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Familiendrama "Was bleibt": Schlaf der Selbstgerechten

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Mama ist bipolar, die Söhne leiden. Doch ist die Frau wirklich am verpfuschten Leben ihrer Lieben schuld? "Was bleibt" ist ein kluges Drama über die Familie im ewigen Ausnahmezustand. Das einzige Manko: Corinna Harfouch spielt zu gut.

Wenn man etwas zu verkünden hat, schart man gerne seine Lieben um sich. Beförderungen, Hochzeiten und Jubiläen lassen sich im Kreise der Familie am besten begehen. Auch Mutter Gitte (Corinna Harfouch) will feiern und hat deshalb für ein Wochenende den Nachwuchs zusammengetrommelt: 30 Jahre Depression, 30 Jahre im Bann einer Krankheit. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Gerade hat Gitte ihre Pillen abgesetzt.

Applaus gibt es für diese Ankündigung nicht. Ohne ihre Antidepressiva ist Gitte unberechenbar, ohne Antidepressiva verwandelt sie das Eigenheim in eine Hölle. Dabei war doch alles in Ordnung, "Mama war eingestellt", wie einer der Söhne später dem anderen in der Küche zuflüstert. Jetzt sind alle Augen voller Angst auf Gitte gerichtet: Wann wird sie explodieren?

Die Mutter als negatives Kraftzentrum, eine Rolle wie geschaffen für Corinna Harfouch, die sich in "Was bleibt" als Meisterin des gedrosselten Spiels beweist. Sie verkörpert die Depressive eben nicht als zitterndes Nervengerüst, als die Familie hinwegfegende Furie. Mal bricht ihr abrupt das Lächeln weg, mal schaut sie mit diesem sonderbar entrückten Blick. Harfouch, die hier ihren vielleicht besten Filmauftritt hat seit der Sponti-Mutter 2007 in Alain Gsponers "Rose", vermittelt auch im stillsten Moment ein Potential verheerender Zerstörungskraft: Mama, die Bombe.

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"Was bleibt": Vater, Mutter, Depression
Wie die Depressive, die sie spielt, zieht Harfouch unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich. Die anderen Darsteller, das liegt in der Natur der Sache, geraten da ein wenig aus dem Fokus. Ihr Spiel bleibt statisch. Dabei ist Hans-Christian Schmids Film, der auf der Berlinale 2012 eher gemischte Reaktionen hervorrief, eben keine Krankenakte einer Psychiatriepatientin, sondern ein Familiendrama mit kompliziertem Wirkungsgeflecht. Wer hier wen beeinflusst, was hier welche Störung hervorgerufen hat, ist nicht so leicht aufzulösen.

Ehe als Anlageprojekt

Natürlich, von Mutters Krankheit ist immer eine mächtige negative Energie ausgegangen. Aber könnte es sein, dass sich die restlichen Familienmitglieder in diesem negativen Energiefeld ganz gut eingerichtet haben? Ambitionen werden zurückgestellt, das verhindert Enttäuschungen. Somnambul bewegen sich Mann und Kinder von Gitte durch ihr Dasein, gelegentlich scheinen sie in einer Art Schlaf der Selbstgerechten dahinzudämmern.

Da ist zum Beispiel Ehemann Günter (Ernst Stötzner), ein frisch pensionierter Verleger, der sich nach 30 Jahren Pflegeeinsatz jetzt endlich tolle Reisen nach Nahost gönnen will. Geliebte inklusive. "Ich habe mein Leben in die Ehe investiert", sagt er einmal; als ob eine Beziehung eine Firmenbeteiligung mit Renditeversprechen ist. Und jetzt fällt ihm auf einmal auf, dass der Gewinn an Glück durch Gitte eher gering ist.

