Französischer Film "Das ist unser Land!" Schritt für Schritt am rechten Rand

Das Polit-Drama "Das ist unser Land" beschreibt den Weg einer Krankenpflegerin zur rechtspopulistischen Bürgermeisterschaftskandidatin. Ein Eingriff in den Wahlkampf, beschweren sich die echten Rechten.

Alamode

Von Till Kadritzke


In "Casablanca" gibt es diese tolle Szene, in der Widerstandskämpfer Victor László das Orchester des Nachtklubs Rick's dazu anhält, die Marseillaise zu spielen, damit die französischen Gäste die Gesänge der deutschen Besatzersoldaten überstimmen können. Das Herzstück dieser Sequenz ist die Nahaufnahme einer jungen Frau, die mit Tränen in den Augen in die Hymne einstimmt - ein Bild, das die Gefühle der Figur mit Politik und Pathos des Films selbst kurzschließt. Ihre Ergriffenheit ist die unsere.

In Lucas Belvaux' neuem Film "Das ist unser Land!" gibt es eine ähnliche Einstellung. Doch als die Krankenpflegerin Pauline (Émilie Dequenne) beim Singen der französischen Nationalhymne feuchte Augen bekommt, könnte sie kaum weiter entfernt sein von einem Akt antifaschistischen Widerstands. Die Marseillaise schließt in dieser Szene nämlich die Wahlkampfveranstaltung der rechtspopulistischen Partei RNP ab - die mit ihrer demagogischen Parteichefin deutlich am Front National angelehnt ist. Und Pauline hat sich jüngst dazu überreden lassen, für eben diese Partei als Bürgermeisterschaftskandidatin in ihrer Heimat Hénart im Norden Frankreichs anzutreten.

Anders als in "Casablanca" kann Paulines Ergriffenheit gerade nicht die unsere sein, wir sollen dem patriotischen Pathos vielmehr analytisch begegnen. "Das ist unser Land" richtet sich an ein liberales Publikum, will aufzeigen, wie anfällig eine "normale Bürgerin" für die Rhetorik der Neuen Rechten ist. Trotz dieser für den Film konstitutiven Distanz zwischen Hauptfigur und Zielpublikum greift "Das ist unser Land!" (der etwas subtilere französische Originaltitel lautet "Chez nous") auf eine konventionelle Dramaturgie und eine klassische Figurenzeichnung mitsamt ihrer Logik der Identifikation zurück: Man soll Pauline kennenlernen, ihre Beweggründe verstehen, ihre Entscheidungen nachvollziehen. Ein filmischer Balanceakt, der erst mal durchaus spannend anmutet.

Neue Formen der Politisierung des Alltags

Als Pauline dem befreundeten Arzt, der sie zu rekrutieren versucht, bei einem ersten Gespräch erklärt, sie sei zwar unpolitisch, aber irgendwie schon eher links, entgegnet der, dass diese Kategorien doch ohnehin überkommen seien. Und zumindest in Ansätzen interessiert sich Belvaux tatsächlich für neue Formen der Politisierung des Alltags. Die Konfrontation mit tradierten Geschlechterrollen in einer muslimischen Familie, die nostalgischen Sprüche ihrer alten Patienten oder die eigene Überforderung als alleinerziehende Mutter nimmt Pauline zunehmend nicht mehr als singuläre berufliche Erfahrungen wahr, sondern interpretiert sie durch die RNP-Brille.

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Fotostrecke: Weinen bei der Nationalhymne

Leider zeigt der Film derlei Dynamiken der politischen Verunsicherung dann doch nur am Rande. Die wirtschaftlich gebeutelte Stadt Hénart ist für Belvaux kein echter Mikrokosmos, den es zu beobachten gilt, sondern das beliebige Spielfeld eines Polit-Dramas, das streng von Paris aus gedacht wird. Schon in einer frühen Szene mit Eiffelturm im Hintergrund wird Pauline von den Parteischergen als ideale RNP-Kandidatin ausgemacht, und damit ist das Verhältnis von Populisten und Volk geklärt: Die einen verführen, die anderen werden verführt. In dieser Logik ist Pauline nur eine Frau, die an die falschen Leute gerät, und die das hoffentlich rechtzeitig zum Filmende einsehen wird.

