"Dschungelbuch"-Remake Versuchs mal mit Düsternis

Ein neues "Dschungelbuch", fast 50 Jahre nach Disneys Original - kann das gutgehen? Ja, durchaus. Doch die Leichtigkeit des beliebten Zeichentrickfilms ist dahin.


"Now I'm the king of the swingers
Oh, the jungle VIP
I reached the top and had to stop
and that's what's been bothering me.
Oh obeedoo
I wanna be like you-ou-ou..."

Wenn Louis Prima alias King Louie loslegt, wippt alles mit, was schnell genug von den Bäumen runter ist. 1967 installierten die Walt-Disney-Studios Prima als Primatenchef im Zeichentrickfilm von Wolfgang Reithermann. Und das Ding swingte sogar auf Deutsch: "Das Dschungelbuch" mit seinen (übersetzten) Hits "Ich wär so gern wie Du-u-u" und "Probiers mal mit Gemütlichkeit" summten 27 Millionen Deutsche mit - so viele Zuschauer hat bis heute kein anderer Film im Land.

"The Monkey Song" beinhaltete damals auch ein Kerngespräch zwischen dem von Wölfen aufgezogenen Dschungelfindelkind Mogli und King Louie: Louie will von Mogli das Geheimnis des Feuermachens, der "roten Blume" erfahren - denn das, glaubt der Orang-Utan, brächte ihn dem Menschsein einen großen Schritt näher.

Moglis Freunde, der Panther Baghira und der Bär Balu, die ihn aus den Klauen der frechen Affen retten, möchten ihn hingegen zur Menschensiedlung bringen - da sei er vor den Affen und vor allem dem bösen Tiger Shir Khan sicher, der keine Menschen im Dschungel duldet.

Doch Mogli empfindet sich selbst als Dschungeltier, aufgewachsen in einer Familien-WG verschiedenster Arten von Lebewesen - und zweifelt bis zum Schluss an den Absichten der Freunde.

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Neuer "Dschungelbuch"-Film: Welt mit Schatten

Disney hat diese Motive größtenteils in seine neue, detailreiche, von über 800 Spezialeffektkünstlern am Computer generierte Version des von Rudyard Kiplings Geschichten inspirierten Stoffes hinübergerettet. Auch im von Jon Favreau ("Iron Man 1+2") inszenierten "Jungle Book" 2016 singt also ein Orang-Utan den Hit vom Menschwerden und besteht auf die "rote Blume".

Aber symptomatisch für die Realfilm-CGI-Adaption sind dabei die Unterschiede zum beliebten Trickfilm: Der Affe ist gruselige vier Meter groß. Überhaupt gerät die Szene extrem düster. Der Kampf zwischen Mogli, Balu, Baghira und der Affenmeute ist brutal, verbissen, beängstigend und dauert viel länger, als einst gesungen wurde. Und dass die ausgelassene Stimmung des "Monkey Song" überhaupt nicht an dieser Stelle passen will, macht die Situation geradezu grotesk: Just als Mogli in größter Gefahr schwebt, mischen sich fröhliche Swing-Akkorde in das unheilvolle Actionklima.

Für kleinere Kinder ist das neue "Dschungelbuch" (trotz FSK6-Freigabe) also nichts, selbst wenn sich die Medienkompetenz jüngerer Zuschauer seit den Sechzigerjahren verstärkt hat - und man daran auch immer eine gesellschaftliche Verrohung konstatieren muss.

Zum Glück vergessen Elefanten nichts

Dabei bemüht sich Justin Marks' Drehbuch um Logik, gar um Verständnis für die Beweggründe der Tiere. Sogar Shir Khan, der im Film wie ein ruheloser, vom Kampf gezeichneter Schlächter hinter dem Jungen her tigert, bekommt einen Rückblick inklusive traumatischem Erlebnis - auch er ist nicht als Gangster geboren, sondern durch die Umstände dazu geworden.

Und Marks' Idee, die Elefantengarde, die im alten Film als Parodie eines Soldatentrupps über ihre eigenen Rüssel stolpert, zu den mysteriösen Herren des Dschungels zu machen, ist schön. Stolz und arrogant wandeln die riesigen Tiere durch ein Reich, das sie - so will es der Mythos - mithilfe ihrer Stoßzähne selbst erschaffen haben. Ein Glück, dass Mogli sich mit einem Elefantenbaby anfreundet und diese Tatsache den Tieren (die ja eh nichts vergessen) im richtigen Moment einfällt.

Die Versuche, die Geschichte so modern, actionreich und verschachtelt wie nötig zu erzählen, und der immer noch existierende humanistische Tenor (der da lautet "Patchwork works!") könnten den Film also - trotz der Kulleraugen beim Ele-Baby und dem niedlichen wölfischen Stiefbruder Moglis - eher bei Erwachsenen andocken lassen.

Jedenfalls wenn sie nicht allzu wertekonservativ sind, nichts gegen die drastische Erneuerung der Zeichentrickhelden ihrer Kindheit haben und sich nicht daran stören, dass die beiden Hits wie Fremdkörper in der dunklen, rasanten, gefährlichen Geschichte stecken. Und die sich die Originalversion mit den Stimmen von Bill Murray, Ben Kingsley, Idris Elba und Christopher Walken (als King Louie!) anschauen.

