"Das Mädchen Wadjda": Radeln für die Revolution
Dass es diesen Film gibt, grenzt an ein Wunder. "Das Mädchen Wadjda" ist der erste Kinofilm, der jemals in Saudi-Arabien gedreht wurde - und dann auch noch von einer Frau. Die zehnjährige Titelheldin kämpft für ein eigenes Fahrrad.
Haifa al-Mansur ist Filmregisseurin. In Saudi-Arabien. Einem Land, das keine Theateraufführungen kennt. Keine Konzerte außerhalb staatlich organisierter Festivals. Und, noch schlimmer für ihren Berufsstand, keine Kinos. Seit der Ermordung König Faisals im Jahr 1975 gibt es in ganz Saudi-Arabien kein einziges mehr.
Faisal liebte Rockmusik, The Grateful Dead war seine Lieblingsband. Er schaffte die Sklaverei ab, ließ Universitäten gründen, wollte sein Land modernisieren. Aber damit war nach seinem Tod Schluss. Heute regiert mit Abdullah ein ultrakonservativer König. Das Leben in Saudi-Arabien wird von der Scharia und den Regeln des islamischen Glaubens salafistischer Prägung bestimmt. Auch die Kunst. Sie soll den Propheten ehren, nicht die Gesellschaft spiegeln.
Haifa al-Mansur ist trotzdem Filmregisseurin. Die erste und einzige in ganz Saudi-Arabien. Dass sie eine Frau ist, bedeutet eine doppelte Provokation. Und doch drehte sie einen Film. Mit offizieller Unterstützung, mitten in Riad. Er erzählt die Geschichte eines zehnjährigen Mädchens, das von einem Fahrrad träumt, obwohl Radfahren Mädchen und Frauen untersagt ist. "Das Mädchen Wadjda" ist der erste jemals in Saudi-Arabien produzierte Kinofilm. Und er kritisiert auch noch offen, wie der Staat den weiblichen Teil seiner Bevölkerung in einem unsichtbaren Gefängnis einkerkert.
Ausgehen nur mit schriftlicher Erlaubnis
Wenn die Mutter (Reem Abdullah) von Wadjda (Waad Mohammed) zur Arbeit oder in die Stadt fahren will, steigt sie nicht einfach ins Auto. Sie wartet auf eine Art Sammeltaxi, das Frauen transportiert. Dem westlichen Zuschauer ist nicht gleich klar, was das soll. Aber in Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht allein auf die Straße, geschweige denn selbst Auto fahren. Wenn eine ältere Mitschülerin Wadjdas doch allein ausgehen möchte, muss zunächst ein männlicher Verwandter eine schriftliche Erlaubnis erteilen. Und an ihrer Schule gelten lackierte Fingernägel als Schandtat.
"Das Mädchen Wadjda" ist voller alltäglicher Beobachtungen, die einen hermetisch abgeriegelten Kosmos erfahrbar machen. Es ist diese Binnenperspektive, die den Film so spannend macht. Er biedert sich nicht beim Westen an und vermeidet Entrüstungsgesten. Mansur zeigt einfach, was es bedeutet, als Frau in Saudi-Arabien zu leben.
Dort ist Wadjda allerdings schon eine wandelnde Provokation. Mit ihren bunten Turnschuhen. Der westlichen Popmusik, die aus ihrem Kassettenrekorder dudelt. Und erst recht mit dem sehnlichen Wunsch nach dem grünen Fahrrad, das sie in einem Laden um die Ecke entdeckt hat.
Fatwa gegen Kino-Neubauten
Ihre Mutter lehnt ab. Was sollen die Nachbarn denken? Außerdem hat sie eigene Probleme: Weil sie keine weiteren Kinder bekommen kann, muss sie um ihren Mann kämpfen, der auf der Suche nach einer Nebenfrau ist. Selbstbestimmung? Für sie kaum denkbar. In einer Gesellschaft, die Frauen entmündigt und zu hilflosen Objekten macht.
Angesichts der strengen Zensur in Saudi-Arabien ist es ein Wunder, dass der Film überhaupt existiert. Produziert wurde er von den Deutschen Gerhard Meixner und Roman Paul. Ihre Filmschmiede Razor Film hat Erfahrung im Stemmen schwieriger Projekte, die im Nahen Osten spielen. Zuvor produzierten Meixner und Paul bereits "Paradise Now" von Hany Abu-Assad und Ari Folmans "Waltz with Bashir".
Wie genau die Drehgenehmigung zustande kam, ist bis heute nicht klar. Wahrscheinlich zog im Hintergrund Prinz Walid Bin Talal Al Saud die Fäden. Er ist Mitglied des Königshauses, über seinen Medienkonzern Rotana Studios an der Produktion beteiligt und plant, den Film über seinen TV-Sender auszustrahlen. Walid Bin Talal Al Saud sorgte 2009 schon einmal für Aufsehen in Saudi-Arabien, als er es wagte, die von ihm finanzierte und produzierte Komödie "Menahi" öffentlich in Riad zu zeigen. Die Folge war, dass religiöse Fanatiker eine Fatwa gegen geplante Kino-Neubauten aussprachen.
Auch "Das Mädchen Wadjda" wird die Konservativen auf die Palme bringen. Denn Haifa al-Mansur geht es nicht nur um die Rolle der Frau, sondern auch die der Religion. Die erfüllt in ihrem Film keine spirituellen Bedürfnisse, sondern dient lediglich dem Erhalt des Status quo. So nimmt Wadjda erzwungenermaßen an einem Koranwettbewerb teil, bei dem die Mädchen wie Papageien Koranverse korrekt rezitieren sollen. Wadjda durchschaut das Spiel und nutzt es für sich: Mit dem Preisgeld will sie endlich ihr Fahrrad kaufen.
Der Film überwindet die Ohnmacht. Er verbreitet über seine lebendige, quirlige, rebellische Hauptfigur einen leisen Optimismus. Haifa al-Mansur ist überzeugt, dass künftige Generationen saudi-arabischer Frauen ihrem Gefängnis entkommen werden. Immerhin: Die arabische Tageszeitung "al-Jaum" vermeldete kürzlich, religiöse Autoritäten hätten das Fahrradfahren für Frauen erlaubt. Bisher allerdings nur unter männlicher Aufsicht.
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Originaltitel: Wadjda
CHL 2013
Buch und Regie: Haifa Al-Mansour
Darsteller: Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani, Ahd, Sultan Al Assaf
Produktion: Rotana Studios, Razor Film Produktion, Highlook Communications, NDR, BR
Verleih: Koch Media
Länge: 98 Minuten
Start: 5. September 2013
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Volker Hage:
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