Auch Sohn Jakob (Sebastian Zimmler) hat sich aufgeopfert. Er betreibt glücklos eine Zahnarztpraxis im Heimatort der Familie, weil er sich immer dazu verpflichtet gefühlt hat, Verantwortung für die Mutter zu übernehmen. Für ausbleibende Einnahmen kommt der wohlhabende Verleger-Vater auf. Marko (Lars Eidinger), der andere Sohn, ist ebenfalls nicht so recht in einem eigenen Leben angekommen: Er ist ein Streuner, ein Prediger des Provisoriums - und der einzige, der es gut findet, dass Gitte die Pillen absetzt. Hat ja auch leicht reden, war ja nie da, wenn die Mutter auf die anderen einschrie.

Lakonisch, aber nicht ohne Empathie erzählt Schmid in "Was bleibt" (Buch: Bernd Lange) von der neurotischen Gemengelage, Familie ist hier ein ewiger Ausnahmezustand. Man fühlt mit den Charakteren, ohne ihnen zu verfallen. Die visuelle Wucht seines Frühwerks "23" erreicht der Regisseur freilich ebenso wenig wie die psychologische Zwangsläufigkeit seines Exorzismus-Dramas "Requiem". Am Ende steuert Schmid - dem fatalen Ausgang der Krankengeschichte zum Trotz - auf eine Art Zwangsharmonisierung der Figuren hin.

Überflüssigerweise. Denn oft genug gibt es in "Was bleibt" Momente verquerer Zärtlichkeit. Etwa wenn sich die Familie im Wohnzimmer spontan dazu hinreißen lässt, unisono Charles Aznavours legendären Depro-Chanson "Du lässt dich gehen" anzustimmen. Da betritt auf einmal, ummäntelt von Angst und Zorn, die Liebe den Raum.

