Psychodrama "Tore tanzt" Zum Leiden geboren

Ein junger Christ will unbedingt wie Jesus sein und glaubt, auch den schlimmsten Missbrauch ertragen zu können. Katrin Gebbes Spielfilmdebüt "Tore tanzt" ist Kino, das weh- und doch guttut.

Rapid Eye Movies

Von Michael Ranze


Tore - in dem Vornamen der Titelfigur ist bereits der Tor enthalten, und ein Tor ist dieser junge Mann gewiss: naiv, vertrauensselig, enthusiastisch, unschuldig, arglos, vielleicht sogar etwas einfältig. Tore ist ein "Jesus Freak", der seine Familie durch eine Gruppe gläubiger Punks ersetzt hat. Gleich zu Beginn des Films wird er in der Elbe bei Hamburg getauft, das Tattoo "Teach Me Lord" schimmert auf dem Rücken durch das nasse T-Shirt und unterstreicht das Handlungsmotiv des Films: Jesus ist das große Vorbild, dem Tore nacheifern will.

Kurz darauf tatsächlich ein kleines Wunder: Auf einem Rastplatz legt sich Tore (Julius Feldmeier) auf die Motorhaube eines Wagens, der nicht anspringen will, und plötzlich läuft das Auto wieder. Könnte auch Zufall sein, aber Benno (Sascha Alexander Gersak), der Besitzer, ist so beeindruckt, dass er Tore, dem Heimatlosen, eine Wohnstatt samt Verköstigung in seinem Schrebergarten bietet. Doch Benno, dieser scheinbar so großherzige Mann, ist ein Choleriker, dem schnell die Hand ausrutscht und der gern andere Menschen leiden sieht. Und Tores Verletzlichkeit befeuert seinen Sadismus nur. Benno hat ein Opfer gefunden, das er quälen und demütigen kann, wie es ihm gefällt - denn Tore ist entschlossen, immer auch die andere Wange hinzuhalten. Er will seinen Leidensweg wie Jesus hinnehmen und als Prüfung begreifen. Erst recht, als er merkt, dass Sanny und Dennis, die Kinder von Bennos Freundin Astrid, seinen Schutz brauchen.

Verkauft an schwule Lederkerle

Begeisterung und Ablehnung, Applaus und Buhrufe - die Hamburger Regisseurin Katrin Gebbe, Jahrgang 1983, löste bei der Weltpremiere von "Tore tanzt" in Cannes heftige Kontroversen aus. Denn auf der einen Seite ist dieser Film ein ungemein sicher inszeniertes Debüt, das um die Möglichkeiten des Kinos weiß, sei es bei dem geschickten Einsatzes des Tons, bei der raffinierten Lichtsetzung und bei den perfekt besetzten Schauspielern, allen voran Julius Feldmeier in der Titelrolle. Doch auf der anderen Seite ist "Tore tanzt" auch ein grausamer, unbarmherziger Film, der dem Zuschauer nichts, aber auch gar nichts ersparen mag. Katrin Gebbe zwingt das Publikum hinzusehen, auch und gerade dann, wenn es nicht mehr zu ertragen ist. Wenn Benno Tore nötigt, verdorbene Lebensmittel zu essen, oder ihn wie ein Zuhälter stundenweise an Lederkerle in einem schwulen SM-Club verkauft (was man übrigens ebenso homophob wie geschmacklos finden kann), sind diese Szenen eine Zumutung, ein Schock, ein Horror.