Das hat Folgen für Erzählweise und Politikverständnis des Films. "Das ist unser Land!" liefert zuverlässig alle Szenen, die für so eine Verführung eben nötig sind, schreitet Schritt für Schritt den Weg an den rechten Rand ab: ein bisschen Hetze von Freundinnen beim Abendessen, ein Streit mit dem kommunistischen Vater, die beginnende Beziehung mit einem einstigen Jugendfreund, mittlerweile strammer Kämpfer für die flämische Sache.

Politik erscheint so als bloße Abfolge zentraler Ereignisse, während die Nebenfiguren sich säuberlich in wohlmeinende Einflüsse (der linke Papa, die alte Hippie-Bekannte) und demagogische Gefahren (die rassistische Freundin, der rechtsradikale Lover) einteilen lassen. Mit derlei erzählerischen Deutlichkeiten ignoriert Belvaux letztlich einen Umstand, den er ja eigentlich selbst beschreiben will: dass nämlich die Schilder an den Scheidewegen unseres politischen Terrains ja gerade nicht mehr so klar beschriftet sind.


"Das ist unser Land!"
Frankreich, Belgien 2017

Originaltitel: "Chez nous"
Regie: Lucas Belvaux
Drehbuch: Lucas Belvaux, Jérôme Leroy
Darsteller: Émilie Dequenne, André Dussollier, Guillaume Gouix, Catherine Jacob, Anne Marivin, Patrick Descamps, Stéphane Caillard, Michel Ferracci, Charlotte Talpaert
Produktion: Synecdoche, France 3 Cinema, Radio Télévision Belge Francophone (RTBF), VOO, BE TV, Shelter Prod
Verleih: Alamode Film
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 24. August 2017


Ein anderer französischer Film, leider noch ohne deutschen Kinostart , stellt sich da deutlich klüger an. "L'atelier", das neue Werk von "Die Klasse"-Regisseur Laurent Cantet, das in diesem Jahr in Cannes zu sehen war, wird vor unseren Augen von einer fast dokumentarischen Beobachtung eines Schreibworkshops für minderprivilegierte Jugendliche zu einem waschechten Thriller - mitsamt Showdown zwischen der liberalen Kursleiterin und einem nach rechts abgedrifteten Schüler.

Nicht nur, weil Cantet über seine bildungsbürgerliche Protagonistin die eigene Position als aufgeklärter Filmemacher immer mitdenkt, fühlt sich sein Film dringlicher an als Belvaux braves Polit-Drama. Während es "L'atelier' nämlich gelingt, über seine kluge Umarbeitung von Genremotiven eine genuin filmische Sicht auf das Politische zu gewinnen, verhält es sich bei "Das ist unser Land!" genau andersherum: Belvaux nutzt das virulente Thema Rechtspopulismus für ein handelsübliches Arthouse-Drama, sperrt das Politische dadurch in ein dramaturgisches Korsett, in dem es uns nichts mehr sagen kann.

So mag sein Film als warnendes Lehrstück über die Anfälligkeit strukturschwacher Regionen für Populisten einen pädagogischen Wert haben - nicht umsonst attackierte ihn der Front National noch vor seiner französischen Premiere lautstark als Eingriff in den Wahlkampf. Um tatsächlich neue Perspektiven zu eröffnen oder Erkenntnisse zu gewinnen, leidet "Das ist unser Land!" dann aber doch zu sehr an seiner ganz eigenen Strukturschwäche.

Filmtrailer ansehen: "Das ist unser Land!"

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