Kinohighlight "Der seidene Faden" Ein Gift zum Genießen

Ist "Der seidene Faden" der letzte Film mit Daniel Day-Lewis? Wenn ja, könnte sich die Schauspiellegende kaum ein besseres Finale ausgesucht haben als diesen köstlichen Beziehungsfilm.

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"Ein überbackener Käsetoast mit pochiertem Ei, aber nicht zu flüssig. Und Speck. Dazu Scones mit Butter, Sahne und Marmelade - aber keine Erdbeermarmelade. Außerdem eine Kanne Lapsang-Souchong-Tee." Die Bestellung, die Reynolds Woodcock zum Frühstück im Seebadhotel aufgibt, nimmt kein Ende. Deshalb, weil Woodcock großen Hunger hat. Aber auch deshalb, weil ihn die Reaktion der Kellnerin reizt. Mit jedem seiner Wünsche blitzen ihre Augen aufs Neue auf. Sie versteht, dass hier jemand seine Bedürfnisse genau kennt und nicht Ruhe lässt, bis sie befriedigt sind. Und er versteht, dass sie ihn versteht. "Und noch Würstchen!"

In "Der seidene Faden" spielt Daniel Day-Lewis den Modeschöpfer Reynolds Woodcock, der im London der Fünfzigerjahre gefeierte Haute Couture erstellt. Der Film, jüngst für sechs Oscars nominiert, könnte aber genauso gut "Der gebutterte Toast" heißen, denn mehr noch als an Mode hängen seine entscheidenden Momente an Essen. Und weil der Film so einen feinen Humor hat, würde die Umbenennung auch alles andere als despektierlich sein.

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"Der seidene Faden": Schöpfer und Geschöpf

Süße Teilchen besiegeln zum Beispiel das Schicksal von Woodcocks bisheriger Geliebter. Zurück am Frühstückstisch in seiner Londoner Stadtvilla empfiehlt sie ihm das klebrige Gebäck. Mit großer Empörung lehnt er ab, und seine Schwester Cyril (Leslie Manville), die mit in der Villa wohnt, weiß, was sie zu tun hat: Der Dame noch eines der wertvollen Kleider schenken und sie dann aus Woodcocks Leben herauskomplimentieren.

Strafende Blicke

In dem Vorgang steckt viel Routine, und mit Kellnerin Alma (Vicky Krieps) ist ja auch sofort Ersatz gefunden. Schon am ersten Abend, noch im Seebad, fängt Woodcock an, ihr ein Kleid auf den Leib zu schneidern. Ihre kleinen Brüste und weiten Hüften, auf die sie kritisch hinweist, stören ihn nicht. Im Gegenteil, sie passen bestens zu seinen klassischen Entwürfen mit ihren schmalen Oberteilen und weiten Röcken.

Mithin scheint Alma die perfekte Muse zu sein. Bis sie selbst in London am Frühstückstisch sitzt, sich einen Toast greift und laut kratzend Butter darauf verteilt. Zu diesem Zeitpunkt hat man als Zuschauerin schon so viel Zeit in Woodcocks exakt gedrechselter Welt verbracht, dass man nicht anders kann, als wie er empört aufzuschrecken und einen strafenden Blick auf Alma zu werfen. Geht alles wieder von vorn los?

Nein, das tut es nicht. "Der seidene Faden" hält etliche verblüffende Wendungen parat, bruchlos wandelt sich der Film vom Ehedrama zur Beziehungskomödie zum Psychothriller. Auch die Figuren scheinen darüber zu staunen, was ihnen hier widerfährt. Zumindest Woodcock ist ehrlich überrascht, als er merkt, dass ihm Alma auf Augenhöhe zu begegnen versteht. Sie selbst weiß dagegen als Erste, dass das hier kein "Pygmalion" und auch kein "mother!" wird, keine Parabel über männliche Schöpfer und weibliche Geschöpfe.


"Der seidene Faden"
Originaltitel: "Phantom Thread"
Buch und Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Leslie Manville
Produktion: Annapurna Pictures, Focus Features et al.
Verleih: Universal
Länge: 130 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 1. Februar


Was nicht heißt, dass in "Der seidene Faden" nicht eine Auseinandersetzung des Filmemachers Paul Thomas Anderson mit seiner eigenen Karriere verschachtelt ist. Mit 47 Jahren und nach acht handwerklich perfekten Spielfilmen hat er einen ähnlichen Status wie Woodcock erreicht: Er ist ein in seiner Branche überaus geschätzter, wenngleich ein wenig gefürchteter Perfektionist, der sich keiner Mode verpflichtet fühlt.

Ein konservativer Film ist "Der seidene Faden" trotzdem nicht. Zu flirrend sind seine Geschlechterbilder und seine Erzählweise, und zu eng sind diese miteinander verbunden. Einmal weist Woodcock Alma scharf zurecht, weil ihr der Stoff eines Kleids nicht gefällt: "Vielleicht änderst du eines Tages deinen Geschmack." "Vielleicht ist mir meiner lieber", entgegnet sie ihm. Der Film nimmt sie beim Wort und folgt ab diesem Zeitpunkt ihrem Blick.

Die Sensation des Films

Und sofort ändert sich das Bild, das wir bis dahin von Woodcock hatten. (Den sprechenden Namen scheint Anderson aus seiner Auseinandersetzung mit Thomas Pynchon bei "Inherent Vice" mitgenommen zu haben.) Unsicherheiten treten zu Tage und versteckte Abhängigkeiten, und so, wie wir zuvor gnadenlos auf Alma geschaut haben, schauen wir nun auf Woodcock.

Day-Lewis verkörpert diesen wankenden Titanen, der gar nicht merkt, dass er angeschlagen ist, natürlich großartig. Fast könnte man es eine seiner zurückhaltendsten Schauspielleistungen nennen - wenn er nicht durch seine Ankündigung, es würde sich um seine allerletzte Rolle handeln, dem Film eine Dramatik aufnötigen würde, die dieser eigentlich zu vermeiden versucht.

Aber wo Daniel Day-Lewis mitwirkt, sind die Aufmerksamkeiten meistens aus dem Lot. Neben jedem anderen Schauspieler würde nämlich Vicky Krieps als die eigentliche Sensation des Films gefeiert. Schon in "Der junge Karl Marx" bildete die Luxemburgerin als Jenny Marx das charismatische Zentrum des Films. Nun kann sie in ihrer ersten internationalen Hauptrolle zeigen, mit wie wenigen Mitteln man ein Bild ausfüllen kann. Allein wie sie ihre Schultern hoch zieht oder die Stirn senkt, verändert die Dynamik zwischen Alma und Woodcock, lässt sie demütig oder kokett auftreten.

Dass Krieps im Gegensatz zu Day-Lewis und Leslie Manville (als beste Nebendarstellerin) bei den Oscarnominierungen übergangen wurde, ist schwer verständlich. Aber mit Paaren, die sich auf Augenhöhe begegnen, hat die Academy - siehe Cate Blanchett und Rooney Mara in "Carol" oder jüngst Timothée Chalament und Armie Hammer in "Call Me By Your Name" - größte Probleme.

"Der seidene Faden" hat diese Probleme zum Glück nicht, und wie die Paare aus den genannten Filmen auch schaffen es Day-Lewis und Krieps, sich nach ihren eigenen Regeln in die Filmgeschichte einzuschreiben.

Im Video: Der Trailer zu "Der seidene Faden"

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