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"Das Dorf": Village People auf dem Weg zur Hölle

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M. Night Shyamalan gilt als Meister intelligenten Gruselkinos, Filme wie "Sixth Sense" machten ihn zu einem der einflussreichsten Regisseure Hollywoods. Mit "Das Dorf" präsentiert der Starfilmer nun eine Notgemeinschaft im Kampf gegen das Böse - und beweist erneut, dass das Grauen auf der Leinwand ohne grelle Effekte auskommt.

 "Das Dorf"-Star Joaquin Phoenix: Somnambuler Sex-Appeal
REUTERS

"Das Dorf"-Star Joaquin Phoenix: Somnambuler Sex-Appeal

Wer hat Angst vorm Shyamalan? Niemand? Die Aussicht auf ein weiteres Schauerstück aus der Manufaktur des Regisseur-Autor-Produzenten M. Night Shyamalan, des erfolgreichsten Wiederholungstäters im postklassischen Horrorfilm, stimmt mittlerweile skeptisch. Allzu berechenbar scheint das formale Vexierspiel dieses Mainstream-Auteurs zu sein, der seinen zweifellos kunstvoll konstruierten Suspense-Spektakeln bisher immer eine mehr oder minder verblüffende Schlusspointe verpasste.

Paradise Lost

Ob nun die buchstäblich tödliche Epiphanie in "The Sixth Sense", die schmerzhafte Bewusstwerdung des Anti-Superhelden in "Unbreakable" oder die spekulative Entschlüsselung außerirdischer "Signs": Mit zwanghafter Gewissheit inszenierte Shyamalan auf seine vermeintlich originelle Signatur hin, so dass Handlung und Figuren scheinbar nur noch dem pflichtgemäßen Aha-Effekt dienten.

Den verspricht der Verleih dem Publikum auch beim Besuch von "The Village", wobei die vollmundige Ankündigung einer Überraschung wohl nur Menschen begeistert, die sich noch bei der zwanzigsten Fahrt in derselben Geisterbahn gruseln. Umso größer jedoch das Erstaunen im Kino, denn das titelgebende Dorf entpuppt sich nicht nur als Schauplatz einer durchweg stimmigen Reminiszenz an die American Gothic, sondern auch als der Ort, an dem M. Night Shyamalan wieder das Furchteinflößen lernte.

Sigourney Weaver und William Hurt als heimgesuchte Dörfler: Gemeinwesen im Belagerungszustand
TOUCHSTONE PICTURES

Sigourney Weaver und William Hurt als heimgesuchte Dörfler: Gemeinwesen im Belagerungszustand

Wie die besten dunklen Fabeln beginnt auch diese am helllichten Tag: Die Mitglieder einer namenlosen Gemeinde beerdigen einen kleinen Jungen. Während der sichtlich bewegte Vater (Brendan Gleeson) eine kurze Ansprache hält, erhascht die Kamera einen kurzen Blick auf die Grabinschrift. Augenscheinlich ist es das Jahr 1897, und die weißgetünchten, um die Kirche zentrierten Bauten des Ortes sowie die Kleidung seiner Bewohner lassen auf den puritanischen Nordosten der USA schließen. Die folgenden, in ruhigen Sequenzen eingefangenen Impressionen aus dem Dorfalltag unterstreichen den ersten Eindruck einer festgefügten Werte- und Lebensgemeinschaft.

Hier spielen Kinder auf satten grünen Wiesen, während die Eltern ihr Tagwerk verrichten. An reichlich gedeckten Festtafeln wird Gott für seine Gnade gedankt, und behutsam rücken die Protagonisten in den Vordergrund. Wir sehen, dass der geistig zurückgebliebene Noah Percy (Adrien Brody) in Ivy (Bryce Dallas Howard), der blinden Tochter des Gemeindevorstands Edward Walker (William Hurt), eine verständnisvolle Freundin hat. Wir werden Zeuge, wie ein Ältestenrat dringende Anliegen verhandelt, darunter die offenbar ungewöhnliche Bitte des jungen Lucius Hunt (Joaquin Phoenix).

