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17. August 2018, 16:17 Uhr

Regisseur Damian John Harper

"Ich will mein Land therapieren"

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Fast sein halbes Leben lang lebt der Regisseur Damian John Harper schon in Deutschland. Doch seine preisgekrönten Filme handeln von der Gewalt, die sein Geburtsland USA erschüttert. Ein Treffen.

Vom ersten aufgeregten Atemzug bis zum friedlichen Männerritual am Schluss steht die Hauptfigur von "In the Middle of the River" unter Strom. Gabe ist ein junger verletzter Kriegsveteran und der Energieherd dieses außergewöhnlichen Films. Doch es ist nicht so sehr sein eigenes Schicksal, das Gabe umtreibt: "In the Middle of the River" (Start 16. August) ist die Geschichte einer dysfunktionalen Familie, zerrüttet durch Drogensucht, krumme Geschäfte und den gewaltsamen Tod der jüngsten Tochter.

Gedreht wurde sie bei Farmington, New Mexico, neben und in einem Reservat der Ureinwohner. Alles ist hier durchdrungen von ausgiebiger Erfahrung: Navajo, Hispanics und Südstaaten-Rowdies kämpfen um ihren Platz in der Gesellschaft, Vergewaltigungen und Waffengewalt sind an der Tagesordnung, und doch haben sich die Leute an die Konflikte auch gewöhnt, sie sind wie bedeckt von der Patina des Lebens.

Die Verbindung von unbändigem erzählerischen Drang und detailreicher Milieuschilderung, die "In the Middle of the River" aufruft, ist in dieser Intensität im US-Independentkino selten, im jungen deutschen Film aber noch viel seltener - und zu dem muss man Regisseur Damian John Harper wohl zählen, denn der gebürtige US-Amerikaner wohnt seit Langem in Deutschland. Grund genug, Harper anlässlich der Weltpremiere des Films beim Münchner Filmfest zu treffen.

Alles ist Stoff für Filme

Der erste Eindruck: Harper scheint eins zu sein mit seinem Auftreten, er ist kein Künstler, der sich versteckt. Der 39-Jährige trägt große Ringe, Armbänder und Ketten, Schnurrbart und Ohrring, sein Oberkörper, soweit sichtbar, ist von Tattoos überzogen, er spricht fließend Deutsch. Egal ob eigene Biografie oder die seiner Eltern, Reisen oder Begegnungen, aus allem schöpft er für seine Filme. Online beschreibt er sich als Fotograf, Filmemacher und "verdammt guten Vater". Im Gespräch erklärt er, dass er sich für seine Familie aber durchaus Privatsphäre wünscht und lieber nicht verrät, wo genau er in Deutschland lebt.

Zwischen Offenheit und Schutz pendelt Harper auch bei der Arbeit mit seinen Darstellern. "90 Prozent sind Laien. Es sind Menschen, die eine Version ihrer selbst spielen." Auf dieser Grundlage entwickeln sie gemeinsam die Figuren: "Damit sie sich nicht selbst bloßstellen, biete ich ihnen ein gewisses Maß an Fiktion an." Das gilt auch für seinen Hauptdarsteller Eric Hunter, einen Irak- und Afghanistan-Veteranen, der tatsächlich auf eine Mine getreten ist und ein Bein verloren hat.

Um Männer und ihren Umgang mit desolaten Situationen, vornehmlich Drogen, Gewalt und Arbeitslosigkeit, ging es auch schon in Harpers Spielfilmdebüt "Los Ángeles". Ein düsteres, vielfach ausgezeichnetes Drama, das viel bei Nacht spielt und eine kleine Dorfgemeinschaft in Mexiko porträtiert, die die jungen Männer früher oder später in Richtung USA verlassen, um zu überleben.

