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Cumberbatch, Gyllenhaal, Witherspoon: Hier kommen die Oscar-Anwärter

Aus Toronto berichtet

Filmfest Toronto: Die wichtigsten neuen Filme Fotos
Courtesy of TIFF

Mit dem Filmfestival in Toronto beginnt für die US-Kinobranche die Oscar-Saison. Hier sind die besten und wichtigsten Entdeckungen im Überblick.

Es mag im Nachhinein keine gute Idee gewesen sein, am ersten Festival-Wochenende auf jene Filme zu verzichten, die bereits auf anderen Festivals Weltpremiere gefeiert hatten. Vor allem das kleine, aber zunehmend aggressive Mini-Festival in Telluride, Colorado, hat es sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum Sport gemacht, dem mächtigen Toronto prestigeträchtige Premieren wegzuschnappen, die dann auch noch Oscars gewonnen haben. Im vergangenen Jahr waren das unter anderem "Gravity" und "12 Years A Slave".

Dieses Jahr schnappte sich Telluride ebenfalls einen der eindeutigen Oscar-Anwärter, das Historiendrama "The Imitation Game" mit Benedict Cumberbatch als Mathematiker Alan Turing. Auch der neue Film von "Dallas Buyers Club"-Regisseur Jean-Marc Vallée, das Selbstfindungsdrama "Wild", lief zuerst in Telluride, ebenso wie der von Kritikern bestaunte Eröffnungsfilm des Venedig-Festivals, Alejandro González Iñárritus "Birdman".

Toronto, nach wie vor das größte und wichtigste nordamerikanische Filmfest und traditionell Startpunkt zahlreicher Oscar-Kampagnen, reagierte verschnupft und verbannte die Screenings der Telluride-Filme in die zweite Hälfte des Festivals, wenn der größte Trubel sich langsam zu legen beginnt. Kann man machen - wenn man zugleich mit hochkarätigen Weltpremieren punkten kann. Vielen Festivalbesuchern erschien das erste Toronto-Wochenende jedoch seltsam mau, einige Einkäufer berichteten gar, sie hätten am Freitag, traditionell einer der vollgepacktesten Tage, nicht gewusst, was sie sich ansehen sollten.

Es entstand der Eindruck, als hätte Toronto es in diesem Jahr nicht geschafft, die wichtigsten Filme der beginnenden Awards-Saison zu ergattern, zumal das ebenfalls wachsende New York Film Festival, das im Oktober beginnt, sich zwei wichtige Premieren sichern konnte: David Finchers Bestseller-Verfilmung "Gone Girl" und Paul Thomas Andersons Pynchon-Adaption "Inherent Vice". Andere potenzielle Highlights wie Brad Pitts Weltkriegsspektakel "Fury" oder Christopher Nolans Science-Fiction-Drama "Interstellar" wurden offenbar nicht rechtzeitig fertig.

Auch wegen dieser Zwickmühle war in den ersten Toronto-Tagen vieles zu sehen, was bereits in Cannes gelaufen war, darunter David Cronenbergs Hollywood-Satire "Maps to the Stars" oder Bennett Millers allseits bejubelter "Foxcatcher", während der Eröffnungsfilm des Festivals, das Familiendrama "The Judge" mit Robert Duvall und Robert Downey Jr., eher enttäuschte. In der zweiten Hälfte allerdings zeigte Toronto seinen Konkurrenten mit einem starken Premieren-Programm die Zähne. Hier sind die wichtigsten Entdeckungen und mögliche Oscar-Anwärter im Überblick:

"The Imitation Game"

K. Knightley und B. Cumberbatch in "The Imitation Game": Hallo Oscar! Zur Großansicht
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K. Knightley und B. Cumberbatch in "The Imitation Game": Hallo Oscar!

