Interview mit Nora von Waldstätten und Josef Hader "Ein bisschen Arroganz muss sein"

Der Thriller "Das ewige Leben" mit Josef Hader und Nora von Waldstätten zeichnet ein dunkles Bild von Österreich. Im Interview sprechen die beiden Schauspieler über gefällige Filme, gute Enden und die Filmländer Deutschland und Österreich.

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Zu den Personen
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    Josef Hader, 53, ist ein österreichischer Kabarettist, Schauspieler und Autor. Hader gehört zu den bekanntesten Kabarettisten des Landes und feierte auch im Ausland Erfolge mit Filmen wie "Indien" (1993) oder "Der Knochenmann" (2009), in denen er mitspielte und für die er die Drehbücher schrieb.
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    Nora von Waldstätten, 33, ist eine österreichische Film- und Theaterschauspielerin. In Deutschland wurde sie durch ihre Rolle im Tatort "Der Frauenflüsterer" (2005) bekannt. International trat sie mit ihrer Darstellung von Magdalena Kopp in dem Bio-Pic "Carlos - Der Schakal" (2010) in Erscheinung, das mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.
Waldstätten: Haben Sie was dagegen, wenn ich das Gespräch ebenfalls aufzeichne?

SPIEGEL ONLINE: Gar nicht. Warum wollen Sie das denn machen? Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht, falsch zitiert worden zu sein?

Waldstätten: Nein, ich nehme das zur Vorbereitung auf andere Interviews. Manchmal ist es ja so, dass die Filme in Österreich einen ganz anderen Kinostart haben als in Deutschland - und so kann ich noch mal reinhören, was ich schon gesagt habe.

Hader: Das ist aber gescheit.

SPIEGEL ONLINE: Muss man über "Das ewige Leben" in Österreich anders reden als in Deutschland?

Waldstätten: Nö.

Hader: Ich sage Ja. In Österreich sind wir natürlich Blockbuster. Blockbuster müssen anders kommuniziert werden als Arthouse, und in Deutschland sind wir Arthouse, daher werden wir hier hochintellektuelle Gespräche führen, während wir in Österreich ständig nur erzählen, wie knallig der Film ist.

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"Das ewige Leben": Reise in die Vergangenheit
SPIEGEL ONLINE: Es könnte ja sein, dass das Bild von Österreich, das der Film zeichnet, dort erklärungsbedürftig ist: Ein düsteres, unsympathisches Land, durch das sich praktisch ausschließlich kaputte Charaktere bewegen. Ist das ein Österreich-Bild, das in Österreich gut ankommt?

Hader: Grundsätzlich sind die Österreicher sehr selbstironisch. Auch im Fernsehen sind die großen Publikumserfolge eigentlich die, die das Land nicht wohlgefällig betrachten. Das zieht sich von "Kaisermühlen Blues" über "Ein echter Wiener geht nicht unter" bis hin zu "Braunschlag".

Waldstätten: Ich habe auch das Gefühl, dass es da eine große Offenheit gibt. Und Wolf Haas, der Autor des Romans, bringt mit seiner Sprache viele österreichische Eigenheiten so genau auf den Punkt, wie ich das sonst eigentlich nur von Elfriede Jelinek kenne.

Hader: Es muss aber natürlich schon irgendwer in diesen Filmen vorkommen, den man sozusagen trotzdem mag, sonst funktioniert es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Dem TV-Publikum bekannt geworden sind Sie, Frau von Waldstätten, als Darstellerin von Intrigantinnen, die alles im Griff haben und ihre Pläne durchziehen. Ihre Figur in "Das ewige Leben" ist da ganz anders: Sie lebt in einer Scheinwelt, wirkt oft verunsichert.

Waldstätten: Ich habe mich wahnsinnig über diese Rolle gefreut, zunächst einmal, weil ich mit Josef Hader arbeiten konnte und weil die bisherigen Verfilmungen der Bücher von Wolf Haas immer so toll waren. Aber auch, weil es eine spannende Figur ist, die ich so noch nicht im Repertoire hatte: Eine Frau, die verstrickt ist in eine Co-Abhängigkeit mit ihrem Mann, die Ärztin ist und dafür viel zu empathisch und sich nicht abgrenzen kann. Und die auch so eine entzückende Schusseligkeit hat, an der wir immer wieder gearbeitet haben. Sie versucht, alles im Griff zu haben, aber es gelingt ihr nicht und rutscht ihr immer wieder weg. Das war für mich eine spannende Arbeit, weil es ein neues Feld war.

Hader: Ich glaube, seit Cary Grant gibt's niemanden, der gleichzeitig so hübsch und so komisch sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Das ist der vierte Brenner-Film, vergangenes Jahr ist der achte Roman erschienen. Kann es mit Brenner jemals ein gutes Ende nehmen?

Hader: Es nimmt mit niemandem ein gutes Ende. Am Schluss steht immer die absolute Niederlage... am Schluss jedes Lebens. Also was wäre ein gutes Ende für den Brenner?