"Ich will verstehen"

Harper hat den Film dort angesiedelt, wo er nach seinem Ethnologiestudium arbeitete, bevor er 2001 der Liebe wegen nach Berlin kam. 2006 zog er nach München, um Dokumentarfilmregie zu studieren. Fast die Hälfte seines Lebens ist Harper also bereits ein "Expat". Politische Fragen zu seinem Geburtsland treiben ihn dennoch bis heute um. "Ich will verstehen können, warum jemand sagt, er will ein Einreiseverbot für arabische Länder, warum jemand nach einer Mauer zwischen Mexiko und den USA ruft oder Kinder von ihren Eltern an der Grenze trennen will."

Harpers Arbeiten sind untrennbar mit seiner Lust an der Recherche verbunden. In der Gegend, in der "In the Middle of the River" angesiedelt ist, hat er einen Sommer verbracht, zeltend, für einen Uni-Kurs. "Auf diese Art habe ich Farmington gewissermaßen von unten kennengelernt. Die Gegend ist bekannt für Ölbohrungen, viele Arbeiter sind deshalb von anderswo hergekommen, oft ohne Familie. Da entstehen die krassesten Geschichten um Drogen und viele Konflikte mit den Ureinwohnern Amerikas."

400 Meilen weiter nördlich, in Boulder, Colorado, ist Harper in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen. Sein Vater, Veteran des Vietnamkriegs, hat 30 Jahre in einer Chemiefabrik gearbeitet. Das sei das Milieu, das er kenne. "Die Kriegserzählungen des Großvaters im Film sind die wahren Erzählungen meines Vaters."

Kaum Alternativen zum Gang-Leben

In seinem Kurzfilm "Teardrop", der auf seiner Website in voller Länge zugänglich ist, zeigt Harper eine Gang-Initiation aus der Perspektive eines Jungen, der nur im allerletzten Bild selbst zu sehen ist. In "Los Ángeles" gibt es für junge Männer kaum eine Alternative zur Gang. In "In the Middle of the River" kommt Gabes jüngerer Bruder zu Beginn aus dem Gefängnis und wird gleich wieder zur Gewalt angestachelt. Spannungen zwischen verschiedenen Ethnien und Gangs sind in den drei Filmen allgegenwärtig. "Mir geht es darum, dass wir zwar am Anfang vielleicht aufeinander wütend sind, aber eine Versöhnung finden können", so Harper.

Seinen Humanismus versteht er in der Tradition des italienischen Neorealismus, weswegen ihm auch der Einsatz lokaler Dialekte wichtig ist. In "Los Ángeles" sind Teile auf Zapotekisch, in "In the Middle of the River" wird Diné, die Navajo-Sprache, gesprochen. Authentizität ist für Harper aber nicht alles. Pointiert erklärende Dialoge und schnelle Wendungen verweisen in "In the Middle of the River" auf Erzähltraditionen des Kriminalfilms und des Thrillers: Der Film zeigt Gabe dabei, wie er versucht, verborgene Geheimnisse seiner Familie zu lüften und für den Tod seiner Schwester sogar seinen Großvater verdächtigt.

Die Kamera bleibt dabei immer dicht an Gabe dran, folgt ihm und lässt in langen Szenen keinen Schnitt zwischen ihn und die Handlung. Das Wichtigste bei diesem Film sei für ihn gewesen, Anspannung und Beklemmung hervorzurufen, sagt Harper. Daher auch die langen Aufnahmen: "Manchmal ist ein Schnitt ein Moment der Erlösung." Gegen Ende hingegen ändert sich der Erzählfluss und die Szenen werden kürzer, denn Harper setzt auch auf etwas Hoffnung. Voller Ernst sagt er: "Ich würde sehr gerne mein ganzes Land therapieren." Und setzt nach: "Wir brauchen alle eine Therapie."

In "In the Middle of the River" sieht diese Therapie so aus: Am Ende gehen die Männer zusammen in die Sauna, New-Mexiko-style in einer kleinen handgefertigten Kuppel, einer Art Iglu, mitten im Nirgendwo, um gemeinsam zu schwitzen.


"In the Middle of the River" (Verleih: Farbfilm) kommt am 16. August in die deutschen Kinos.

Im Video: Die Rezension zu "In the Middle of the River"

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