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1. Aufhänger
claptomane 06.09.2012
Abgesehen davon, dass ich Frau Harfouch ganz großartig finde, bleibt bei mir die Frage offen, wo der Film nun stattfindet. Lief der nun im TV, kommt er demnächst oder sogar auf Leinwand? Und falls ein Kinorelease gemeint ist, noch eine Frage: welche Dt. Produktion war die letzte, die einen echten Kinostoff mit entsprechender visueller Umsetzung in die Kinos gebracht hat? Gerade gestern kam auf InfoRadio ein Zitat eines bekannten HHer Musikers, der sinngemäß sagte:"Grossmutters Krebsgeschwür und das Drama dazu brauche ich nicht auf Leinwand, das gucke ich mir - wenn überhaupt - nach download auf der Glotze an. " Na Cloud Atlas jedenfalls wird so ein Leinwand-Film definitiv werden. Aber was gab's vergleichbares davor?
2. Kinder von manisch depressiven Eltern
e-l 06.09.2012
Dieses Thema beschäftigt die Kinder von manisch depressiven Eltern ihr Leben lang. Vielleicht kann dieser Film ihnen zeigen, dass es ein Thema ist, mit dem sie nicht alleine sind. Leider wird es wohl wieder so sein, dass ein solcher Film nur in die Großstädte kommt. Der Kinofilmstart ist am 06.09.2012. Mehr Infos habe ich hier gefunden: http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/kino-kino/was-bleibt-filmkritik-100.html oder auf der ard-Seite: http://www.ard.de/kultur/film-kino/wasbleibt/-/id=8328/nid=8328/did=2611162/l94cfs/ Schöne Grüße aus der Region Koblenz
3. offene Frage?!
-poul- 06.09.2012
Zitat von claptomaneAbgesehen davon, dass ich Frau Harfouch ganz großartig finde, bleibt bei mir die Frage offen, wo der Film nun stattfindet. Lief der nun im TV, kommt er demnächst oder sogar auf Leinwand? Und falls ein Kinorelease gemeint ist, noch eine Frage: welche Dt. Produktion war die letzte, die einen echten Kinostoff mit entsprechender visueller Umsetzung in die Kinos gebracht hat? Gerade gestern kam auf InfoRadio ein Zitat eines bekannten HHer Musikers, der sinngemäß sagte:"Grossmutters Krebsgeschwür und das Drama dazu brauche ich nicht auf Leinwand, das gucke ich mir - wenn überhaupt - nach download auf der Glotze an. " Na Cloud Atlas jedenfalls wird so ein Leinwand-Film definitiv werden. Aber was gab's vergleichbares davor?
Ihre Frage bleibt nicht offen - die Antwort finden Sie wie immer links vom Beitrag. Also: Kinofilm der am 06.10.2012 anläuft.
4.
-poul- 06.09.2012
Zitat von claptomaneAbgesehen davon, dass ich Frau Harfouch ganz großartig finde, bleibt bei mir die Frage offen, wo der Film nun stattfindet. Lief der nun im TV, kommt er demnächst oder sogar auf Leinwand? Und falls ein Kinorelease gemeint ist, noch eine Frage: welche Dt. Produktion war die letzte, die einen echten Kinostoff mit entsprechender visueller Umsetzung in die Kinos gebracht hat? Gerade gestern kam auf InfoRadio ein Zitat eines bekannten HHer Musikers, der sinngemäß sagte:"Grossmutters Krebsgeschwür und das Drama dazu brauche ich nicht auf Leinwand, das gucke ich mir - wenn überhaupt - nach download auf der Glotze an. " Na Cloud Atlas jedenfalls wird so ein Leinwand-Film definitiv werden. Aber was gab's vergleichbares davor?
sorry verschrieben meinte 06.09.2012
5. schauspiel gegen verständnis
autocrator 06.09.2012
Zitat von sysop23/5 FilmproduktionMama ist manisch depressiv, die Söhne leiden. Doch ist die Frau wirklich am verpfuschten Leben ihrer Lieben schuld? "Was bleibt" ist ein kluges Drama über die Familie im ewigen Ausnahmezustand. Das einzige Manko: Corinna Harfouch spielt zu gut. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,853815,00.html
Persönlich finde ich Harfouchs Spiel nahe am Unerträglichen - so sehr geht ihre Darstellungskunst unter die Haut. Es schmerzt fast, ihr zuzusehen, sie ist mit Sicherheit eine ganz ganz Große ihrer Zunft. Die Rolle einer Depressionspatientin ist ihr auf den Leib geschrieben - dagegen kann kein anderer Schauspieler anspielen. Ob der film zu einem besseren und breiteren Verständnis von Depression beitragen wird - ich vermute mal: eher nicht. Der Satz (sinngemäß) "sie ist seit Jahren (medikamentös) eingestellt" zeugt zumindest davon, dass der Drehbuchschreiber/Regisseur sich wenig mit der Materie auseinandergesetzt hat: Die Medikamentierung ist bei Depressionspatienten ein ständiger Kampf, ein fortgesetztes Ausprobieren und Rumexperimentieren mit der Dosis, und zu allem Überfluss verlieren die Medikamente nach 2 bis 5 Jahren in der Regel ihre Wirkung und es muss ein neues gefunden werden. Da lässt sich nichts "einstellen", geschweige denn "seit Jahren". Sicher, das mag eine Petitesse sein, Thema des Films ist ja nun auch das Familiendrama und es ist schließlich auch nicht ein Dokumentarfilm. Aber, gerade weil er so hochkarätig besetzt ist, wird dieser Film auch prägend sein, das gesellschaftliche Bild von der Krankheit mitbestimmen. Man wird sich den Film auch unter diesem Aspekt ansehen müssen, und Filmkritiken, wenn sie gut sein wollen, werden diesen Aspekt mit beinhalten müssen.
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Was bleibt

Deutschland 2012

Regie: Hans-Christian Schmid

Drehbuch: Bernd Lange

Darsteller: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Ernst Stötzner, Sebastian Zimmler

Produktion: 23/5 Filmproduktion

Verleih: Pandora

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 6. September 2012

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