiße aus Südafrika oder dem heutigen Simbabwe fälschlicherweise glauben, in den Weißen aus Schweden Brüder im Geiste gefunden zu haben und ihnen ihre rassistisch durchwirkten Analysen der Weltlage darlegen.

Besonders eindrücklich gelingt jedoch die Szene, in der Journalisten ein schwedisches Missionarspaar, das sich in Tansania niedergelassen hat, interviewen. Schon die ersten, noch harmlosen Fragen bringen das in weißem Sommerkleid und gebügeltem Karohemd gekleidete Paar in Bedrängnis. Welcher Religion die Menschen hier vor der Mission angehört hätten? Halt afrikanischen Religionen. Welche Auswirkungen die Mission auf die traditionellen Familienstrukturen gehabt habe? Polygamie hätten sie vor allem verbieten müssen. Wo in der Bibel stehe denn, dass Polygamie verboten sei? Ist das nicht eher ein europäisches, denn ein christliches Verbot? Schulterzucken, Ratlosigkeit.

Als wäre die brutale Ignoranz des Paares nicht schon bewiesen, haken die Reporter noch einmal nach: Ob es stimme, dass im Dorf zuallererst eine Kirche errichtet werde, dann erst Schulen und Krankenhäuser? Ja, bestätigen die Missionare, Schulen und Krankenhäuser seien in jedem Fall nachrangig gegenüber dem Gotteshaus. Die Kamera filmt während des gesamten Interviews so, dass zwischen den zwei Weißen im Hintergrund stets ein schwarzer Arbeiter zu sehen ist, der ein Loch für die Fundamente ihrer Kirche gräbt.

Ob einen solche Szenen empören, die Berichte von den Gewalterfahrungen der Guerilla-Kämpfer bewegen, oder man sich von Lauryn Hills erbarmungslosen Vortrag aufpeitschen lässt: "Concerning Violence" ist ein Film, der die Instrumente von Agitprop mindestens so sehr offenlegt wie auch benutzt. Vorangestellt ist zwar ein Vortrag der Columbia-Professorin Gayatri Chakravorty Spivak, die Fanons Werk vorstellt, einordnet und um eine gendertheoretische Perspektive erweitert. Fast sieben Minuten dauert dieser "Vorwort" genannte Prolog. Doch dass Filmemacher Olsson damit unter Beweis stellt, dass er allein an die Macht des Wortes glaubt, darf man getrost als falsche Fährte werten.


"Concerning Violence" von Göran Hugo Olsson. Ab 18. September im Kino.

Im Rahmen der "CINEMA fairbindet" Roadshow wird Göran Hugo Olsson seinen Film in Deutschland präsentieren. Nach der Premiere am 17. September in Berlin im Kino Arsenal wird er noch bei folgenden Terminen anwesend sein:

19.09. Bonn, Rex-Kino, 20 .09. Düsseldorf, Black Box, 21.09. Hannover, Kino im Künstlerhaus, 22.09. Hamburg, Abaton

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insgesamt 4 Beiträge
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blackpride 18.09.2014
1. Zarte erste Versuche
einer Aufarbeitung der gruseligen Geschichte Europas. Der Weg ist noch weit. Erst wenn der Kolonialismus in den Schulen angekommen ist und dort genauso wie z.B. der größte deutsche Genozid als Standardwissen behandelt wird, können wir von vollständiger Aufarbeitung sprechen.
Linda14 18.09.2014
2. Keine Hilfe
Solche Filme halte ich nicht für sinnvoll, da ich seit Jahren immer mehr beobachte, dass Rassisten sowas als Vorbild nehmen. Insbesondere auch die Hetzjagd in den USA gegen Schwarze scheint hier sehr gerne in den Köpfen der Nazis angekommen zu sein. Bei aller Aufklärung und Verarbeitung finde ich das Ergebnis eher schädlich als helfend und nützlich! Aber darüber scheinen sich die Wenigsten Gedanken zu machen. Warum schließt man das Kapitel nicht einfach ab und behandelt die Menschen endlich gleich? Und geht gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entschiedener vor? Im Gegenteil, da hat man nun auch noch Nazis mit Doktortitel, die man über sich ergehen lassen muss!
Traudhild 18.09.2014
3.
Klasse, endlich wieder ein "Lebenszeichen" der Meisterin des imo weltklasse Albums "The Miseducaton auf Lauryn Hill"
Okello 19.09.2014
4. Afrikanische Totenklage
Ich empfehle die "Afrikanische Totenklage" vom Peter Scholl-Latour. Ist auf jeden Fall viel näher an heutigen Problemen Afrikas als ein Versuch US-Rassismus nach Afrika zu exportieren. Grüße aus Uganda.
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