Erotikthriller "Das blaue Zimmer" Die Lust, ein Labyrinth

Fatale Liebe am Nachmittag: In der Simenon-Verfilmung "Das blaue Zimmer" entwickelt sich aus einer Affäre eine undurchsichtige Mordgeschichte. Ein Gedicht aus Licht, Schatten und nackten Körpern.

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Draußen die Welt, drinnen die Liebe. Verknäuelt liegen Julien und seine Geliebte Esther auf dem Bett ihres Hotelzimmer. Wo der eine Körper aufhört und der andere anfängt, ist nicht so recht zu erkennen. Die Wand ist blau tapeziert, das spärliche Sonnenlicht, das durch die Fensterläden fällt, schimmert mal türkis, mal bernsteingolden. Eine Biene verirrt sich auf den Bauch von Esther, Julien öffnet die Fensterläden, lässt die Biene frei - und erblickt auf dem Platz vor dem Hotel seine heraneilende Frau, die von seinem Schäferstündchen zu wissen scheint.

Draußen die Gefahr, drinnen die Geborgenheit? Nein, diese Logik wird im Laufe des französischen Thrillers "Das blaue Zimmer", der zur Hälfte zarter Akt und zur Hälfte zerklüfteter Film noir ist, in ihr Gegenteil verkehrt. Auf einmal ist eine Leiche im Spiel.

Als Vorlage diente der gleichnamige Roman von Georges Simenon. Regisseur und Hauptdarsteller Mathieu Amalric gelingt es, Simenons kriminalistisches Rätsel in eine nicht völlig rekonstruierbare Amour fou zu wenden. Die großen französischen Regisseure Eric Rohmer und François Truffaut, stets beschäftigt mit den Diskrepanzen der Lust, haben darin ihre Spuren hinterlassen. Die Liebe am Nachmittag, hier öffnet sie Abgründe.

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"Das blaue Zimmer": Die Fremde in meinem Bett
An Amalrics Seite spielt Stéphanie Cléau, seine Lebensgefährtin und Co-Drehbuchautorin, die selten als Schauspielerin zu sehen ist. Erstaunlich, was das Paar in "Das blaue Zimmer" an Widersprüchlichem aus der Situation herbeizuzaubern versteht. Eben haben sie sich noch geliebt, da muss sich der Mann die Frage stellen: Wer ist die Fremde in meinen Armen?

Die letzte große Rolle, in der das Publikum den vielseitig talentierten Amalric hierzulande gesehen hat, war wohl die in Roman Polanskis verschmitztem Sadomaso-Spielchen "Venus im Pelz", in dem er 2013 das Alter Ego Polanskis gespielt hat. Als solcher machte er große, gierige und doch kindlich verwunderte Augen, als ihn sein weibliches Gegenüber in Ledercorsage unterwarf.

Diese großen, gierigen Kinderaugen

Ähnliche Augen macht Amalric nun auch in seiner Simenon-Verfilmung: Der von ihm verkörperte Geschäftsmann Julien scheint überrascht und überwältigt von der Dringlichkeit, mit der die Apothekersfrau Esther ihn begehrt und ihm nachmittageweise ein erotisches Zehn-Quadratmeter-Reich errichtet. Später fragt ihn die Frau, ob er sich für sie frei machen würde, wenn sie sich frei machen würde. Was das heißt? Ganz einfach: Irgendwann ist der Apotheker-Gatte tot. Und der Geschäftsmann erhält von seiner Geliebten die Botschaft: "Jetzt du!" Später sitzt Julian auf der Polizeiwache und soll einen Mord gestehen.

Keine 80 Minuten ist "Das blaue Zimmer" lang, kaum drei Wochen dauerte der Dreh, so einen Film nennt man wohl Etüde. Und doch breitet sich in Amalrics kleinem durchkomponierten Werk eine eigene, nicht immer durchdringbare Welt aus Licht und Schatten aus.

Gedreht haben er und sein Kameramann Christophe Beaucarne ("Coco Chanel") im altmodischen Format Academy Ratio, das aus der Vor-Cinemascope-Zeit stammt und dessen Bilderrahmung im Verhältnis 1,37:1 auf den Zuschauer fast quadratisch anmutet. Es gibt unkonventionell angeschnittene Close-ups von Augen, Brüsten und der weiblichen Scham.

Auf diese Weise präsentiert sich der Film einerseits sinnlich kompakt, bleibt aber andererseits perspektivisch unübersichtlich. Die Lust, ein Labyrinth.

"Das blaue Zimmer"

Frankreich 2014

Originaltitel: "La chambre bleue"

Drehbuch: Mathieu Amalric, Stéphanie Cléau

Regie: Mathieu Amalric

Darsteller: Mathieu Amalric, Léa Drucker, Stéphanie Cléau, Laurent Poitrenaux, Serge Bozon , Blutch, Mona Jaffart , Véronique Alain

Verleih: Arsenal

Länge: 76 Minuten

FSK: ab 12

Start: 2. April 2015

Hier geht es zum Filmtrailer:

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