"Das Bourne Ultimatum" Ein Held schlägt aus der Reihe

Ein Agent verliert sein Gedächtnis, wird gejagt und jagt sich selbst: Mit "Das Bourne Ultimatum" kommt die furiose Action-Trilogie zum vorläufigen Abschluss. Die Story überzeugt nicht - dafür treibt Hauptdarsteller Matt Damon das neue Actionkino zur Vollendung.

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Eine Frau, zwei Verfolger. Der eine gut, der andere böse. Schauplatz ist die Altstadt von Tanger, Marokko: Ein rasender Wettlauf in engen Gassen, über Dächer und Balkone, die Kamera immer auf dem Sprung. Dazwischen Großaufnahmen konzentrierter, gehetzter Gesichter. Blicke von Menschen, die gelernt haben, effizient zu töten. Killermaschinen.



Diese atemlose Sequenz - eine der vielen erstaunlichen Action-Momente in "Das Bourne Ultimatum" - endet in einem engen Zimmer, wo die drei Figuren schließlich aufeinander treffen. Der Gute, das ist der ehemalige CIA-Agent Jason Bourne, der vergessen hat, warum er zum Killer ausgebildet wurde und seit bereits zwei Filmen versucht, seiner Identität auf die Spur zu kommen. Der Böse ist ein namenloser Auftragsmörder, ein Einheimischer, der von seinen amerikanischen Auftraggebern nur nüchtern "Asset" genannt wird, "Aktivposten".

Die beiden Männer beginnen einen virtuos choreographierten Faustkampf. Jeder Schlag, der ausgeteilt wird, schmerzt nicht nur auf, sondern auch vor der Leinwand. Am Ende landet Bourne den entscheidenden Treffer mit Hilfe eines Buches - ein ironischer Hinweis auf die Herkunft des Bourne-Stoffes aus den Thriller-Romanen Robert Ludlums.

Die Szene bringt die Kino-Trilogie auf den Punkt. Denn das "Bourne Ultimatum", eines der in diesem Sommer so zahlreich anlaufenden "Threequels" aus Hollywood, bildet eine angenehme Ausnahme inmitten der mit ausgeklügelten CGI-Effekten protzenden Piraten-, Animations- oder Superhelden-Spektakel.

Während das Mainstream-Action-Kino zurzeit vorrangig auslotet, was die Computer-Technik an nie gesehen Bildern auf die Leinwand bannen kann, steht die nun vorerst vollständige Bourne-Reihe für einen bescheidenen Gegentrend der handgefertigten Action, die dem Genre der Verfolgungsjagden, Schießereien und Faustkämpfe seine Körperlichkeit zurückgeben will.

Dass sich die moderne Kamera- und Filmtechnik auch hierfür blendend einsetzen lässt, zeigte der Brite Paul Greengrass bereits in "The Bourne Supremacy" und unlängst auch in seinem pseudodokumentarischen Film "United 93", der die Ereignisse an Bord einer der am 11. September entführten Flugzeuge akribisch nachzeichnet. Greengrass' Methode ist simpel, aber höchst effektiv. Das Schlüsselwort heißt Bewegung.

Bewegende Selbstfindung

Denn auch der dritte Film über Jason Bourne, der im "Ultimatum" nach zahlreichen Umwegen über Moskau, London, Turin und Tanger schließlich nach New York und zu seiner wahren Identität vordringt, ist im Grunde nicht mehr als die im Actionkino immer wieder variierte Geschichte des "Running Man". Der einsame Held, vormals Teil des Systems, der den Apparat fliehen oder bekämpfen muss.

Dabei wird kinetische Energie frei, die Greengrass in "Das Bourne Ultimatum" auf virtuose Weise sichtbar macht: Wie der rastlose Held steht die Kamera nur selten still, vibriert der ganze Film, wenn sich jedes Bild scheinbar mit dem gehetzten Atemzügen eines Charakters hebt und senkt.

Matt Damon erweist sich für diese Rolle erneut als perfekter Darsteller. Sein amerikanisches Jedermannsgesicht konterkariert die Überlegenheit eines Körpers, der sich präzise wie ein Uhrwerk durch die Reihen von Feinden und Verschwörern fräst. Damon, der seine Qualitäten als Schauspieler zuletzt in "The Departed" und "Der gute Hirte" unter Beweis stellte, macht hier dem kompromisslosen Vorwärtsdrang des neuen James-Bond-Darstellers Daniel Craig Konkurrenz. Ausgerechnet der einst als Milchbubi gescholtene "Good Will Hunting" bringt das Dampfwalzentum der neuen Actionhelden zur Vollendung.

Bourne versus Bond

Dennoch stehen Bourne und Bond als Stellvertreter für verschiedene Paradigmen des Action- und Agentenfilms. Auf der einen Seite der Supermacho mit den flotten Sprüchen, der Gewalt als Mittel zum Zweck nutzt, um schneller mit den jungen, hübschen Damen in die Federn zu springen; auf der anderen Seite der bis in die Grundfesten seiner Persönlichkeit erschütterte Killer, der unter jedem Schlag, den er austeilt, ebenso leidet wie sein Opfer. Bond als Stellvertreter des souveränen Individuums, Bourne als instinktgetriebenes, außer Kontrolle geratenes Instrument einer durch Sicherheitsbedürfnisse pervertierten Gesellschaft.

Vor allem in der ansatzweisen Bestandaufnahme komplizierter politischer Realitäten liegt der wohl deutlichste Unterschied zwischen Bond- und Bourne-Action: Für lockere Sprüche hat der moderne Einzelkämpfer keinen Sinn. Die Lage zu ernst, um sich von Pointe zu Pointe zu hangeln wie in den guten alten Achtzigern und Neunzigern, die klare Trennung von Gut und Böse passé.

Genau diese Erschließung der politischen Zusammenhänge bleibt jedoch beim wilden Action-Parcours auf der Strecke. Man fühlt sich gerädert nach dem "Bourne Ultimatum"; durchgeschüttelt, als habe man selbst in dem Auto gesessen, das quer durch Manhattans Straßenschluchten segelt. Für Reflexion hat dieses Kino kaum mehr Zeit.

Als Film-Erlebnis fordern diese neorealistischen Action- und Kriegsfilme, darunter auch das Afrika-Drama "Blood Diamond" und der im Herbst startende FBI-Thriller "The Kingdom", vom Zuschauer Sportlichkeit. Die Zukunft der Bourne-Reihe, ohnehin nahe an seriellen TV-Plots wie "24", könnte daher auf dem kleineren Fernsehschirm liegen, der dem Zuschauer Sicherheitsabstand garantiert. Da tut's dann nicht mehr so weh.



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