Nach dem Tod des kleinen Jungen will Lucius das Dorf verlassen, um in der entfernten Stadt Medikamente für künftige Notfälle zu besorgen. Der Rat, dem neben Walker auch Lucius' Mutter (Sigourney Weaver) angehört, weist sein Ersuchen freundlich, aber bestimmt ab. Und dabei hören wir erstmals von "Those We Don't Speak Of" - die, von denen man nicht spricht - und wissen sofort, dass damit nur etwas Ungeheuerliches gemeint sein kann.

Raffiniertes Spiel mit der christlich-amerikanischen Kultur

Bryce Dallas Howard als Dorfschöne Ivy Walker: Vibrieren vor Kraft
TOUCHSTONE PICTURES

Bryce Dallas Howard als Dorfschöne Ivy Walker: Vibrieren vor Kraft

Tatsächlich verbergen sich hinter der kryptischen Umschreibung gefürchtete Wesen, die den umliegenden Wald bevölkern und das Dorf so seit jeher von der Außenwelt abschneiden. Der fragile Friede mit den meist nur zu hörenden Monstern basiert auf strengen Regeln. So ist die Farbe Rot gänzlich aus dem Dorf verbannt, da sie die Wesen anlockt. Und selbstverständlich darf niemand den Wald betreten, geschweige denn durchqueren. Was das isolierte Idyll der Dörfler in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt.

Natürlich führen folgenschwere Ereignisse zur unvermeidlichen Konfrontation mit den Waldgestalten, doch weit beunruhigender als die Präsenz eines übernatürlichen Anderen im Unterholz wirkt die Selbstverständlichkeit, mit der sich das tugendhafte Gemeinwesen im Belagerungszustand eingerichtet hat. Virtuos platziert Shyamalan visuelle Widerhaken in seinen pastoralen Tableaus - wie etwa unvermittelt auftauchende, blutrote Mohnpflanzen oder die rästelhaften Stahlschatullen in den Kammern der Erwachsenen -, und bedächtig sickert der Horror durch die Fugen des bibeltreuen Bollwerks, das an die prophetische "City on a Hill" der amerikanischen Pilgerväter gemahnt.

Grusel-Großmeister M. Night Shyamalan: Suspense-Spektakel mit Pointen-Garantie
TOUCHSTONE PICTURES

Grusel-Großmeister M. Night Shyamalan: Suspense-Spektakel mit Pointen-Garantie

Mit jeder Drehung an der dramaturgischen Schraube erscheint dieses Neue Jerusalem immer weniger als naturgegebene Ordnung, sondern als in der Zeit verlorene Enklave - im grellsten Moment wirkt es so, als ob die Taliban mit den Teletubbies eine Landkommune gegründet hätten. Und im doppelbödigen Spiel mit dem christlich-amerikanischen Fundamentalismus brillieren vor allem die jungen Hoffnungsträger: Joaquin Phoenix verströmt die somnambule Sexyness eines Rebellen auf Ritalin, während die großartige Bryce Dallas Howard - Tochter von Regisseur Ron Howard - in ihrem Spielfilmdebüt vor lauter kontrollierter Kraft förmlich zu vibrieren scheint.

Am Ende gibt es dann noch die obligatorische Pointe. Sie sitzt maßgeschneidert, ist jedoch überflüssig. Denn letztlich unterstreicht sie nur jene düstere Erkenntnis, die Shyamalan seinen formidablen Village People ins Stammbuch geschrieben hat: Dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist.


The Village - Das Dorf ("The Village")
USA 2004. Regie: M. Night Shyamalan. Drehbuch: M. Night Shyamalan. Darsteller: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, Adrien Brody, William Hurt, Sigourney Weaver, Brendan Gleeson. Produktion: Touchstone Pictures, Blinding Edge. Verleih: Buena Vista. Länge: 108 Minuten. Start: 9. September 2004




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