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Contergan-Doku: Vom Schmerz zur Würde

Von Antje Harders

Behinderte als Aktmodelle: Für seine Dokumentation "Nobody's Perfect" hat Contergan-Opfer Niko von Glasow andere Geschädigte nackt vor die Kamera gebracht. Mit seinem exzellenten Film will er endlich als Regisseur wahrgenommen werden - nicht als Mann mit kurzen Armen.

Seine Frau brachte es auf den Punkt: "Du musst dem Teufel in den Arsch gucken." Der Teufel, das war das Schicksal, mit dem Niko von Glasow sein Leben lang haderte: seine kurzen Arme.

Mehr als 40 Jahre lang hatte der Kölner versucht, den Gedanken an seine Behinderung zu verdrängen, so gut es eben ging. Er ging nie mit seinem Sohn ins Schwimmbad, wechselte die Straßenseite, wenn ihm ein anderer Contergangeschädigter entgegen kam.

Doch irgendwann hatte er genug - und schlug einen radikalen Weg ein: Für seine Dokumentation "Nobody’s Perfect" überredete der Regisseur elf Contergangeschädigte, nackt für einen Aktkalender zu posieren. Der Zwölfte war er selbst. Zum Kinostart stellt von Glasow nun die Fotos in sieben deutschen Städten auf öffentlichen Plätzen aus.

Störfaktor der Postkartenoptik

Zum Beispiel in Stuttgart: Einen Strohhut auf dem Kopf, die Schuhe ohne Schnürsenkel, steht der Regisseur vor seinem eigenen Nacktporträt in Lebensgröße auf dem Schlossplatz und erklärt Passanten die Modelle. Ein Schulmädchen sieht wie gebannt auf seine Arme. "Da sollst du hinstarren", sagt von Glasow und zeigt auf die Fotos: der Astrophysiker Stefan, die Dressurreiterin Bianca, der BBC-Moderator Fred. Würdevoll, herzlich und auffallend lebenslustig lächeln sie ihre Betrachter an, als ästhetische Provokation. Auch von Glasows Film porträtiert die Modelle ganz ohne Larmoyanz. Schließlich sollen sie kein Mitleid erheischen, sondern Berührungsängste abbauen.

"Endlich mal nicht die typischen H&M-Models", freut sich eine Mutter. Ihre Tochter, sieben Jahre alt, vergisst, am Eis zu schlecken und fährt mit dem Finger auf dem Foto entlang. Eine Passantin beglückwünscht von Glasow überschwänglich zu den Aufnahmen, "wegen des Muts und der Ästhetik".

Für andere sind sie einfach ein Störfaktor in der Stuttgarter Postkartenoptik. "Wenn man schon behindert ist, muss man sich dann noch so zeigen?", grummelt ein Herr mit Stock. Und eine Rentnerreisegruppe aus Kornwestheim wagt ihre eigene künstlerische Interpretation des Porträts von Gärtner Theo und dessen Rosenbusch: "Das soll wohl den Gegensatz zeigen zwischen der schönen Rose und dem Behinderten."

"Ich habe meine Wut in Kreativität verwandelt."

Von Glasow nimmt die Kommentare gelassen. "Ein Conti geht entweder innerlich an seinem Schicksal zugrunde – oder er entwickelt ein ganz besonderes Selbstvertrauen. Ich habe meine Wut in Kreativität verwandelt."

Trotzdem war "Nobody’s Perfect", die erste Dokumentation des Spielfilmregisseurs, ein Kraftakt. Nicht nur weil jede seiner Figuren für von Glasow wie ein Spiegelbild war. Der 48-Jährige befürchtete, dass er für die Öffentlichkeit wieder nur Conterganer sein werde, nicht Regisseur. Wie so oft auf Filmfestivals. "Wenn ich neben meinem Freund, dem Regisseur Wim Wenders stehe, drehen die Fernsehreporter keine Bilder von uns. Es ist ihnen zu kompliziert, in ihren Kurzbeiträgen zu erklären, dass ich ein behinderter Regisseur bin." Vielleicht, so hofft von Glasow, wird das nach "Nobody’s Perfect" einfacher. "Wie bei Thomas Quasthoff, dem Bariton, der muss sich nicht mehr erklären."

Bisher aber bleiben die Angebote als Regisseur aus. Von Glasow produzierte alle seine Filme selbst. Berührungsängste hatte er selten: Nach dem Abitur schmuggelte er politische Flüchtlinge von Uganda nach Ruanda. Später ließ er sich als Regieassistent von Rainer Werner Fassbinder herumscheuchen, mimte für Jean-Jaques Annaud einen Mönch in "Der Name der Rose". In Kürze will er in Lhasa die tibetische Filmhochschule gründen.

Bei der Firma Grünenthal jedoch, dem Hersteller des Medikaments Contergan, beißt von Glasow auf Granit. Zwei Jahre lang bat er den Juniorchef vergeblich um ein Gespräch. "Er ist ja in gewisser Weise auch contergangeschädigt durch seine Familiengeschichte. Wer 5000 tote und 5000 missgebildete Kinder zu verantworten hat, der leidet." Offiziell entschuldigt hat sich das Unternehmen bis heute nicht. In seiner Dokumentation stellt von Glasow der Firma sein Aktfoto vor die Tore – ohne Reaktion.

Umso mehr freut sich der Regisseur über die Begeisterung seines Publikums. "Die Leute identifizieren sich auf ihre Weise mit den Bildern. Jeder hat doch seine eigene Behinderung, einen inneren Schmerz, ob man den nun sieht oder nicht", sagt von Glasow. Dann klingelt sein Handy. Ein Fernsehteam wartet, um ihn zu interviewen. Als Regisseur.

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