Cop-Thriller "Tropa de Elite": Hier kriegt der Folterknecht recht

Von

Riefenstahl in Rio oder realistisches Gesellschaftsporträt? Der umstrittene Cop-Thriller "Tropa de Elite" zeigt eine knochenharte brasilianische Eliteeinheit, die in den Armenvierteln mal so richtig aufräumt. Ein politisch extrem gefährlicher Slum-Schocker.

Ganz Brasilien kennt Capitão Nascimento. In den Straßen von Rio de Janeiro werden Puppen verkauft, die sein Konterfei tragen, und fast sämtliche großen Zeitschriften des Landes haben letztes Jahr Covergeschichten über ihn gebracht, in denen er entweder als ordnungspolitischer Superheld dargestellt wurde. Oder als faschistoider Haudrauf.

Wer also ist dieser Capitão Nascimento - ein unkorrumpierbarer Gesetzeshüter, der endlich in den rechtsfreien Zonen der Favelas aufräumt, oder schlicht und einfach ein Folterknecht?

Selbst äußern kann sich der Polizeihauptmann zu Lob und Kritik seiner Person nicht. Schließlich ist er reine Fiktion. Als Hauptfigur des Cop-Thrillers "Tropa de Elite" kämpft er sich mit der Spezialeinheit BOPE durch die Elendszonen Rios, die von der regulären Polizei schon längst aufgegeben worden sind und nur noch zum Einsammeln von Bestechungsgeldern betreten werden.

Capitão Nascimento, vom zuvor eher unbekannten Schauspieler Wagner Moura als getriebener Gewissensmensch verkörpert, scheut indes nicht den Frontalkontakt mit den Slum-Gangstern: Mal drohen er und seine Leute bei einem Verhör, einen kleinen Drogendealer mit einem Besenstiel zu vergewaltigen, mal ziehen sie Gefangenen Plastiktüten über den Kopf, um Geständnisse zu erpressen. Die Moral, wie wundersam, scheint trotzdem immer auf der Seite von Capitão Nascimento und den Seinen zu sein.

In der am meisten diskutierten Szene dieses ohnehin sehr kontrovers aufgenommenen Films freut sich der Held in höllenschwarzer Uniform über seine anstehende Vaterschaft. Das Handy am Ohr ruft er den anderen Polizisten zu: "Es gibt was zu feiern, ich werde Vater!" Das Kollegium jubelt, während am Boden ein Dutzend Leichen liegt - die Folgen eines aus dem Ruder gelaufenen Einsatzes.

Es kann also nicht wirklich verwundern, dass Regisseur José Padilha mit "Tropa de Elite" in Brasilien heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Schon vor dem offiziellen Start sollen 12 Millionen Menschen seinen Film als Raubkopie auf DVD gesehen haben, in den Kinos waren es dann noch einmal 2,5 Millionen Zuschauer. Das Lob, das danach aus der einen Ecke kam, konnte Padilha genauso wenig gefallen wie die Kritik aus der anderen. Während rechte Politiker seine Hauptfigur als Mann der Tat feierten, wurde ihm von linker Seite vorgeworfen, er verherrliche einen Protofaschisten.

Wie befriedigend musste es da für den Filmemacher gewesen sein, als sein Werk auf der Berlinale 2008 den Goldenen Bären bekam. Zumal die Jury von Constantin Costa-Gavras angeführt wurde, jenem Pionier des Politthrillergenres, der in Filmen wie "Der unsichtbare Aufstand" immer wieder von den linken Befreiungsorganisationen Lateinamerikas erzählt hat. So einer zeichnet ganz bestimmt keinen rechten Mummenschanz aus.

