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Cruise spielt Stauffenberg: Die unmögliche Mission

Von Frank Schirrmacher

Darf Tom Cruise, der Sektierer und bedingungslose Gefolgsmann einer dubiosen Geheimorganisation, den deutschen Widerstandshelden Claus Graf Schenk von Stauffenberg spielen?

Wie kann man auf so etwas hereinfallen? Wie kann ein so brillanter, charmanter, umschwärmter, selbstbewusster Mann sich dieser Sekte ergeben? Er macht ja alles mit, redet wie sie, urteilt wie sie, nimmt an ihren Treffen teil und "schwört", dass das ihm zuteilgewordene geheime "Wissen" ihn bestimme.

Es ist eine schwer erklärliche Liebes- und Abhängigkeitsgeschichte, unaufhellbar am Ende, die man nun aber doch, angesichts der Debatte um die Unwürdigkeit eines Stauffenberg-Darstellers und seiner Verteidiger, ein wenig ans Licht heben muss.

In der Tat: Wie kann man so etwas glauben? Eine Organisation, deren Statuten kein Mensch kennt, deren Mitglieder sich verbergen und die nach Jahren des stillen Wirkens ausdrücklich weltliche Herrschaft beansprucht, sich im Inneren längst als Alternativstaat begreift und sich sogar so nennt.

Und er? Er glaubt daran. Er glaubt an diese unauflösbare Mischung aus Lebensphilosophie, Kirche und Wissenschaft, an diese sakrale Tyrannei, die nicht nur himmlische, sondern (wörtlich) "irdische Herrschaft" will und stets mit der offenbar sehr konsequenten Unterwerfung und Umprogrammierung ihrer Mitglieder beginnt – so sehr, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr wiedererkennen und mit umfangreichen Aktionen beruhigt werden müssen.

Er glaubt an diesen Religionsstifter, ein Literat – er glaubt an einen Mann, der jahrelang nur als Modeschriftsteller in Erscheinung trat, und zwar keiner, der aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit entstiegen wäre, sondern ein Mann des 20. Jahrhunderts, einer, der mit Eisenbahn und Autos fährt, Zentralheizung und Telefone bedient und dessen Himmel schon von Flugzeugen durchkreuzt wird.

Dessen Botschaft ist – allen Infiltrationsversuchen zum Trotz – für Außenstehende allerdings kaum zu verstehen, und das Kritische, das wir wissen, stammt ausnahmslos von Aussteigern. Sie berichten von Unterwerfung und Abhängigkeit, einer fast totalitären Metaphysik der Sitten, einer "Herrschaft um der Herrschaft willen"; von einigen weiß man unzweifelhaft, dass sie sich noch Jahrzehnte nach dem Ausstieg verfolgt fühlten, manche bis in die Stunde ihres Todes.

Am Ehrgeiz, Kirche sein zu wollen, ist nicht zu zweifeln, am Ehrgeiz, Wissenschaft zu sein, aber auch nicht. Einer, der den hermetischen Teil des literarischen Werkes besonders gut kennt, hat gezeigt, wie oft es sich liturgischer Formen bedient, mit den Begriffen "des Advents und der Responsorien, der Initiation und der Totenmesse, der Wallfahrt, der Gebete, des Sakraments und der Ekstase" spielt, um so den kirchlichen Charakter zu beweisen. Auf der anderen Seite greift dieser Staat im Staate nach der Wissenschaft, beeinflusst und macht Karrieren vor allem in den Geisteswissenschaften, vertritt aber, durch den Mund einiger seiner frühen Mitglieder, auch die absurdesten telekinetischen und biologischen Ideen.

So stehen die Dinge, und so stehen sie nicht gut. Aber hier ist nicht die Rede von Tom Cruise, sondern von Claus Graf Schenk von Stauffenberg, und nicht von Scientology, sondern vom George-Kreis, von jenem Milieu also, dem Stauffenberg seine entscheidende Prägung verdankte. Wir befinden uns nicht im Jahre 2007, sondern im Jahre 1927 – in drei Jahren wird unter dem Titel "Herrschaft und Dienst" die Verfassung des Kreises erscheinen. Nicht nur war Stauffenberg damals eine der entscheidenden, von George selbst so benannten "Staatsstützen" des sektiererischen Zirkels, er wurde sogar gesetzlicher Erbe und Testamentsvollstrecker des Werkes und damit auch in gewisser Weise der Nachlassverwalter seiner Prophetien.

Zwischen Ron Hubbard und Stefan George liegen – um jedes Missverständnis auszuschließen – Lichtjahre. Der George-Kreis war keine Hunderte-Millionen-Dollar-Industrie und auch kein Instrument finanzieller Bereicherung. Und dennoch wäre er heute im Überwachungsbereich des Sektenbeauftragten und – denkt man an die von George 1933 zugestandene "Ahnherrschaft" der "neuen nationalen Bewegung" – auch des Verfassungsschutzes.

Daran ist zu erinnern, wenn man die gespensterhafte Debatte um die staatstragende Würdigkeit von Tom Cruise angemessen beurteilen will. Cruise soll am authentischen Ort des Geschehens nicht drehen dürfen, um dessen Würde zu wahren – ein Verbot, das überzeugend nur wäre, wenn der Ort für Filmproduktionen immer schon gesperrt worden wäre. Zum Glück – denn nur deshalb verfügen wir über die großartige Stauffenberg-Darstellung von Sebastian Koch – war er das nicht.

Die Instrumentalisierung der Würde ist ebenso abstoßend wie durchsichtig; in Wahrheit geht es, wie Liane von Billerbeck im Deutschlandradio richtig mutmaßt, um Deutungshoheit. Wie sehr, das zeigte die Reaktion des Gedenkstätten-Chefs Peter Steinbach auf Florian Henckel von Donnersmarck. Dessen Intervention für Cruise nannte Steinbach in einem Interview "verkommen", und dieses Wort, im Kontext des 20. Juli gesprochen, in dem das Wortfeld "verkommen" eindeutig konnotiert wurde, ist würdeloser und anmaßender und geschichtsloser, als es die Filmaufnahmen im Bendler-Block je sein könnten.

Das Bundesfinanzministerium sollte dem amerikanischen Filmteam die Erlaubnis geben, im Bendler-Block zu drehen. Kann sein, der Film wird schlecht, kann sein, er wird fatal. Aber wenn wir uns nicht den Deutungen lebendiger Menschen aussetzen, und sei es aus Neugier, erstarrt der wichtigste Teil unserer Geschichte zu Stein. Nicht der Schauspieler Tom Cruise ist das Problem; das Problem ist, dass wir Stauffenberg selbst zum puren Darsteller einer Mission machen. Erst nachdem ein Großteil der Kriegsgeneration abgetreten ist, hat die Gesellschaft ihren Frieden mit den Attentätern vom 20. Juli gemacht. Doch nun, nach mehr als 60 Jahren, behandeln wir ihn, als sei er, der historische Stauffenberg, selbst nur der Schauspieler einer historischen Rolle, der "Attentäter", der "Widerständler", eine Art Text- und Rollenaufsagegerät. Der wahre Stauffenberg dürfte heute Stauffenberg nicht spielen aus ideologischen und gesinnungsethischen Gründen. Man will einen Mann ohne Hintergründe, ohne Irrationalitäten, ohne Erdenrest. Wer weiß, vielleicht gibt Tom Cruise uns den zurück?

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Stauffenberg-Film: Wider den Scientologen Cruise

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