Glaube, Liebe Hoffnung - so sind die drei Kapitel des Films überschrieben. Das erinnert an Ulrich Seidls erst kürzlich gelaufene "Paradies"-Trilogie. In "Paradies: Glaube" (ebenfalls von Kontroversen begleitet) präsentierte Seidl eine fromme Närrin, die ihre Mitmenschen mit fanatischer Überzeugung den Glauben an Gott nahebringen wollte. Katrin Gebbe geht mit ihrer religiösen Allegorie des Unschuldigen, dem die Passion Christi auferlegt wird, noch einen Schritt weiter. Sie überschreitet bewusst Grenzen und löst körperliches Unbehagen aus, zumal Mitleid und Identifikation hier keine Option sind. Tore könnte - auch das eine mögliche Interpretation - selbst schuld sein an dem, was ihm widerfährt. Vielleicht bringt er das Böse in den Menschen erst hervor, weil seine passive Demut so provozierend wirkt, weil er es gar nicht anders will. Naive Verblendung oder mutiges Opfer - Gebbe weigert sich, eindeutige Antworten zu geben. Als Zuschauer muss man eine eigene Haltung zu dem Film finden, und das ist gar nicht so einfach. Ein verstörender Film. Und Verstörung ist im deutschen Kino viel zu selten.


Tore tanzt. Start: 28. November. Mit Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak.



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broca 28.11.2013
1. Ja, genau
Verstörung als erstrebenswerter Selbstzweck und Thema eines Films, hallelujah! Und genau diese Einstellung ist es, weswegen wir zu häufig, bevor die Kreativität des Filmemachenden überhaupt sich entfalten kann, alles wunderhübsch in enge Schubladen pfropfen, damit auch ja nicht der Verdacht des unterhaltsamen Films entstehe. Wehe, es findet sich kein psychomelodramatisches Geschwurbel, günstigerweise "mit schönen Bildern"! Dann ist es nämlich mal wieder aus mit dem "Deutschen Kino". Liebe Amatör-Cineasten, das übrigens gibt es genausowenig wie "Independent"-Musik als eigene Musikgattung oder "Die La Ola-Welle" als unsäglich eingedeutschtes Menschelgetue. Allenfalls dienen diese 3 Phantasien als immer wieder gern erträumte Kultur-Atlantisse.
master derp 28.11.2013
2. aha
Zitat von brocaVerstörung als erstrebenswerter Selbstzweck und Thema eines Films, hallelujah! Und genau diese Einstellung ist es, weswegen wir zu häufig, bevor die Kreativität des Filmemachenden überhaupt sich entfalten kann, alles wunderhübsch in enge Schubladen pfropfen, damit auch ja nicht der Verdacht des unterhaltsamen Films entstehe. Wehe, es findet sich kein psychomelodramatisches Geschwurbel, günstigerweise "mit schönen Bildern"! Dann ist es nämlich mal wieder aus mit dem "Deutschen Kino". Liebe Amatör-Cineasten, das übrigens gibt es genausowenig wie "Independent"-Musik als eigene Musikgattung oder "Die La Ola-Welle" als unsäglich eingedeutschtes Menschelgetue. Allenfalls dienen diese 3 Phantasien als immer wieder gern erträumte Kultur-Atlantisse.
Was soll denn dagegen sprechen, wenn ein Kunstwerk oder Film den Betrachter verstören soll? Überhaupt frage ich mich, wo wir das "zu häufig", gerade von deutschen Regisseuren, geliefert bekommen. Es scheint doch eher die Gewichtung auf unterhaltsamen (Zweiohrküken, etc) Filmen zu liegen. Wieso die angedachte Wirkung eines Filmes die Filmemachenden bei der technischen Umsetzung kreativ beschränken soll, ist mir auch nicht ganz klar.
akronymus 08.12.2013
3. kein Kunstwerk
Ohne die Filmschaffenden beleidigen zu wollen - an dem Film stimmt nichts. Schlecht geschminkte Stereotypen machen Dinge, die keinerlei Handlung ergeben, insgesamt resultiert eine amateurhafte Nabelschau kranker Gewaltphantasien. Ein Fall für die Klinik, nicht fürs Kino. Schade um Zeit und Geld, tut mir Leid.
cloud9 20.08.2014
4. Wahnsinnsfilm
Hab ihn vor kurzem gesehen und bin beeindruckt wie selten von einem Film und schon gar keinem Film aus Deutschland. Man leidet die ganze Zeit mit Thore.
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