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"Darjeeling Limited": Freie Bahn für Chaosbrüder

Von Uh-Young Kim

Wie man die eigenen Neurosen in vollen Zügen genießt, das zeigt Regisseur Wes Anderson auf gewohnt versponnene Weise. In "Darjeeling Limited" reisen drei Brüder per Bahn durch Indien - und mitten hinein in ein anrührendes Drama.

Erstmal 'ne Kippe. Kaum haben sich die drei Brüder Whitman im titelgebenden Zug getroffen, steckt sich jeder hektisch eine Zigarette an. Doch auch im Schlafabteil des "Darjeeling Limited" ist das Rauchen mittlerweile verboten. Und so wird gleich die erste gemeinschaftstiftende Handlung auf ihrem Selbstfindungstrip durch Indien vom Schaffner im Keim erstickt.


In den Filmen von Wes Anderson wird stets viel geraucht, weil es einfach immer noch so gut aussieht wie beim jungen Jean-Paul Belmondo. Und bei Hollywoods eigensinnigstem Regisseur leitet sich die Story nun mal vom Stil ab. Auch sein neuer Film "The Darjeeling Limited" dürfte deshalb für Kontroversen sorgen. Schon jetzt nörgeln Kritiker über zu viel narzisstisches Hipstertum und zu wenig Herz. Dagegen berauschen sich seine Verehrer spätestens seit der Familiensaga "Die Royal Tenenbaums" an der manierierten Puppenhaus-Ästhetik, den trockenen Dialogen, liebenswerten Außenseitern und raffinierten Soundtracks.

Dysfunktionale Familienbande

Vor zwei Jahren trieb Anderson seinen detailreichen Formalismus mit "Die Tiefseetaucher" auf die Spitze – und die Einspielergebnisse in den Keller. Dennoch leistet sich Hollywood die Ausschweifungen des extravaganten Auteurs weiterhin, bildet er doch die Speerspitze von jungen Filmemachern mit unverkennbarer Handschrift und dem richtigen Stammbaum.

So hat ihn Martin Scorsese bereits zu seinem Nachfolger erklärt. Und für das Drehbuch von "The Darjeeling Limited" ist Anderson mit Jason Schwartzman und dessen Cousin Roman Coppola, dem Sohn von Francis Ford Coppola, im Zug durch Rajasthan gereist. Die kollektive Grenzerfahrung auf fahrendem Untergrund hat etwas bewegt: Geschlossener und persönlicher als bisher führt Anderson die Zuschauer an sein Lieblingsthema der dysfunktionalen Familie heran.

Als Ältester hat Francis (Owen Wilson) die spirituelle Reise minutiös geplant, um die Brüder ein Jahr nach der Beerdigung ihres Vaters wieder zusammenführen. Verschwiegen hat er ihnen, dass er eigentlich die verschollene Mutter (Anjelica Huston) nach Hause bringen will. Die Lady lebt als Nonne in einem Kloster am Himalaya.

Zwanghaft bestimmt der Kontrollfreak jeden Schritt des Trips unter Protest der anderen. Alte Muster kehren wieder: Man redet aneinander vorbei, verschwört sich gegeneinander und suhlt sich in Großstadtneurosen. So absolviert dieses Road Movie auf Gleisen viele Stationen subtiler Situationskomik. Während die großen Gefühle des Bollywood-Kinos am Horizont schimmern, ist die Zwangsgemeinschaft der Egomanen im klaustrophobischen Nachbau des Orient Express zur Nähe verdammt.

Dass Francis nach einem schweren Motorradunfall mumienhaft in Bandagen gehüllt auftritt, steht dabei nicht mehr nur für die Isolation und psychischen Wunden der Figur. Eine Woche vor der Filmpremiere hat Schauspieler Owen Wilson versucht, sich das Leben zu nehmen. Hier überkreuzen sich Wirklichkeit und Fiktion in ähnlicher Weise wie bei der Filmfigur Jack (Jason Schwartzman), der als Schriftsteller das Familientrauma in seinen Geschichten verarbeitet.

Auch der mittlere Bruder Peter (Adrian Brody) ist arg strapaziert vom Leben und tut sich dafür mächtig Leid. Seine traurigen Rehaugen versteckt der selbsterklärte Lieblingssohn meist hinter der Sonnenbrille des Vaters. Die Reise nach dem Tod des Familienoberhaupts nutzt er ausgerechnet, um vor der eigenen bevorstehenden Vaterschaft zu fliehen.

Ware Liebe

Ihren Mangel an Orientierung kompensieren die Whitmans durch exzessiven Warenfetischismus: angefangen bei den Hinterlassenschaften des Vaters, um die sie sich streiten, über Jacks unverzichtbaren iPod und opiathaltige Medikamente bis zum elfteiligen Gepäck, das von Marc Jacobs für Louis Vuitton designt wurde. An die Luxusgüter klammern sich die Brüder wie an ihre Missgunst und Verbitterung.

Darjeeling Limited
(USA 2007)
Regie: Wes Anderson
Buch: Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzman
Darsteller: Owen Wilson, Jason Schwartzman, Adrien Brody
Produktion: Fox Searchlight Pictures, Scott Rudin Prods.
Verleih: Fox
Laufzeit: 105 Minuten
Start: 3. Januar 2008

offizielle Website
Die Liebe zum Produktionsdetail wird durch Gastauftritte von Bollywoodstar Irfan Khan, "Simpsons"-Schreiber Woody Wodarsky und – wie immer bei Anderson – Bill Murray ergänzt. Nicht zu übersehen sind Verweise zu den Beatles. So tritt ein Barfüßiger aus der "Abbey Road" auf, begleitet von Anklängen an jene psychedelische Phase der Pilzköpfe, mit der sie Scharen von Erleuchtung suchender Touristen nach Indien lockten.

Anderson überzeichnet das Klischee des westlichen Sinnsuchenden auf dem metaphysischen Kontinent: Ständig lässt er seine Figuren Plattitüden über Spiritualität und Bruderschaft von sich geben, während sie in Armani-Anzügen durch die Gegend stolpern. Die Symbolik wird überdeutlich, wenn sich die Brüder von den familiären Altlasten in einem running gag entledigen.

Doch nie setzt der Regisseur seine tragisch-komischen Existenzen dem Zynismus aus. Ihre Leiden nimmt er ernster, als die spielerische Leichtigkeit des Films vermuten lässt. Gerade in der stilisierten Übertreibung lässt sich die Krise der spätkapitalistischen Kultur am besten spiegeln; das Artistische schlägt ins Moralische um.

Dass die Brüder nicht gemeinsam rauchen können, ist deshalb gar nicht so schlimm. Sie fangen ja Feuer füreinander - und der Zuschauer für einen so kunst- wie gefühlvollen Film.

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"Darjeeling Limited": Brüder, zur Sonne!

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