"Das Leben der Anderen" Stasi ohne Spreewaldgurke

In Berlin feierte gestern Abend einer der spannendsten deutschen Filme der jüngsten Zeit seine Vorpremiere: Florian Henckel von Donnersmarck erzählt in seinem Regie-Debüt "Das Leben der Anderen" unprätentiös und eindringlich vom Leben und Leiden im Schatten der Stasi.

Von Reinhard Mohr


Im Berliner "Cinestar"-Kino am Potsdamer Platz standen gestern Abend die jungen Leute wie stets für die aktuellen US-Produktionen an: "Brokeback Mountain", "L.A. Crash" und George Clooneys "Syriana". Nur einige schauten etwas irritiert, als sich plötzlich ältere Männer mit Bärten, Brillen und schwarzen Anzügen in Richtung Kino 3 begaben, unter ihnen Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, Hans Ulrich Klose, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, Ortwin Runde, ehemals Hamburgs Erster Bürgermeister, und der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland. Sogar Bundesbildungsministerin Annette Schavan huschte im Gedränge vorbei.

Die Anwesenheit mehrerer Fernsehteams und der hoch aufragende Silberschopf des rasenden ARD-Reporters Werner Sonne signalisierten endgültig: Ganz normal war das alles nicht. Im Gegenteil: Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte die Mitglieder des Bundestages zur Extra-Vorstellung eines neuen Kinofilms eingeladen: "Das Leben der Anderen", das Spielfilmdebüt von Florian Henckel von Donnersmarck, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Die offizielle Premiere findet erst heute Abend statt, am Donnerstag nächster Woche läuft er in den deutschen Kinos an.

Das seltene Privileg der politischen prima vista galt einem "phantastischen Film, der sehr emotional jüngste deutsche Geschichte darstellt", wie Neumann in seiner kurzen Ansprache sagte. Bereits vier Auszeichnungen im Rahmen des Bayerischen Filmpreises hat das Erstlingswerk gewonnen. Im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, bei der so viel Mittelmaß herrschte, hatte er seltsamerweise keinen Platz gefunden.

Dabei ist er eine Ausnahmeerscheinung, gleichsam eine doppelte Kinopremiere in Deutschland. Nach "Sonnenallee", "Good Bye, Lenin!", "NVA" und "Der rote Kakadu" ist "Das Leben der Anderen" der erste deutsche Spielfilm, der sich durchgehend ernsthaft, ohne Trabi-Nostalgie, Spreewaldgurken-Romantik und anderen folkloristischen Klamauk mit dem Kern der 1989 untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik auseinandersetzt - der systematischen Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung ihrer Bürger im Namen der "Staatssicherheit".

Verglichen mit der travestiehaften Ironisierung der DDR in Leander Haußmanns Filmen, die gewiss ihren eigenen Reiz des Absurden haben, wirkt "Das Leben der Anderen" wie eine ruhige, beinah asketische Versuchsanordnung zwischen Liebe und Staatsmacht, Freiheit und Verrat, Kunst und Politik, Leben und Tod. Ein Stasi-Kammerspiel, das mit erstaunlich wenigen, äußerlich sichtbaren (Wiedererkennungs-)Effekten auskommt.

Zwar wurde an Originalschauplätzen gedreht, darunter im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und Erich Mielkes Machtzentrale in der Normannenstraße, zwar wurden Ministerlimousine, Plattenbautristesse und knatternde Stasi-Karossen authentisch in Szene gesetzt - selbst für die detailgetreu installierte "Abhörtechnik" wird der Name eines Fachmanns im Abspann treulich aufgeführt -, im Mittelpunkt aber steht der Konflikt selbst, besser: der gesellschaftliche Antagonismus, jener unauflösbare Gegensatz, der sich am 9. November 1989 endgültig Luft machte.

Ihn verkörpern vor allem zwei Menschen: Der gefeierte und hoch dekorierte Theaterautor Georg Dreyman (Sebastian Koch), dem Margot Honecker einst persönlich einen eigentlich verbotenen Solschenizyn-Band schenkte, und Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), der mit eiserner Miene, absolut humorlos und unbestechlich, Zentimeter für Zentimeter Schild und Schwert der Partei, über jede Form politischer Abweichung wacht.

Das tut er auch, als er im November 1984 den Auftrag seines Vorgesetzten, Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur), erhält, den eigentlich so linientreuen Dichter auszuspähen. Kulturminister Bruno Hempf persönlich (Thomas Thieme) will wissen, ob nicht vielleicht doch etwas Anstößiges zu finden sei. Der Grund: Er hat ein Auge auf die schöne Frau des Dramatikers, die Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), geworfen. Die Stasi als sozialistische Kampforganisation gegen unliebsame Nebenbuhler.

