Schauspielstar Mads Mikkelsen: "Hannibal Lecter, mehr geht nicht"

Er gilt als einer der Großen seiner Generation: Im Interview spricht der Schauspielstar Mads Mikkelsen über seinen neuen Film "Die Jagd", in dem er als Kinderschänder verdächtigt wird. Und er verrät, was er in der neuen TV-Serie "Hannibal Lecter" vorhat: Sein Kannibale soll menschlicher werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mikkelsen, "Die Jagd" erzählt von einem Kindergärtner und Vater, den ein Mädchen fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Seine Umgebung veranstaltet daraufhin eine Hexenjagd auf ihn. Haben Sie je befürchtet, dass man den Film falsch verstehen könnte? Etwa als Verharmlosung?

Mikkelsen: Nein, er hat eine eindeutige Aussage: Es geht nicht darum, dass Kinder manchmal auch lügen. Und der Film verharmlost in keiner Sekunde jegliche Art von Missbrauchsvorwürfen. Er zeigt nur, wie tief Ängste in der Gesellschaft verwurzelt sind, wenn es um Kinder geht. Wie schnell eine starke Liebe in starke Angst umschlagen kann, sogar in starken Hass.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen im Umfeld Ihrer Figur reagieren extrem, scheinbar ohne nachzudenken.

Mikkelsen: Ja, denn es geht um Gefühle, da ist nichts Rationales mehr. Der Mann kann tun, was er will - wenn er bleibt, ist er schuldig, wenn er flieht, ist er schuldig. Ob er schreit oder schweigt - er gilt als schuldig. So fragil ist die Oberfläche, unter der diese Ängste lauern, wenn es um Kinder geht.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Gefühle lassen sich nicht einfach ausschalten, wie es auch am Ende des Films anklingt.

Mikkelsen: Ja, der Makel, der Verdacht bleiben an ihm kleben. Irgendjemand wird sich immer daran erinnern und nicht an seine Unschuld glauben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ebenfalls Vater, der Film spielt in einer realistischen, modernen Umgebung. Ist so eine Rolle anstrengender zu spielen, als eine, die weniger mit Ihnen zu tun hat, etwa als Bösewicht oder in einem historischen Film?

Mikkelsen: Nicht unbedingt. Teil meines Jobs ist es, das abzulegen, wenn ich vom Set nach Hause gehe. Method Acting finde ich verrückt. Wer von seiner Frau verlangt, dass sie ihn mit Rollennamen anspricht, ist krank, Punkt. Ich gehe genauso tief in meinen Charakter wie jeder andere Schauspieler, aber ich verlasse ihn auch, so schnell ich kann. Was man mitnimmt, sind manchmal die Gefühle bei emotionalen, langen Szenen. Die können einem - wenn es gut lief - Energie und Freude mitgeben.

SPIEGEL ONLINE: "Die Jagd" haben Sie mit einem der bekanntesten dänischen Regisseure gedreht, dem "Dogma 95"-Mitbegründer Thomas Vinterberg. Ist es für Sie ein großer Unterschied, ob Sie für dänische oder internationale Filme arbeiten?

Mikkelsen: Es ist schon ein Unterschied. Ich bin mit amerikanischen Filmen aufgewachsen, sie waren meine Inspiration, nicht französische, dänische oder russische. Als Schauspieler habe ich Europa aber neu entdeckt, und ich würde nie sagen, dass der eine Kontinent kreativer als der andere ist. Die Filme und die Produktionsbedingungen sind einfach anders. Vor allem, wenn es um Geld geht: Eine US-Version von "Die Königin und der Leibarzt" (siehe auch Bildergalerie) hätte bestimmt 150 Millionen gekostet.

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Drama "Die Königin und der Leibarzt": Gefährliche Doktorspiele
SPIEGEL ONLINE: Wo liegt denn Ihre Präferenz?

