Milieustudie "Das Gesetz der Familie" Glaubhafter Jogginghosen-Machismo

Milieustudie aus England: Familie Cutler um Patriarch Colby haust im Wohnwagen und lebt von Einbrüchen. Adam Smith' Kinodebüt ist angenehm ungeschminkt und stilsicher.

Koch Films

Robin Hood trägt jetzt Trainingsanzug, sitzt im abgewetzten Fernsehsessel am Lagerfeuer und trinkt Amaretto. Tatsächlich sieht sich Colby Cutler (Brendan Gleeson) in der Nachfolge des vogelfreien Rächers der Enterbten, auch wenn seine klapprige Wohnwagenburg im ländlichen Gloucestershire kaum Wildromantisches an sich hat. Hier lebt Patriarch Colby mit seinen Kindern, Verwandten sowie in die Kommune adoptierten Außenseitern außerhalb der gesellschaftlichen Normen. Colby lässt allein "Das Gesetz der Familie" gelten, was im gleichnamigen Film von Adam Smith nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Colbys Sohn Chad (Michael Fassbender) hat die großen Reden seines Vaters gegen Staatsmacht, Schule und jedwede Autoritäten von klein auf gehört und verinnerlicht. So hat er selbst nie richtig Lesen und Schreiben gelernt, was ihn indes bei familiären Aktivitäten wie Einbruch, Autodiebstahl und Vandalismus nicht behindert. Doch nun, als Vater zweier Kinder, kommen ihm Zweifel an der Outlaw-Existenz, zumal seine Frau Kelly (Lyndsey Marshal) das kriminelle Leben am vermüllten Waldrand lieber heute als morgen hinter sich lassen würde. Heimlich beginnt Chad deshalb, nach einer neuen Bleibe für seine kleine Familie zu suchen - wohlwissend, dass ein Wegzug in den Augen seines Vaters Verrat bedeuten würde.

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Doch selbst Chads zaghafte Versuche einer Integration in die eigentlich verhasste bürgerliche Gesellschaft sind hürdenreich, denn der Name Cutler ist in der Gegend seit Generationen berüchtigt. Zudem wartet die örtliche Polizei, die so oft von Colbys Clan brüskiert wurde, nur auf eine Gelegenheit zum Zugriff. Die scheint für den Dorfbeamten Lovage (Rory Kinnear) und seine Kollegen gekommen, als die Cutlers einen für ihre Verhältnisse ungewöhnlich großen Raubzug in einem feudalen Herrenhaus wagen. Unter dem wachsenden Fahndungsdruck drohen die Familienbande zu reißen, und der lange schwelende Konflikt zwischen Chad und Colby bricht sich offen Bahn.

Die harschen Seiten Britanniens

Nun sind die Cutlers nicht die Corleones, und Regisseur Smith macht den Unterschied zwischen renitenten Underdogs und mörderischen Mafiosi auch sehr deutlich. Smith schulte sein Auge für die harschen Seiten Britanniens in der TV-Serie "Skins" und in provokanten wie preisgekrönten Musikvideos, etwa für die Chemical Brothers - die hier auch den treibenden Soundtrack liefern - und Mike Skinners smartes Präkariats-Pop-Projekt The Streets. Angenehm ungeschminkt und stilsicher zeigt sich auch sein Kinodebüt, das gekonnt Motive einer modernen Gangsterballade mit der äußerst englischen Tradition des sozialkritischen Kitchen-Sink-Dramas vereint.


"Das Gesetz der Familie"
USA 2016

Regie: Adam Smith
Drehbuch: Alastair Siddons
Darsteller: Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal
Produktion: Potboiler Productions, Film4, Albert Granville, Animal Kingdom
Verleih: Koch Films
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16
Start: 3. August 2017


Dabei verzichtet sein Film auf drastische Gewaltdarstellungen und überrascht stattdessen mit dosiertem Witz, der das meist ernste Geschehen unverhofft aufhellt. Bestes Beispiel ist eine verwegene Verfolgungsjagd, die sich Chad und seine Gefährten mit der Polizei liefern: Nachdem sie den Häschern spektakulär entkommen sind, besteht Chad darauf, an der nächsten Tankstelle Zigaretten zu kaufen. Das reicht der Polizei, um die Bande doch noch einzuholen. Daraufhin legt Chads Kumpel ihm sehr ruhig und freundlich nahe, doch mal mit dem Rauchen aufzuhören.

Verachtung für brave Bürger

In dieser und anderen Szenen ist es der unverschämt jungenhafte Charme des immerhin auch schon 40-jährigen Michael Fassbender, der die Zuschauer Anteil an Chads Dilemma nehmen lässt. Seit Andrea Arnolds grandiosem "Fish Tank" sah man den Star nicht mehr so gelassen, und Fassbender macht Chads Jogginghosen-Machismo ebenso glaubhaft wie seine nur notdürftig übertönten Unsicherheiten als Analphabet.

Diese Erfahrung der Ausgrenzung will Chad seinen Kindern ersparen, was auf Unverständnis bei Colby stößt. Brendan Gleeson überzeugt als alternder Räuberbaron, der das Elend wortreich romantisiert und sich vehement an seine Vorstellung von Familienstolz klammert. Die gründet nicht zuletzt im Standesdenken, das bis heute in England vorherrscht und für das Smith hier beiläufige wie treffende Bilder findet.

Mit ihrer Verachtung für brave Bürger im Allgemeinen und Schutzmänner Ihrer Majestät im Besonderen rühren die Cutlers am Status quo. Auch wenn sie keine legitimen Erben historischer britischer Revolutionsbewegungen wie der Diggers sind, so sind sie doch ein anarchischer Störfaktor in der beschaulichen Landgemeinde. Als solcher gehören ihnen in Smiths Film trotz aller Defizite und Verfehlungen die Sympathien, und so kommt "Das Gesetz der Familie" auch zu einer überraschend versöhnlichen Auflösung.

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