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"Das Parfum": Um Nasenlänge verfehlt

Von Jenny Hoch

Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Tom Tykwer haben den richtigen Riecher für großes Kino. Die Filmadaption von Patrick Süskinds Bestseller "Das Parfum" ist ihnen dennoch missglückt: Statt seelischer Abgründe werden Nasenhöhlen erkundet.

Am Anfang war die Nase. Punktgenau beleuchtet, sticht sie aus dem Dunkel des Verlieses heraus und saugt bebend den Geruch ihres bevorstehenden Triumphes ein. Durch die dicken Mauern tönen schwach die Schreie der aufgebrachten Menge, die die Kreatur auf dem Schafott sehen will. Doch Jean Baptiste Grenouille, von Newcomer Ben Whishaw eigenwillig-ambivalent als genialischer Nasenmensch und bestialischer Jungfrauenmörder verkörpert, wittert seine Chance zur Rettung. Noch liegt der schmächtige Kerl in Ketten, halbnackt, verdreckt und elend, doch seine phantastische Verwandlung zum Messias der Düfte steht unmittelbar bevor.

Mit diesen düsteren Bildern beginnt "Das Parfum", die lang erwartete Verfilmung von Patrick Süskinds gleichnamigem Weltbestseller. Mehr als zwei Jahrzehnte zierte sich der notorisch öffentlichkeitsscheue Autor, die Rechte freizugeben. Doch Produzent Bernd Eichinger ließ nicht locker und überredete Süskind nach Zahlung von angeblich zehn Millionen Euro (die Eichinger aus eigener Tasche berappte), die Filmrechte herauszurücken.

"Das Parfum" wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von rund 15 Millionen Exemplaren. Neun Jahre hielt sich der Roman auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Der Film kommt entsprechend aufwendig daher. Mit rund 50 Millionen Euro Kosten ist er die bisher teuerste deutsche Filmproduktion. Er hat Dustin Hofmann, einen leibhaftigen Oscar-Gewinner, als clownesken Parfumeur Baldini im Ensemble. Und für den originalgetreuen Nachbau des "allerstinkendsten Ort" des 18. Jahrhunderts, des Pariser Fischmarkts, wurden nicht weniger als 2,5 Tonnen Fisch und eine Tonne Fleisch in Barcelonas Altstadt verteilt.

Traum von der ultimativen Liebesdroge

Trotz des gigantischen Aufwands ist ein Problem nicht wegzureden: Im Zentrum der Vorlage steht mit dem Geruchssinn etwas Unsichtbares, etwas, das sich naturgemäß schlecht in Bildern einfangen lässt. Im Buch ließ Süskind die olfaktorische Wahrnehmungswelt seiner Hauptfigur mit der Kraft des Wortes auferstehen.

Suggestiv erzählte er von Jean Baptiste Grenouille, der nach seiner Sturzgeburt im Dreck des Pariser Fischmarktes erst zum begnadeten Parfumeur, dann zum Serienmörder wird. Dieser Mann ohne Geruch, der von niemandem geliebt wird, ist besessen von dem Gedanken, aus den Ausdünstungen junger Mädchen ein absolutes Parfüm, eine ultimative Liebesdroge zu destillieren. Sein Plan: Verzaubert von dieser Substanz, für die Grenouille ohne mit der Wimper zu zucken zwei Dutzend Schönheiten umbringt, soll ihm einst die Menschheit zu Füßen liegen.

Im Kino versucht Regisseur Tom Tykwer, die Innenperspektive der literarischen Vorlage mit extremem Stilwillen auszugleichen. Rasend schnell senkt sich die Kamera auf eklige Fleischbrocken, glitschige Muscheln, vernarbte Visagen und dreckige Gliedmaßen. Im Kontrast dazu tragen schwärmerische Musikkaskaden, von Tykwer zum Teil selbst komponiert, von Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern eingespielt, den Zuschauer in die höheren Sphären von Grenouilles Geruchswelt.

Rote Haare, weiße Hälse, bebende Dekolletes

Um die Komplexität der literarischen Vorlage in den Griff zu kriegen, wurde ein Erzähler hinzuerfunden. Mit sonorer Stimme fasst Otto Sander ganze Handlungsstränge zusammen. Resultat des inszenatorischen Kniffs: Die Schauspieler haben wenig Dialogszenen, man spielt nach, worüber der Erzähler gerade spricht. In diesem fast abstrakten Szenario dienen die Opfer des Duft-Mörders als schmückende Dekoration - rote Haare, weiße Hälse, bebende Dekolletes. In Nahaufnahme inszeniert Tykwer Karoline Herfurth und Rachel Hurd-Wood als helle Glanzpunkte in einer bräunlich-düsteren Welt.

Bei allem Augenschmaus: Popkornkino ist "Das Parfum" nicht. Dazu taugt Grenouille zu wenig zu einer Identifikationsperson. Außerdem schleppt sich der Film zu spröde durch seine rund zweieinhalb Stunden Laufzeit - und noch dazu gerät selbst die groß angelegte Orgie, auf dem Höhepunkt des Films von Tykwer als tableau vivant mit Hunderten nackten Statisten inszeniert, zu blutleer. "Das Parfum" ist ein abstraktes Filmexperiment in der Verkleidung des opulenten Blockbusters. So wie Grenouilles Nase die Umwelt in ihre Geruchsbestandteile zerlegt, so operiert Tykwer auf der Molekularebene des Visuellen. Immer wieder taucht die Kamera in das Riechorgan des Helden ein, zoomt sich an feinste Gesichtshärchen heran.

Es geht letztlich also um Nasen, nicht um jenes Organ, das Süßkind zur Metapher des Obsessiven machte. Eigene Bilder für den wahnwitzigen Kosmos dieses Riechgenies findet Tykwer nicht. Bei aller stilistischen Raffinesse bleibt das Leinwanddrama Grenouilles plakativ - aufdringlich wie schlecht gemischtes Parfüm.

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"Das Parfum": Opulente Bilder - wenig Substanz

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