Die deutsche Fassung klingt nämlich etwas müde - vor allem die Erzählerstimme Joachim Króls suggeriert verzweifelt Bedeutung, die man ihr nur selten abnimmt. Sämtliche Kinder dagegen, ob sie Neel Sethi oder das Wölflein synchronisieren, machen ihre Sache gut. Sie wirken lebendiger als ihre perfekten CGI-Avatare.

Dass Disney besonders stolz darauf ist, das sogenannte Schattenproblem gelöst zu haben, ist übrigens ein weiteres Kuriosum, das den Abstand zwischen den Dschungeln von 1967 und 2016 demonstriert: Weil neben dem einzigen lebendigen Darsteller Neel Sethi (Mogli) nie echte Lebewesen spielten, musste der Visual Effects Supervisor ein System entwickeln, um Schatten vermeintlicher Co-Stars auf den Schauspieler fallen zu lassen. Schatten waren dagegen das letzte, was die "Dschungelbuch"-Verantwortlichen von 1967 in ihrem farbenfrohen Familienspektakel sehen wollten. Sie erzählten die Geschichte tatsächlich komplett schattenfrei.

Im Video: Der Trailer zu "Jungle Book"

"Jungle Book"

    USA 2016

    Regie: Jon Favreau

    Drehbuch: Justin Marks nach der Vorlage von Rudyard Kipling

    Darsteller: Neel Sethi

    Synchronstimmen (deutsche Fassung): Joachim Król (Baghira), Armin Rohde (Balu), Ben Becker (Shir Khan), Jessica Schwarz (Kaa), Christian Berkel (King Louie), Heike Makatsch (Raksha), Justus von Dohnányi (Akela)

    Produktion: Walt Disney Pictures

    Verleih: Walt Disney Germany

    Länge: 106 Minuten

    FSK: 6 Jahre

    Start: 14. April 2016

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
torgrun 13.04.2016
1.
Hmm... Ich vermute mal, die Autorin dieses Artikels hat nie das "Dschungelbuch" gelesen, sonst würde sie die Idee, dass die Elefanten (Hahti) die Herren DER Dschungel sind, nicht dem Drehbuch, sondern Kipling selbst zuordnen. Überhaupt... Einen "King Louie" gibt es nicht bei Kipling. Diese Figur hat mich immer gestört... Disney eben...
tartarin 13.04.2016
2. Louis Armstrong
Eigentlich sollte Louis Armstrong den Affenkönig im Disney-Zeichentrickfilm sprechen und singen. Um keinem rassistischen Stereotyp Vorschub zu leisten, entschied man sich dann für den Weißen Louis Prima.
maxmara 13.04.2016
3. Hilfe, wir sind wertekonservativ
Wir (55 / 48) haben den Trailer zum neuen Dschungelbuch gesehen. Nix für uns. Zu düster, zu brutal. Und trotz FSK 6 auch nix für unsere Enkeltochter. Die würde die nächsten 10 Jahre kein Kino mehr betreten. Am Sonntag haben wir bei Spiegel Online gelernt, dass wir mit unserem Elektroauto zu den "First Movers" oder "Early Adopters" gehören – früher hätte man vermutlich Avantgarde gesagt. Jetzt lernen wir bei Spiegel Online, dass wir wertekonservativ sind. Wir haben beschlossen, in Sachen Nachhaltigkeit Avantgarde zu bleiben, und es gleichzeitig zu genießen, bei Büchern und Filmen wertekonservativ zu sein.
KilgoreTrout 13.04.2016
4. ...
Gute Güte. Was soll man zu dieser Rezension bloß sagen? Versuchen wir es: Um Himmels Willen, so lesen Sie doch das Buch! Wenn Sie das nicht möchten, lesen Sie sich doch bitte, bitte die Produktionsgeschichte des 60er-Zeichentrickfilms durch -- der ursprügliche Plan war außerordentlich düster und schön. Wenn auch das zu viel Mühe macht, ist eine Soundtrack-Edition mit den Demoversionen der für diese finstere Version geplanten Lieder erhältlich, die die ursprüngliche Atmosphäre wunderbar zum Leben erweckt. Vor diesem Hintergrund muss man sich dann auch nicht über "Wertekonservatismus" auslassen oder von den Originalstimmen schwärmen, sondern kann sich vielleicht mal fünf Minuten fragen, warum nicht ein einziger indischer Sprecher dabei ist, wie Rudyard Kipling im Allgemeinen rezipiert wird und wie der Film in Indien und in Großbritannien ankommt ... man hätte vielleicht sogar Sabu erwähnen können, der im Gegensatz zu Neel Sethi wenigstens in Indien geboren wurde, nicht in New York. Das wäre alles, alles spannender als "Nicht wie alter Zeichentrickfilm. Alter Zeichentrickfilm besser."
Newspeak 14.04.2016
5. ...
Ist es nicht eher umgekehrt? Daß nämlich der alte Disneyzeichentrickfilm ein wenig sehr zu fröhlich daherkam? Zumindest im Sinne der Originalvorlage von Kipling. Als Unterhaltung ist der bestimmt gut gewesen, als Geschichte losgelöst vom Buch völlig ok, als Verfilmung wohl eher schlecht.
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