Mikkelsen: Ich habe keine. Es ist ein wunderbarer Zufall, dass ich nun gleich zwei so großartige dänische Filme hintereinander gedreht habe. Und natürlich ist es einfacher, in der eigenen Sprache zu spielen. Aber das birgt auch die Gefahr, dass man zu faul wird, um sich auszuprobieren. Wenn ich auf Deutsch, Englisch oder Französisch spiele, ist der Effekt des Rollenspiels viel schneller da: Schon durch die Sprache versetze ich mich quasi in einen anderen Charakter.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen in Ihrer Rollenauswahl sehr darauf zu achten, nicht in die Typecasting-Falle zu gehen, also nicht immer nur den Helden zu geben, nur weil Sie es könnten.

Mikkelsen: Absolut. Momentan spiele ich Hannibal Lecter, eine größere Herausforderung kann ich mir nicht vorstellen! Und ich habe schon Rollen angeboten bekommen, über die ich mich sehr gewundert habe: Dass ich in "Casino Royale" den Bond-Bösewicht spielte, lag etwa daran, dass die Produzentin Barbara Broccoli den Susanne-Bier-Film "Für immer und ewig" gesehen hatte, eine dramatische Dogma-Liebesgeschichte mit mir als Arzt, als vordergründig gutem Helden. Daraufhin wollte sie mich als Schurken.

SPIEGEL ONLINE: "Hannibal Lecter" ist eine neue US-Serie, die auf NBC laufen wird, und sich mit den jungen Jahren der berühmten Serienmörder-Figur beschäftigt. Können Sie uns mehr sagen?

Mikkelsen: Ich habe nie Hamlet gespielt, aber ich glaube, wenn man es tut, vergleicht man immer alle anderen Rollen damit. Lecter ist eben auch schon einige Male sehr gut gespielt worden, Anthony Hopkins war herausragend, also können wir uns nicht komplett davon freimachen. Aber ich spiele ihn zu einem Zeitpunkt, bevor er der verurteilte Mörder war. Wir können ihn also nicht ausschließlich böse machen, sondern auch ein bisschen menschlicher, mehr wie Lecter in dem zweiten Kinofilm.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie ihn denn menschlicher?

Mikkelsen: Na ja, er hat diese Leidenschaften: Kunst, Musik, Essen. Also diese ganz besondere Art von Speisen. Er ist ein Genießer, er zieht sich auf eine bestimmte Art und Weise an, er hat eine etwas exaltierte Art zu sprechen. Und er ist sehr ehrlich. Wir haben versucht, ihn zu einer Figur zu machen, die nie lügt, was nicht heißen soll, dass er nicht furchtbare Dinge tut.

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"Kommissarin Lund": Pfeif auf die Work-Life-Balance!
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die vielen aufregenden Fernsehserien eigentlich als Bereicherung für die Filmwelt? Oder als Gefahr?

Mikkelsen: Als Bereicherung. Manchmal sind Filme mutiger als Fernsehen, aber dafür kreieren Serien allein durch die Länge komplette Universen. Man sollte sich aber keine Gedanken darüber machen, sondern das tun, was man interessant findet - egal ob Kino, Fernsehen, Radio oder Theater.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, das internationale Interesse an skandinavischen Serien wie "Kommissarin Lund" (siehe auch Bildergalerie) oder "Borgen" bringt ein internationales Publikum auch dazu, sich skandinavische Kinofilme anzugucken?

Mikkelsen: Das hoffen wir definitiv! "Die Königin und der Leibarzt" ist zum Beispiel sehr gut in England gestartet. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass "Kommissarin Lund" so erfolgreich ist. So langsam gewöhnt die Welt sich ein wenig an unsere lustige Sprache, und daran, Untertitel zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie künstlerisch Einfluss auf die Rollen, die Sie spielen, zum Beispiel auf Dialoge?