Historiendramen gehen immer, vor allem, wenn man eine Story wie diese hat: Der Brite Alan Turing war nicht nur ein genialer Mathematiker, der die deutsche Kodierungsmaschine Enigma knackte und damit den Alliierten einen entscheidenden Vorteil im Krieg gegen Nazi-Deutschland verschaffte, seine Rechenmaschine "Christopher" gilt zudem als erster Computer. Turing war außerdem homosexuell und wurde dafür vom britischen Staat angeklagt. Zu viel für einen Film? Der schwedische Regisseur Morten Tyldum ("Headhunters") verfügt in seinem Hollywood-Debüt zum Glück über Talente wie Produktionsdesignerin Maria Djurkovic, die schon die Carré-Adaption "Dame, König, As, Spion" zu einem Ereignis machte, zudem hat er mit Benedict Cumberbatch einen verlässlich intensiven Hauptdarsteller, der sich mit seiner Turing-Rolle eine Oscar-Nominierung gesichert haben dürfte. In Nebenrollen glänzen Mark Strong und Keira Knightley. Ein sicherer Oscar-Kandidat für die Weinstein Company.

"The Theory Of Everything"

Eddie Redmayne und Felicity Jones in "The Theory Of Everything": Berührend Zur Großansicht
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Eddie Redmayne und Felicity Jones in "The Theory Of Everything": Berührend

Noch ein Historiendrama, und zugleich der stärkste Konkurrent für "The Imitation Game": Regisseur James Marsh ("Man On Wire") verfilmte die leidvolle Geschichte des unheilbar nervenkranken Astrophysikers Stephen Hawking mit einer sehr gelungenen Balance zwischen Pathos und Witz. Hauptdarsteller Eddie Redmayne ist eine der Entdeckungen des Festivals, es ist geradezu unheimlich, wie der junge Brite die schwierige Physis Hawkings bewältigt und auf berührende Weise nachfühlbar macht. Die Frau an seiner Seite spielt, ebenfalls überraschend sehenswert, Felicity Jones.

"Shelter"

Richard Gere in "Time Out of Mind": Penner der kunstvollen Art Zur Großansicht
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Richard Gere in "Time Out of Mind": Penner der kunstvollen Art

Gleich zwei prominente Festival-Filme beschäftigen sich mit dem Thema Obdachlosigkeit: Oren Moverman, mit "The Messenger" bekannt geworden, schickte für sein impressionistisches Drama "Time Out Of Mind" ausgerechnet einen kunstvoll zum Penner hergerichteten Richard Gere auf die Straßen New York. Man nimmt es ihm einfach nicht ab - und Movermans Verzicht auf eine schlüssige Dramaturgie hilft auch nicht.

Jennifer Connelly in "Shelter": Mutig, radikal, brillant Zur Großansicht
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Jennifer Connelly in "Shelter": Mutig, radikal, brillant

Umso berührender und intensiver das Regiedebüt des Schauspielers Paul Bettany, der in "Shelter" ebenfalls in New York City vom Schicksal eines obdachlosen Pärchens erzählt. Die stets furchtlose Jennifer Connelly ist als Heroinsüchtige, die sich von Wachmännern für eine warme Nacht demütigen lässt, in einer ihrer besten Rollen zu sehen. An ihrer Seite überzeugt Newcomer Anthony Mackie (Falcon in "Captain America: Winter Soldier") als stolzer Nigerianer mit dunkler Vergangenheit. Mit Abstand einer der besten Filme des Festivals.

"Wild"

Reese Witherspoon in "Wild": Erbauungskino - aber gut gemacht Zur Großansicht
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Reese Witherspoon in "Wild": Erbauungskino - aber gut gemacht

Spätestens seit seinem Triumph mit "Dallas Buyers Club" ist der aus Quebec stammende Regisseur Jean-Marc Vallée der Superstar unter den frankokanadischen Filmemachern. "Wild" erzählt Cheryl Strayeds Memoiren "From Lost to Found on the Pacific Crest Trail" nach, das Drehbuch schrieb Nick Hornby, die Hauptrolle spielt Reese Witherspoon. Um sich selbst zu finden, begibt sich die vom Schicksal aus der Bahn geworfene Cheryl Mitte der Neunziger ohne Hiking-Erfahrung auf eine Solo-Wanderung von New Mexico bis nach Oregon. Wenn auch kein so packendes Survivaldrama wie Danny Boyles "127 Stunden", überzeugt Witherspoon als Drogenwrack mit viel zu großem Marschgepäck. Eine Oscar-Nominierung dürfte ihr sicher sein. Erbauungskino, aber sehr, sehr gut gemacht.