So beginnt der operative Vorgang  "OV Lazlo", durchgeführt von "HGW XX/7". In Rekordzeit wird die Dichterwohnung verwanzt, und im leeren Dachstuhl richtet Hauptmann Wiesler seine Abhörzentrale ein. Umgeben von Kabeln, Telefonen und blinkenden Geräten, die Kopfhörer stets auf den Ohren, wirkt "HGW XX/7" wie ein kleiner Stasi-Kosmonaut in der Umlaufbahn einer Sojus-Kapsel. Einsam, aber wachsam. Akribisch wird jede Lebensäußerung ein Stockwerk tiefer notiert, bis zur säuberlich getippten Eintragung: "Danach vmtl. Geschlechtsverkehr." Sehr viel mehr gibt es zunächst nicht zu vermelden.

Doch bald entfalten sich die "Widersprüche", wie man früher gut marxistisch formuliert hätte. Albert Jerska (Volkmar Kleinert), der mit Berufsverbot belegte und mit Georg Dreyman befreundete Regisseur, bringt sich um, Christa-Maria Sieland, in der Theaterszene "CMS" genannt, gibt den dreisten, erotisch-politischen Erpressungen des Kulturministers nach, und der einst linientreue Dramatiker beginnt zu zweifeln, zu verzweifeln. Gemeinsam mit zwei Freunden verfasst er ein Manifest über die offiziell geheim gehaltenen Selbstmorde in der DDR, das er einem SPIEGEL-Redakteur übergibt.
Stoff für eine Aufsehen erregende Titelgeschichte.

Auch bei Stasi-Hauptmann Wiesler, der das alles mitbekommt, vollzieht sich eine wundersame Wandlung. Gleichsam "infiziert" durch die unmittelbare Nähe zu seinem Opfer, zweifelt auch er an seinem Auftrag und dessen - wahrhaft niederen - Motiven. Aus Dreymans Wohnung holt er sich heimlich einen Brecht-Band und liest, während ihm die Tränen kommen, die "Erinnerung an die Marie A.": "Und über uns im schönen Sommerhimmel/ War eine Wolke, die ich lange sah/ Sie war sehr weiß und ungeheuer oben/ Und als ich aufsah, war sie nimmer da." Er hört Dreyman Beethovens "Apassionata" spielen und trifft einen kleinen blonden Jungen im Aufzug, der ihn treuherzig fragt: "Bist Du wirklich bei der Stasi?"
Er ist es nicht mehr wirklich.

So verschweigt er die staatszersetzenden Machenschaften des Dramatikers und macht in seinen Tagesberichten aus dem Pamphlet ein "Theaterstück" zum 40. Jahrestag der DDR, in dem ausgerechnet ein gewisser Lenin die Hauptrolle spiele.
Damit rettet er, trotz brutaler Hausdurchsuchung, den Dramatiker. Nicht aber seine Frau. Sie überlebt ihren Verrat nicht. Am Ende aber siegt, so will es das Drehbuch, das Gute im Menschen, trotz aller Irrungen und Wirrungen.
Und die Freiheit. Die hat freilich ihren Preis.

Es ist eine untergründige Ironie der Geschichte, die im Laufe des Films eine nachvollziehbare historische Dialektik in Gang setzt, dass beide Kontrahenten absolut überzeugte DDR-Bürger und gläubige Kommunisten sind. Dass schließlich beide vom Glauben abfallen, ist gerade die Frucht ihrer gegenseitigen Konfrontation - wie gegenüber jenem System, dessen Opfer sie gleichermaßen sind. Wer mag, kann darin eine ferne Variation von Hegels Herr-Knecht-Dialektik sehen, eine merkwürdige und verzwickte, dennoch logische Anverwandlung von (Stasi-)Täter und (Stasi-)Opfer.

Florian Henckel von Donnersmarck erzählt das alles sehr nah und eindrucksvoll, auch wenn man die politisch-persönlichen Metamorphosen der beiden Hauptfiguren nicht in jedem Augenblick glaubwürdig und stringent finden muss. Zudem hätten ein paar Schnitte zum Ende hin den Film noch besser gemacht, sein zuweilen allzu ruhiges Tempo etwas beschleunigt und pointiert.

Ohne Ulrich Mühe aber wäre das Drehbuch nicht mehr als eine exakte Laborbeschreibung. Er spielt den Stasi-Hauptmann Wiesler, der anfangs seinen Studenten an gefilmten Verhörbeispielen zeigt, wie man auch den hartnäckigsten Staatsfeind weich kocht, derart grandios, dass der Rest des Staraufgebots dagegen sogar ein wenig verblasst. Aber nur ein bisschen. Denn auch Ulrich Tukur brilliert als opportunistischer Stasi-Karrierist ohne jede Knallchargerie, und Sebastian Koch ist genau der repräsentative DDR-Staatsschriftsteller, der dem Staat dann doch irgendwann abhanden kommt. Thomas Thieme und Martina Gedeck komplettieren diese schauspielerische Glanzleistungen.

Am Ende gab es großen Beifall. Und immer noch keine Spreewaldgurken.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.