Fantasyfilm "Das Märchen der Märchen" Grimme Geschichten

Obsessionen, Triebe und Zauberwesen: Die Märchen des Giambattista Basile inspirierten schon die Gebrüder Grimm. Der Italiener Matteo Garrone hat drei von ihnen mit internationalen Stars wie Salma Hayek verfilmt.


Eine Königin sitzt in einem weiß getäfelten Saal ihres Schlosses und besudelt die weiße Tischdecke mit Blut, gierig verspeist sie das Herz eines Seeungeheuers. Ein König verliebt sich in einen Floh und züchtet das winzige Insekt im hoheitlichen Schlafzimmer heimlich zur Größe eines Schäferhundes heran. Ein anderer König frönt bei einer Orgie seiner Sexsucht, um am nächsten Morgen, als seine Gespielinnen noch erschöpft schlafen, dem Gesang einer Färberin zu verfallen.

Willkommen in der bizarren Märchenwelt des Giambattista Basile.

Dessen Epos "Pentameron", das seine Schwester posthum ab 1634 veröffentlichte, gilt als bedeutende europäische Märchensammlung. Hier finden sich frühe Varianten von "Aschenputtel", "Rapunzel" und "König Drosselbart" - Basiles Werk galt den Brüdern Grimm als Grundlage für ihre eigene Märchensammlung. Drei Märchen suchte der italienische Regisseur Matteo Garrone, der 2008 mit seinem Mafia-Epos "Gomorrha - Reise ins Reich der Camorra" bekannt wurde, für seinen Film aus der 50 Geschichten umfassenden Sammlung heraus.

Fotostrecke

10  Bilder
Märchenfilm: Bizarre Welt der Wunder
Die Märchen verbindet Garrone zu einem Triptychon der Obsession. Die hungrige Königin, gespielt von Salma Hayek, verschlingt das Herz, weil sie laut Weissagung so endlich schwanger werden wird. Tatsächlich funktioniert der Zauber, die Königin gebiert nach nur einem Tag ein Kind. Allerdings auch die jungfräuliche Bedienstete, die das Herz für sie kochen musste. Die beiden Jungen gleichen einander wie eineiige Zwillinge.

Bedächtig und traumverloren

Der tierliebe König (Toby Jones) hat schon ein Kind, kümmert sich allerdings lieber um seinen Riesenfloh als seine heranwachsende Tochter (Bebe Cave). Als die verheiratet werden soll, gerät sie durch des Königs Schuld in die Hände eines Ogers, der sie in seine Höhle verschleppt.

Und der sexbesessene König, mit dem für solche Rollen unvermeidlichen Vincent Cassel besetzt, ahnt nicht, dass sein Goldkehlchen keine schöne, junge Frau ist, sondern eine hässliche Alte (Hayley Carmichael). Die legt ihn in der Hoffnung auf seine Reichtümer herein und schleicht nächtens zu ihm ins dunkle Schlafzimmer.

Mehr dieser durch das Dickicht der Fantasie mäandernden Narrative soll nicht verraten werden; Spoilern verbietet sich bei "Das Märchen der Märchen" ganz besonders. Denn der besondere Reiz des Films liegt in seiner Unvorhersehbarkeit. Nie weiß man, was als Nächstes passiert. Bei einer satten Laufzeit von 133 Minuten lässt Garrone die Geschichten sich bedächtig und traumverloren entfalten, was den über 300 Jahre alten Schätzchen gut bekommt.

Auch gelingt es Garrone anfangs durchaus, den Zuschauer durch die visuelle Gestaltung in Bann zu ziehen. Dankenswerterweise finden sich digitale Effekte nur versteckt. Die Monster, Ungeheuer und Hexen, die den Film bevölkern, wurden alle als Modelle gebaut, mit denen die Darsteller ganz direkt agieren konnten. Besonders diese fantastischen Szenen geben dem "Märchen der Märchen" einen naiven Charme, der gut zu einem Märchenfilm passt.