SPIEGEL ONLINE: Dass er vielleicht Frieden mit sich selbst findet.

Hader: Er ist bereits mehr oder weniger in einem gewissen Frieden mit sich selbst, weil er eine ganz klare Haltung der Welt gegenüber hat. Er betrachtet alles Mehrheitsfähige skeptisch. Er ist stolz und trotzig und gern Individualist. Er begreift sich nicht als jemand, der inmitten anderer ist, sondern als jemand, der den anderen diametral gegenübersteht. Das kann er nicht ändern: Es ist das Einzige, das ihm einen Halt gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Haltung, die Sie mit ihm teilen?

Hader: Ja. Nicht so sehr, dass ich mich allen anderen diametral gegenübersehe, aber Skepsis gegenüber allem Mehrheitsfähigen habe ich schon.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden ungern einmal einen etwas gefälligeren Film machen?

Hader: Nein, ich bin ein freundlicher, kompromissbereiter Mensch. Ich kann mir halt den Luxus leisten, dass ich nicht alles annehmen muss, weil ich vom Kabarett her so mit Terminen zu bin, dass es zu Schnellschüssen gar nicht kommen kann. Kabarettisten haben Terminkalender wie Opernsänger. In zwei Jahren bin ich in... Rosenheim.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es noch einen weiteren Brenner-Film geben, dann ist damit also in frühestens vier Jahren zu rechnen?

Hader: Jetzt geht's erst einmal darum, den Geburtsschmerz wieder zu vergessen. Diese Filme sind sehr unangenehm zu drehen, weil sie ein geringes Budget haben und trotzdem große Filme sein wollen. Der Markt für solche Filme ist einfach zu klein, weil sich österreichische Filme von einem ZDF-/ORF-Hauptabendfilm unterscheiden müssen, das macht sie sehr authentisch. Diese Besonderheit behindert sie aber dann außerhalb. In manchen Gegenden Deutschlands sind wir ein ethnologisches Phänomen. Keiner der bisherigen Filme hat seine Entstehungskosten eingespielt. Jetzt gerade sagen alle: nie wieder. Aber das ändert sich manchmal nach zwei, drei Jahren wieder.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit dieser Art von Film, mit dieser düsteren, sehr österreichischen Geschichte überhaupt einen Blockbuster landen?

Hader: Wenn man in einem großen Sprachraum arbeitet, dann finden sich genug Leute, die so etwas mögen. Darum sind Serien wie "Breaking Bad" ein Welterfolg. Aber ich bin lieber ein kleines Filmland als ein mittleres, sage ich hier in Deutschland. Ein bisschen Arroganz im Interview muss sein.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hader: In einem kleinen Filmland kann man mit einem Film grundsätzlich kein Geld machen. Das bedeutet, dass in einem kleinen Filmland alle Arschlöcher mal schon gar nicht auf die Idee kommen, Filme zu machen. Die sind schon mal weg. Und künstlerisch bedeutet das, dass man nie in die Versuchung gerät, einen Film nur wegen des Geldes zu machen. In Deutschland hat man einige Zeit viele Filme gemacht, die überhaupt nicht mehr verortet waren. Man hat offenbar erwartet, dass solche Gummifilme, die überall und nirgends spielen können, besonders gut an der Kasse abschneiden. Wenn wir in Österreich einen schlechten Film machen, dann nicht wegen des Geldes, sondern weil wir es nicht besser können.

SPIEGEL ONLINE: So, jetzt müssen Sie beide nochmal kurz sagen, wie super die Zusammenarbeit gewesen ist. Das ist Standard bei so einem Interview.

Hader: Genau. Die Zusammenarbeit war super, aber wenn sie nicht super gewesen wäre, würden wir trotzdem sagen, sie war super. Sie war aber super.

Waldstätten: Ja, sie war super.

"Das ewige Leben" - Filmstart: 19. März 2015

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
rl_germany 21.03.2015
1. gestern gesehen
Sehr schöner Film, absolut empfehlenswert! Zumindest wenn man dieses etwas Kaputte, Schräge an den österr. Filmen mag. Und "Halt die Pappn" klingt halt schöner als "Halt die Fresse", auch wenn es das Gleiche meint ;-)
alphaniner 21.03.2015
2. Ich mag den Brenner.
Die Filme werden auch immer besser. Werd ihn mir auf jeden Fall noch anschaun. Der Knochenmann war einfach nur klasse ;-)
toxutat 21.03.2015
3. Der Knochenmann
@alphaniner Danke für den Tip...
williondo 21.03.2015
4.
Auch gestern gesehen. Muß ich mir aber nochmal geben, weil ich ab und zu derText nicht nicht ganz zu verstehen war. Ok, lag wohl auch an der etwas schlechten Tontechnik des Kinos. Aber nicht nur. ;-) Das nächste mal suche ich ein Kino, wo er OmU läuft.
gladiator66 21.03.2015
5. Es gibt eine immerwährende Tradition in der österreichischen Theater- und Filmwelt:
Die Akteure spielen sich meistens selber. Hader ist besonders ambitioniert!
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