Tatsächlich, von Verherrlichung kann bei "Tropa de Elite" keine Rede sein. Ursprünglich wollte Padilha, von Haus aus Dokumentarfilmer, eine Reportage über Rios "Batalhão de Operações Policiais Especiais" drehen, jene paramilitärische Eliteeinheit, die sich unter dem Kürzel BOPE als einzige staatliche Institution noch Zugang zu den Favelas verschafft. Weil er allerdings keine Drehgenehmigung erhielt, verdichtete er den Stoff mit einem Ex-Mitglied der Kampftruppe als Co-Autor zum quasi-dokumentarischen Thriller.

Die Geschichte spielt im Jahr 1997, als der Papst seinen Besuch in Rio de Janeiro angekündigt hatte und die unmittelbare Nachbarschaft seines geplanten Aufenthaltsortes samt anliegender Favela zur Sicherheitszone umgerüstet wurde. Vier Monate dauerte die von dem damals noch jungen Spezialbataillon durchgeführte "Operation Heiligkeit", bei der 30 Menschen getötet wurden.

Regisseur Padilha nutzt nun das reale Szenario, um die Kapital- und Kraftströme der brasilianischen Elendspolitik nachzuzeichnen: Während die städtische Polizei gerne am Status quo festhalten will, um ihr mageres Salär durch die Schmiergelder der Favela-Mafia aufzubessern, schwören sich die BOPE-Kämpfer mit martialischen Riten auf ihre Unkorrumpierbarkeit ein.

Doch wie soll man sauber bleiben in einem Land, in dem offensichtlich jeder irgendwie an Recht und Gesetz vorbei wirtschaftet? Denn nicht nur die reguläre Polizei arbeitet gegen die BOPE an, sondern auch die Nichtregierungsorganisationen in den Favelas, die mit Duldung der dortigen Drogenfürsten Bildung und Gesundheitsvorsorge organisieren.

An diesem Punkt kippt "Tropa de Elite" tatsächlich in die Polemik: In einem zweiten Erzählstrang wird von einem idealistischen schwarzen Nachwuchs-BOPE-Kämpfer berichtet, der Jura studiert und mit seinen Kommilitonen eine Sozialstation im Armenviertel unterstützt. Bald muss der allerdings erkennen, dass seine reichen weißen Mitstudenten die Sozialarbeit bequem mit dem Drogeneinkauf verbinden - und damit die kriminellen Strukturen stärken. Rich kids on LSD: nicht unbedingt die beste Werbung für linke NGO-Einrichtungen.

Wenn aber weder auf Regierungsorganisationen noch auf Nichtregierungsorganisationen Verlass ist, dann wird die Gerechtigkeit zur Sache einiger weniger Unerschrockener, die es mit den sowieso schon ausgehöhlten Gesetzen nicht so genau nehmen können.

Mit dieser Erkenntnis schlägt die zuvor so genaue Gesellschaftsanalyse eben in einen riskanten Selbstermächtigungsfiebertraum um: Der Regisseur drängt die Zuschauer mit einem Gewaltakt in Sachen Schnitt und Kameraführung gnadenlos in die Perspektive der Elite-Kämpfer. In atemlosen Handkamerasprints und schwindelig machenden Zooms ahmt er den Shoot-and-Cover-Rhythmus ihres Alltags nach. Einmal schnellt die Kamera zu einem grimmigen Metal-Riff auf den Totenkopf im BOPE-Emblem ran - Bildgestaltung der paramilitärischen Art.

So bleibt "Tropa de Elite" trotz aller stilistischen Rigorosität weit hinter Fernando Meirelles Favela-Epos "City of God" zurück, das ein paar Jahre zuvor auf internationalen Festivals für Furore und in der brasilianischen Gesellschaft für dringend notwendige Debatten sorgte. Wo Mereilles in seinem ausgeklügelten Gemisch aus Musikvideoästethetik und Quasi-Doku immer wieder auf analytische Distanz zu den Figuren und ihrer Politik geht, da macht Padilhas die Logik seiner Helden zur Logik seiner Erzählung.