Mikkelsen: Kommt darauf an. Bei Lecter zum Beispiel ist die Sprache so kunstvoll, dass ich sogar dann Ausdrücke im Wörterbuch nachgucken müsste, wenn die Serie auf Dänisch wäre! Bei anderen Filmen bestehe ich dagegen darauf, in Kooperation mit Autor und Regisseur zu arbeiten, obwohl ich ihnen natürlich nicht den Stift aus der Hand nehmen will.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, Regie zu führen?

Mikkelsen: Tatsächlich ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken. Aber momentan reicht mir die genannte Zusammenarbeit. Mal sehen, was passiert, wenn keiner mehr mein Gesicht sehen will.

Das Interview führte Jenni Zylka

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Großartig!
w b a 28.03.2013
Zitat von sysopEr gilt als einer der Großen seiner Generation: Im Interview spricht der Schauspielstar Mads Mikkelsen über seinen neuen Film "Die Jagd", in dem er als Kinderschänder verdächtigt wird. Und er verrät, was er in der neuen TV-Serie "Hannibal Lecter" vor hat: Sein Kannibale soll menschlicher werden. Dänischer Star Mads Mikkelsen über Die Jagd und seine Serie Hannibal - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/daenischer-star-mads-mikkelsen-ueber-die-jagd-und-seine-serie-hannibal-a-888961.html)
Ich liebe Mads in: Walhalla Rising Die Tür Nach der Hochzeit Adams Äpfel Wilbur Wants to Kill Himself Exit Einfach ein großartiger Schauspieler!!!
2.
GSYBE 28.03.2013
Zitat von w b aIch liebe Mads in: Walhalla Rising Die Tür Nach der Hochzeit Adams Äpfel Wilbur Wants to Kill Himself Exit Einfach ein großartiger Schauspieler!!!
Definitiv; nicht zu vergessen PUSHER 1 + 2. Aber Adams Äpfel....das war schon ganz gross!
3. Walhalla Rising
Kordanor 28.03.2013
Würde ebenfalls Walhalla Rising empfehlen. Trailer mögen hier ein etwas verfälschtes Bild wiedergeben. Ich würde das ganze vor allem als brutalen und schmutzigen Kunst-Film mit tollen Bildern bezeichnen. Und Mikkelsen trägt als "One Eye" gut dazu bei - und das ohne ein Wort im ganzen Film zu sagen.
4. optional
Urschrei 28.03.2013
Adams Äpfel, einfach großartig und Oscar-reif...
5. ganz großartiger Schauspieler...
schelmig13 28.03.2013
ohne Staralüren, hoffentlich sieht man noch sehr viel von ihm. Und die skandinavischen TV-Filme seien es Krimis oder Politthriller, erste Sahne, die sind so vielschichtige, dass man sie mehrmals anschauen kann, ohne gelangweilt zu werden.
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Zur Person
Mads Mikkelsen, Jahrgang 1965, ist Dänemarks berühmtester Schauspieler. Nach der Theaterschule gab er sein Filmdebüt in Nicolas Winding Refns legendärem Gangster-Film "Pusher" (1996). Mit Winding Refn drehte er später sowohl "Pusher II" als auch das Experimental-Epos "Valhalla Rising" (2009). Mikkelsen ist ebenso der dänischen Regisseurin Susanne Bier verbunden, mit der er zusammen an dem Dogma-Drama "Für immer und ewig" ("Open Hearts", 2002) und dem Oscar-nominierten Beziehungsdrama "Nach der Hochzeit" (2006) arbeitete. Sein internationaler Durchbruch gelang Mikkelsen mit dem Bond-Film "Casino Royal", in dem er den Bösewicht Le Chiffre spielt. Seinen größten Erfolg feierte er aber 2012, als er für seine Leistung in Thomas Vinterbergs neuem Film "Die Jagd" in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Demnächst ist Mikkelsen in der Titelrolle der US-Serie "Hannibal Lecter" zu sehen.