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Darren Aronofsky: Chip im Kopf

Von Hans-Arthur Marsiske

Wie kommt einer dazu, einen Film über die Zahl 3,14 zu drehen? Ein Gespräch mit "Pi"-Regisseur Darren Aronofsky.

Surrealistische Bilder in Schwarz-Weiß: Filmausschnit "Pi"

Surrealistische Bilder in Schwarz-Weiß: Filmausschnit "Pi"

SPIEGEL ONLINE:

Was in aller Welt hat Sie dazu gebracht, einen Film über die Zahl Pi zu drehen?

Aronofsky: In dem Film geht es nicht um mathematische Probleme. Die Zuschauer müssen keinen Taschenrechner ins Kino mitbringen. Das eigentlich Faszinierende an der Geschichte ist die Suche nach Gott in den Zahlen. Die hat in der Menschheitsgeschichte eine lange Tradition: Angefangen mit Stephen Hawking und seinen Bemühungen um eine vereinheitlichte Theorie. Ich halte seine Arbeit für sehr spirituell, ebenso Albert Einsteins Forschungen. Diese Linie können Sie bis zu Pythagoras zurückverfolgen, dem vielleicht ersten mystischen Mathematiker, der geglaubt hat, daß das Universum aus Zahlen besteht. Viele Menschen halten Wissenschaftler und Mathematiker für sehr kühle Denker ohne jeden Sinn für Spiritualität, aber ich glaube nicht, daß das stimmt.

High-Speed: Max (Sean Gullette) wird in der New Yorker U-Bahn verfolgt

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SPIEGEL ONLINE: Die moderne Mathematik bringt ausgesprochen schöne Formen hervor . . .

Aronofsky: . . . versteht sie aber nicht wirklich. Wissenschaft und Mathematik fragen nicht nach dem Warum. Sie können das Wie beschreiben, das Was, Wo, Wann, Wer - aber nicht das Warum. Das ist eine Sache des Glaubens.

SPIEGEL ONLINE: Carl Sagan erzählt in seinem Roman "Contact" von einer in der Zahl Pi verborgenen Botschaft Gottes: Eine Sequenz, Billiarden Stellen hinter dem Komma, die nur aus Nullen und Einsen besteht . . .

Aronofsky: Die Botschaft brauchen wir gar nicht. Denken Sie nur an die perfekte Gestalt des Kreises. Sie finden sie überall: die Sonne, der Mond, die Augen ihres besten Freundes - überall Kreise. Ein Tropfen, der in einen See fällt, verursacht Kreise. Es ist eine perfekte, einfache Form. Nun eine ebenso einfache Formel: Umfang geteilt durch den Durchmesser. Und plötzlich diese unendliche, chaotische Zahlenfolge: 3,14 . . . Unendlich bedeutet: Sie enthält alles, jede denkbare Zahlensequenz. Das ist der genetische Code des Universums.

SPIEGEL ONLINE: Was stand am Anfang der Geschichte?

Aronofsky: Ein einzelnes Bild: Sean, der vor dem Spiegel steht und sich ein Messer in den Kopf stößt. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die auf einen solchen Höhepunkt zustrebt. Dann bekam ich ein Buch, dessen Autor aberwitzige Zusammenhänge entdeckt zu haben glaubte: zwischen Marilyn Monroes Geburtstag und dem Auto des Mörders von Martin Luther King und so weiter. Es ging ständig um Zahlen und war völlig verrückt. Das hielt ich für einen guten Ausgangspunkt. Unser ursprünglicher Arbeitstitel war: "Chip in the Head".

Das Arbeitszimmer des Pi-Forschers besteht nur aus Computer (Standfoto)

Das Arbeitszimmer des Pi-Forschers besteht nur aus Computer (Standfoto)

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1969 geboren. Sind Sie mit Computern aufgewachsen?

Aronofsky: Ja, ich gehöre zur Atari-Generation. Das gefällt mir besser als "Generation X". Wir hatten alle einen Atari 2600 und später alle drei Jahre die jeweils neuen Modelle. Als ich aufs College kam, hatte niemand einen Computer, als ich abging, alle. Ich habe diesen Übergang sehr genau miterlebt. Meine drei Jahre ältere Schwester hat ihn schon verpaßt. Es gibt da eine klare Trennungslinie zwischen den Generationen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Computer auch beim Filmemachen einsetzen?

Aronofsky: Mein nächstes Projekt ist eine Tragödie von Hubert Selby. Da werde ich digitale Effekte einsetzen, um das Innenleben der Akteure zu verdeutlichen.

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