Das beschriebene "Unternehmen Heiligkeit" wird auf diese Weise zum Heiligen Krieg. Als Parabel über gute und böse Gewalt ist die Geschichte des Capitão Nascimento deshalb eine extrem gefährliche Angelegenheit. Als Dokument einer sich selbst abwickelnden Zivilgesellschaft könnte der im wahrsten Sinne des Wortes paramilitärische Schocker aber keine größere Dringlichkeit aufweisen: Hier führt ein Land gegen sich selbst Krieg.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Man muss in Rio leben, um den Film wirklich zu verstehen
thommyo 04.08.2009
Ich habe fast 5 Jahre in Rio gelebt. Keinen den ich kennen, hat jemals gesagt, "die armen Drogenhändler", oder, ups ein unschuldiger. Ich arbeitet in der Nähe einer Favela: Als ich eines morgens fragte, was fuer ein schwarzer Qualm das da aus der Favela waere, meinte ein Einwohner nur, Mikrowelle "Mensch in Reifen, Alkohol übergossen, und anzünden". Alltag. Wir haben den Film freunden hier in Europa gezeigt. Keiner konnte wirklich nachvollziehen, was fuer wirkliche Probleme der Film aufzeigt! Die Einwohner von Rio sehnen sich dass der Drogenkrieg aufhoert, dass den korrupten Polizisten (& Politkern) den Prozess gemacht wird, dass die "reichen" in Rio (und Europa) die Drogen nicht kaufen, und dass "wir" keine Waffen mehr verkaufen. Die Diskussion of nun zu rechts und zu links, "Protofaschisten", das interessiert in Rio keinem, denn es herrscht wirklich Krieg, jeden Tag, zu fast jeder Stunde!
2. Aha
bloggide 04.08.2009
Nun ja, wir sind da in Deutschland etwas hinterher. Wir arbeiten erst noch an der Herstellung wirtschaftlicher Verhältnisse, in denen solche Handlungen überhaupt möglich werden. Brasilien ist das Labor einer mittelfristigen deutschen Zukunft wenn es in unserer Sozial- und Arbeitsmarktpolitik keine Umkehr gibt.
3. martialischer SPON-Titel im Bild-Stil
AntiTaliban 04.08.2009
Was soll dieser reisserische Titel "Hier kriegt der Folterknecht Recht"? Genauso könnte man kontern: SPON stellt sich auf die Seite von folternden Drogenbaronen. Also liebe Spiegel-Redakteure: Schreibt seriöse Überschriften und versucht nicht das Blatt mit den riesigen Buchstaben zu imitieren. Oder wollt ihr den Spiegel zur Bildzeitung für Intellektuelle machen?
4. Grobmotorische Vorwegnahme des westlichen Dilemmas
gspotwagner 04.08.2009
So kanns gehen wenn man sich den Bürgerkrieg in Süd- und Mittel"arm"erika zum ästhetischen Vorbild nimmt. Bei uns geht das anders. Bürgerkrieg wird zur mentalen Lifestyle-Auseinandersetzung wieviel und welche Apps man auf dem 8/16/32er iPhone hat. Wird dennoch erschossen, dann aus romantischen Gründen (www.citizoom.tv) LG aus Berlin sieh auch VICE Guide to Berlin - treffender gehts nicht. Armselig, diese Favela-Routine
5. wie bitte??
Hugh Theo 04.08.2009
Zitat von bloggideNun ja, wir sind da in Deutschland etwas hinterher. Wir arbeiten erst noch an der Herstellung wirtschaftlicher Verhältnisse, in denen solche Handlungen überhaupt möglich werden. Brasilien ist das Labor einer mittelfristigen deutschen Zukunft wenn es in unserer Sozial- und Arbeitsmarktpolitik keine Umkehr gibt.
Wissen Sie eigentlich, wovon Sie überhaupt reden??
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Durchgeblickt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 57 Kommentare
Fotostrecke
"Tropa de Elite": Paramilitärischer Slum-Schocker