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"Das Kabinett des Dr. Parnassus": Letzter Vorhang für Heath Ledger

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Mitten im Dreh von "Das Kabinett des Dr. Parnassus" starb Heath Ledger - da kam Regisseur Terry Gilliam der Einfall: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell sprangen für den toten Star ein. Und retteten das Geisterspektakel, das kaum mehr ist als ein tosender, größenwahnsinniger Bildersog.

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Heath Ledgers letzter Film: Hochgetunte Todeselegie
Auf dem Jahrmarkt hat das Kino angefangen - vor mehr als einhundert Jahren, als man die neue Filmkunst den Massen vorführte. Selten wird man so deutlich daran erinnert wie in "Das Kabinett des Dr. Parnassus", diesem wunderschön phantasievollen Geisterbahn-Spektakel, das nun als jüngstes Werk des alten Regie-Haudegens Terry Gilliam in Deutschland anläuft.

Man sieht lauter scheinbar endlose Alptraumlandschaften aus Bergspitzen, Wüsten und Wolkenmeeren in dieser Gruselwelt. Man sieht Menschen mit bösen Fratzen und schlabbernden Gliedern und natürlich auch den Klabautermann persönlich. Und dazu gibt es jede Menge surreal niedliche Mädchenanmut und überirdisch kantiges Männerpathos.

Die ansehnlichste Heldenfresse in "Das Kabinett des Dr. Parnassus" hat Heath Ledger. Er spielt einen verwegenen, aber unglücklichen Kerl namens Tony, der sich eines Nachts unter einer Themsebrücke erhängen will. Dort schneidet ihn ein Haufen irrer Gaukler, deren grandios überladener Jahrmarktswagen gerade über den Fluss rollt, vom Galgenstrick. Tony verliebt sich ruckzuck in die Tochter des Anführers der Schaustellerkompanie - und muss bald feststellen, dass das unschuldige Mädchen (very british und bleich: Lily Cole) von seinem Vater in einem üblen Pakt an den Teufel verkauft ist: Sobald es seinen sechzehnten Geburtstag feiert, darf der Beelzebub, der hier Mr. Nick heißt und wie Tom Waits aussieht, das arme Kind holen.

Der Film ist ein pathetisches, atemloses, größenwahnsinniges Projekt, das abwechselnd Goethes "Faust", Shakespeares "König Lear" und Stummfilmklassiker von Pabst, Murnau und Lang anbetet, verwurstet und verballhornt. Ständig wird hier mit dem ganz großen Schneebesen an den allerletzten Dingen gerührt. Aber das Pathos ist auch auf groteske Weise beglaubigt, weil Heath Ledger am 22. Januar 2008 an einer Überdosis Medikamente starb, inmitten der sich über viele Wochen hinziehenden Dreharbeiten. Für ihn wurde diese hochgetunte Todeselegie tatsächlich zum allerletzten Auftritt.

London, dieser alte Horrorladen

Die Stärke und die Schwäche von Gilliams Film ist, dass es vor dem Vorhang der Phantasiewelt des Dr. Parnassus genauso irre zugeht wie dahinter. Wer auf seinen Jahrmarktswagen klettert und durch den Vorhangs-Spiegel abtaucht in die Gegenwelt, der mag noch unwirklichere Landschaften sehen und Fabelwesen und Menschen, die mittels Regenschirmen fliegen. Aber auch das Gegenwarts-London, in dem der Film spielt, ist vielfach verdüstert, verzaubert und verzerrt, ein Horrorladen aus schiefen Antlitzen und bizarren Gestalten.

Es ist ein großartiger, flirrender, tosender Bildersog, den der Regisseur da erzeugt, aber auch ein leicht beliebiges Allerlei der computeranimierten Tricks und Geistermasken. Man sieht über weite Strecken fasziniert und im Wortsinn begeistert zu. Aber man wird nicht wirklich ergriffen, wenn immer neue düstere Wunderwelten aus Felstürmen, Schluchten und Ozeanen sich auftun.

Beim großen Showdown zwischen dem bösen Mr. Nick und dem braven Tony in der Gegenwelt schlüpfen dann plötzlich Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law in die Rolle, die zuvor ihr Freund Heath Ledger bis zu seinem Ableben gespielt hat. Das ist der Trick, mit dem Gilliam seinen Film gerettet hat. Und tatsächlich scheint der Tod, der große Gleichmacher, dafür so zu sorgen, dass es nicht weiter ins Gewicht fällt, wenn sein Gegenspieler hier eben diverse Gesichter zeigt.

Das oberste Gesetz des Jahrmarkts (und des Kinos) lautet nun mal: Die Helden und die Gaukler wechseln, die Show geht immer weiter.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!
koshernostra 07.01.2010
Zitat von sysopMitten im Dreh von "Das Kabinett des Dr. Parnassus" starb Heath Ledger - da kam Regisseur Terry Gilliam der Einfall: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell sprangen für den toten Star ein. Und retteten das Geisterspektakel, das kaum mehr ist als eine tosender, größenwahnsinniger Bildersog. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,670497,00.html
Ach, sieht er so aus? Was'n Wunder, er ist's!
2. Wahre Größe
bürger mr 07.01.2010
Zitat von sysopMitten im Dreh von "Das Kabinett des Dr. Parnassus" starb Heath Ledger - da kam Regisseur Terry Gilliam der Einfall: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell sprangen für den toten Star ein. Und retteten das Geisterspektakel, das kaum mehr ist als eine tosender, größenwahnsinniger Bildersog. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,670497,00.html
Terry Gilliam , der Meister großer Bilder und surrealer Welten, es gibt doch kaum Regiemeister wie Ihn , die sich an Großprojekte herantrauen und diese dann auch realisieren. (siehe "Don Quichotte") Es ist Unterhaltung auf hohem Niveau in wahrlich Phantastischen Bildern, möge jener noch viele Filme drehen.
3. Allerunterste Schublade...
Lethal Weapon 07.01.2010
...dieser Bericht. Wenn Berichte über Filme lese, dann eher auf Cinema.de, Bereitsgesehen.de. Aber nicht hier!
4. Offensichtlich...
ohno 07.01.2010
Zitat von Lethal Weapon...dieser Bericht. Wenn Berichte über Filme lese, dann eher auf Cinema.de, Bereitsgesehen.de. Aber nicht hier!
..doch, oder was soll der inhaltsleere Kommentar?
5. Stimmt - mehr oder weniger
bootsdecuir 07.01.2010
Zitat von bürger mrTerry Gilliam , der Meister großer Bilder und surrealer Welten, es gibt doch kaum Regiemeister wie Ihn , die sich an Großprojekte herantrauen und diese dann auch realisieren. (siehe "Don Quichotte") Es ist Unterhaltung auf hohem Niveau in wahrlich Phantastischen Bildern, möge jener noch viele Filme drehen.
Agreed. Aber DQ ist ein sehr schlechtes Beispiel ! :-) Lost in La Mancha ist genial und furchtbar gleichzeitig. Traurig und lustig. Und vor allem... WAHR. Long live Terry. Fear & Loathing in Las Vegas. 'You took too much man, you took too much'.
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"Das Kabinett des Dr. Parnassus"

Originaltitel: "The Imaginarium of Doctor Parnassus"

Regie: Terry Gilliam

Buch: Terry Gilliam, Charles McKeown

Darsteller: Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Christopher Plummer, Lily Cole

Produktion: Davis-Films, Amy Gilliam, Samuel Hadida, William Vince, Terry Gilliam

Länge: 122 Minuten

Start: 7. Januar 2010

Offizielle Website zum Film



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