"Cake"

Jennifer Aniston in "Cake": Goodbye, Friends! Zur Großansicht
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Jennifer Aniston in "Cake": Goodbye, Friends!

Witherspoons größte Konkurrentin in Sachen "career changing role" dürfte Jennifer Aniston sein, die sich in "Cake" ungeschminkt und fies vernarbt als depressives, chronisch schlecht gelauntes und schmerzgeplagtes Unfallopfer inszenieren lässt. Der einst niedliche "Friends"-Star und Teenie-Schwarm hat sich in den vergangenen Jahren mit kleinen signifikanten Rollen diesem Durchbruch ins Charakterfach angenähert, nun überzeugt sie auf ganzer Linie als Monster-Bitch, die ihr Herz neu entdecken muss. Regie führte Frauendrama-Spezialist Daniel Barnz ("Beastly").

"The Drop"

Tom Hardy in "The Drop": Allein gegen die Russenmafia Zur Großansicht
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Tom Hardy in "The Drop": Allein gegen die Russenmafia

Egal, wie klein der Film ist, Tom Hardy ("The Dark Knight Rises") vergräbt sich mit Haut und Haar in jede Rolle. Im sehr gerade erzählten, liebevoll fotografierten Brooklyn-Thriller "The Drop" von "Rundskop"-Regisseur Michaël R. Roskam (Story und Skript von Dennis Lehane) spielt er grandios vernuschelt einen scheinbar arglosen, unterbelichteten Barmann, der in die Machenschaften der Russenmafia verwickelt wird. In einer Nebenrolle ist zum letzten Mal der große James Gandolfini zu sehen, Euro-Talent Matthias Schoenaerts ("Rust and Bone") brilliert als Psycho-Schläger. Allein auf die ewig deplatziert wirkende Noomi Rapace als Hardys Love-Interest hätte man verzichten können.

"Nightcrawler"

Jake Gyllenhaal in "Nightcrawler": "Taxi Driver" für die Gegenwart Zur Großansicht
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Jake Gyllenhaal in "Nightcrawler": "Taxi Driver" für die Gegenwart

Jake Gyllenhaal ist gerade dabei, seine Karriere komplett auf den Kopf zu stellen. Letztes Jahr brillierte er mit düster-brütenden Charakteren im Denis-Villeneuve-Doppel "Prisoners" und "Enemy", nun ließ er sich von Skript-Koryphäe und Regie-Debütant Dan Gilroy ("The Fall") als psychopathischer, skrupelloser Medien-Entrepreneur auf den nächtlichen Straßen von Los Angeles inszenieren. Um einem lokalen TV-Sender möglichst blutige Crime-Bilder zu liefern, greift Reporter-Quereinsteiger Lou Bloom kurzerhand selbst ins Geschehen ein. Suggestiv fotografierte Meditation über entfesselten Kapitalismus und die Selbstdemontage der Medien. Eine Art "Taxi Driver" für die Gegenwart.

"The Face Of An Angel"

Daniel Brühl in "The Face of an Angel": Amanda Knox lässt grüßen Zur Großansicht
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Daniel Brühl in "The Face of an Angel": Amanda Knox lässt grüßen

Der Brite Michael Winterbottom ist immer für eine Überraschung gut, mal dreht er politische Dokumentationen wie "The Road to Guantanamo", dann wieder vergräbt er sich tief in fiktionalen Popkultur-Nostalgien wie "The Look of Love" oder "24 Hour Party People". "The Face of an Angel" erzählt davon, wie Winterbottom in Italien daran scheitert, einen Film über die Mordermittlungen um die US-Studentin Amanda Knox zu drehen - eine klaustrophobische, teils surreale Hommage an Nicholas Roegs Albtraum-Thriller "Wenn die Gondeln Trauer tragen" mit einem hervorragenden Daniel Brühl als Filmemacher, der zunehmend den Verstand verliert. Nicht leicht verdaulich, aber unbedingt sehenswert.