Garrone wechselt zwischen stilistisch überhöhter Ausstattung wie bizarren Bauten und Kostümen und betont realistischen Bildern, die echte Schauplätze und Tageslicht nutzen. So trennt zum Beispiel nur ein Schnitt die Ehrfurcht einflößenden Schluchten von Gole dell'Arcantara auf Sizilien von einer Nahaufnahme, die offensichtlich im Studio mit künstlichen Kunststoff-Felsen entstand. Garrone will mit seiner filmischen Gestaltung einen Gegensatz zwischen Fantasiewelt und Realismus auffangen, den es auch in der Vorlage gibt. Basiles Geschichten sind zwar Märchen, aber durch die Sprache - geschrieben sind sie im neapolitanischen Dialekt seiner Zeit - im Alltag seiner damaligen Leser und Zuhörer verankert.

Garrone gelingt es dagegen nicht, die historischen Wurzeln seines Films anschaulich zu machen. Der wirkt in der Gesamtschau eher stilistisch unentschlossen. Zumal "Das Märchen der Märchen" eine internationale Co-Produktion mit internationaler Starbesetzung und Dialogen auf Englisch ist. Die historische und regionale Anbindung geht dem Film so sehr schnell verloren.

Auch bleiben die Charaktere in "Das Märchen der Märchen" weitestgehend Leerstellen, die das Interesse des Zuschauers nur sehr bedingt zu wecken vermögen. Sicher ist es dankenswert, dass Garrone aus Basiles Geschichten keine Action-Version gemacht hat. Zu viele Figuren der Gebrüder Grimm mussten diese unwürdige Prozedur in den letzten Jahren über sich ergehen lassen, von Schneewittchen ("Snow White and the Huntsman", 2012) bis zu Hänsel und Gretel ("Hänsel und Gretel: Hexenjäger", 2013).

Garrones Film aber wird zu einer mit zunehmender Dauer ermüdenden Reise ins Märchenland, die mit der recht zusammengeflickt wirkenden Auflösung, bei der die drei Geschichten zusammengefügt werden, kein wirklich gutes Ende nimmt.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Das Märchen der Märchen"



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
der:thomas 25.08.2015
1. Tja..
Da hieß es erst "Knochensuppe" sei ekelig - aber das Herz eines seeungeheuers^^ Wenn's schee macht ;-)
Methusalixchen 25.08.2015
2. Vielen Dank für die
... gleich im Vorspann; da weiß man sofort, daß man sich das Lesen sparen kann.
PiotrTrebisz 26.08.2015
3. Der Film ist großes Kino
Ich habe den Film bereits auf dem Fantasy Filmfest gesehen und er war großartig, ich kann nur empfehlen in sich anzusehen.
Ossifriese 26.08.2015
4. Märchenerzähler
Es sei deutschen Filmemachern - ob von TV oder Cinema - ans Herz gelegt: Die Volksmärchen des deutschen Erzählers Musäus. Da ist nichts von der Schlichtheit und kindlichen Einfalt der Gebrüder Grimm, eher tendieren die Geschichten ins Ernsthafte und sind für erwachsene Leser geschrieben. Dabei sind die Märchen inhaltlich selbst vielfach übereinstimmend mit denen der Gebrüder Grimm und traditionell. Mich hat immer gewundert, dass diese Stoffe (plural!) nicht von einem Regisseur entdeckt wurden, gerade in unserer Zeit der blühenden "fantasy"...
gott777 26.08.2015
5. Als Märchenfreund
klingt das ganze recht interessant, mal was anderes als die inzwischen doch zu oft gehörten Gebrüder Grimm. Viele denken, mit dem durchlesen von "Best of Gebrüder Grimm" hätte man alle Märchen gelesen, doch dies ist eine Welt voller hunderter und tausender von Geschichten. Nicht nur die bekannten lesen, sondern ruhig den Kindern auch mal was unbekanntes vorlesen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.