"The Riot Club"

Ensemble von "The Riot Club": Die Exzesse der britischen Posh-Society Zur Großansicht
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Ensemble von "The Riot Club": Die Exzesse der britischen Posh-Society

Vielleicht braucht es manchmal eine Außenstehende, um kulturelle Missstände einer Gesellschaft zu entlarven. Die dänische Filmemacherin Lone Scherfig kehrt nach "An Education" erneut zurück zum britischen Bildungssystem und erzählt in "The Riot Club" anhand zweier gegensätzlich geprägter Studenten vom Klassenkampf an der Elite-Uni Oxford. Ein spektakulärer, brillant inszenierter Blick in den Abgrund und die Exzesse der britischen Posh-Society, gespielt von einem Top-Ensemble junger Brit-Talente, darunter Max Irons und Sam Claflin.

"Top Five"

Chris Rock in "Top Five": Plötzlich nicht mehr witzig? Zur Großansicht
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Chris Rock in "Top Five": Plötzlich nicht mehr witzig?

Die dritte Regie-Arbeit des US-Komikers Chris Rock löste in Toronto wahre Jubelstürme aus, wohl auch, weil inmitten all der ernsten Charakterdramen mal ausgiebig gelacht werden durfte: Rock erzählt in "Top Five" schamlos autobiografisch vom erfolgreichen Comedian Andre Allen, der sich plötzlich nicht mehr witzig findet und an einem langen, ereignisreichen Tag in New York City seine Karriere Revue passieren lässt. Ein grandioser, gnadenlos komischer Stand-up-Gig in Spielfilmlänge mit Rosario Dawson in einer feinen Sidekick-Rolle. "Top Five" erzielte im Bietergefecht um die Vertriebsrechte die höchsten Preise des diesjährigen Festivals.

Und was können Sie sich sparen?

"Men, Women And Children": Der neue Film des kanadischen Regisseurs Jason Reitman ("Up In The Air") erzählt episodisch davon, wie die moderne Allzeit- und Überall-Kommunikation per Chat und Facebook unsere Gefühlswelt beeinflusst. Smart und gewitzt inszeniert, letztlich aber hohles Topic-Kino, das sich nicht wirklich für seine Figuren interessiert. Mit Jennifer Garner als Karikatur einer Helikopter-Mom.

"Tusk": Kevin Smith war einmal ein guter Filmemacher, seine Slacker-Trilogie "Clerks", "Mallrats" und "Chasing Amy" half, das Indie-Kino der Neunziger zu definieren. Heute fragt man sich, wer Smith eigentlich noch Geld für einen Unsinn wie "Tusk" gibt: Unlustige Horrorfilm-Parodie mit wenig geistreichen Seitenhieben auf kanadische Lebensart und Justin Long als arroganter Blogger aus L.A., der in Manitoba zum Walross umoperiert wird. Noch Fragen?

"Tusk": Wer gibt Kevin Smith eigentlich noch Geld für seine Filme? Zur Großansicht
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"Tusk": Wer gibt Kevin Smith eigentlich noch Geld für seine Filme?

"Rosewater": Regiedebüt des US-Talkers Jon Stewart, das nach seiner Premiere in Telluride lautstark bejubelt wurde. Man fragt sich nur, warum. Erzählt wird die wahre Geschichte eines iranisch-britischen Reporters, der in Teheran der Spionage verdächtigt wird und monatelang in Einzelhaft schmort. Problem: Gael Garcia Bernal versagt als Hauptdarsteller auf ganzer Linie, der Terror, den Folter und Vereinsamung im Inhaftierten auslösen, nimmt der Film nicht wirklich ernst. Auf Effekt ausgerichtetes Polit- und Gefängnisdrama, wie man es nicht inszenieren sollte.

Gael García Bernal in "Rosewater": Auf Effekt ausgerichtetes Polit-Drama Zur Großansicht
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Gael García Bernal in "Rosewater": Auf Effekt ausgerichtetes Polit-Drama

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