DDR-Drama "Das schweigende Klassenzimmer" Ein totes Land, ein schaler Film

Eine DDR-Schulklasse solidarisiert sich 1956 mit den Aufständischen in Ungarn und wird dafür bestraft. In "Das schweigende Klassenzimmer" verkommt diese wahre Begebenheit zum Zeitgeschichtsquark.

Studiocanal

Warum käme man eigentlich nicht auf die Idee, Lars Kraumes neuen Film "Das schweigende Klassenzimmer" als Beitrag zur aktuellen Debatte über Flucht und Migration zu diskutieren?

So wie es bei Christian Petzolds gerade auf der Berlinale gelaufener Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" naheliegt oder bei Maria Schraders Stefan-Zweig-Biopic"Vor der Morgenröte"? Immerhin läuft die Geschichte von Kraumes Film auf die Abwanderung fast einer ganzen Schulklasse hinaus; es geht um junge Leute, die aus Angst vor Repressalien den Weg über eine Grenze antreten, weil sie sich davon ein besseres Morgen versprechen.

Die Antwort lautet: "Das schweigende Klassenzimmer" spielt in der DDR, und weil die DDR ja 1989/90 gestorben ist, kann sie unmöglich etwas mit gegenwärtigen Überlegungen zu tun haben. Die DDR ist tot, und jeder Besuch eines Films wie "Das schweigende Klassenzimmer" ist ein Gang ins Museum. Der hier emotional angespitzt wird durch den Hinweis, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruhe.

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"Das schweigende Klassenzimmer": Solidarität mit Folgen

An diese Begebenheiten kann dann durch Zeitungsartikel extra erinnert werden, wenn sich die Kritiken nicht gleich dazu entscheiden, den Film allein für seine Handlung zu mögen: 1956 legten Schüler in Storkow zwei Schweigeminuten für die Toten des Ungarn-Aufstands ein. Und weil sich das Klassenkollektiv von den Autoritäten über die Frage, wessen Idee das gewesen war, nicht auseinander dividieren ließ, ging am Ende des Jahres mit Ausnahme von vieren die gesamte Klasse in den Westen - im Osten war ihnen das Abitur aufgrund der Protestaktion verboten worden.

Abstecher nach "Babylon Berlin"

Eine neuere, unbekannte Geschichte aus dem diesbezüglich bestimmt unerschöpflichen Fundus der DDR - doch schon in den ersten Minuten von "Das schweigende Klassenzimmer" kommt sie einem als jener immer gleiche Zeitgeschichtsquark entgegen, zu dem die endlosen DDR-Verfilmungen der letzten 25 Jahre im Kopf vermatschen.

Zwei jauchzende Teenager, Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz), die ins Westberliner Kino wollen, wo sie die folgenreiche Wochenschau über den Ungarn-Aufstand sehen. Das Jugendlich-Unbedarfte, das plötzlich den Ernst des Lebens erblickt, das sind die tausendmal gesehenen Inszenierungsstandards, mit denen sich der Film seinen Plot zusammenlötet.

So wie man sich permanent fragt, welche andere deutsche Zeitgeschichtsadaption zuletzt in diesen Kulissen geschlafen hat. Für den Kinobesuch machen Theo und Kurt einen Ausflug in die sogenannte Neue Berliner Straße in Potsdam-Babelsberg, wo vor kurzem noch Tom Tykwers Serie "Babylon Berlin" gedreht wurde. Ansonsten verlegt der Film die Handlung in das 1956 noch Stalinstadt heißende Eisenhüttenstadt, was den Vorteil hat, mit dem dort erhaltenen historischen Ensemble von Stalinbauten plausibel und unaufwändig das Damals bebildern zu können.

Zwischen den Schweigeminuten und der Ausreise ereignen sich allerlei Händel, vor allem Väterbilder werden neu justiert. Wobei bemerkenswert ist, dass sich im Film noch jeder Kommunist als Opportunist entpuppen muss.

Nackt baden und tanzen

Der einzige Vater, der am Ende gut dasteht, ist der von Theo (Ronald Zehrfeld): ein Stahlkocher, der will, dass es sein Sohn mal besser hat (weshalb der Weggang von Theo kein größeres Problem darstellt). Ein Heimatverbundener, der weiß, wo sein Platz ist. Ein unpolitischer Sympathieträger.

Die Liebe blitzt hier und da auf, wenn die von Theo und Kurt begehrte Klassenschönheit Lena (Anna Lena Klenke) zu erkennen gibt, dass sie nur jemanden küssen kann, der an der Schweigeminutenaktion nicht zweifelt und für das Kollektiv einsteht. Ergänzend wird RIAS bei einem lustigen, weil nacktbadenden Onkel Edgar (Michael Gwisdek) gehört und danach eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt, als wär's "Der Rote Kakadu" von Dominik Graf (2006).


"Das schweigende Klassenzimmer"
D 2018

Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, basierend auf dem Sachbuch von Dietrich Garstka
Darsteller: Leonard Scheicher, Anna Lena Klenke, Carina N. Wiese, Ronald Zehrfeld, Tom Gramenz, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Florian Lukas
Produktion: Akzente Film- und Fernsehproduktion, Studiocanal Film, Zero One Film, ZDF
Verleih: StudioCanal
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 1. März


In die Tapferkeit des Klassenverbands, der über die Aktion sämtliche inneren Konflikte befriedet bekommt, marschieren im Laufe des Films verschiedene Würdenträger ein mit dem Ziel, diese zu brechen. Dabei fällt die Kreisschulrätin im Spiel von Jördis Triebel noch relativ differenziert aus, während Burghart Klaußners Volksbildungsminister sein parodistisches Potential schlecht verhehlen kann - ein Instant-Auftritt der ganz, ganz argen Strenge, der wie ein Internet-Meme beliebig in Nazi- oder DDR-Filme verpflanzbar scheint.

Das Langweilige an "Das schweigende Klassenzimmer" ist, dass Theo, Kurt und die anderen von Anfang an als die Sieger der Geschichte ins Rennen gehen, die sie seit dem Ende der DDR sind. Das macht Auftritte wie den von Klaußner so lächerlich, weil dessen Autorität die innere Wirklichkeit des Films schon gar nicht mehr erreicht und so erschüttern könnte.

Ein bisschen Mut antrainieren

Heldengeschichten mögen erbaulich sein, aber sie erzählen gerade in dieser letztlich alle versöhnenden deutschen Art nichts über die Zwänge des Menschen im repressiven Regime - über die kleinen Feigheiten, die dauernden Kompromisse, die wiederkehrenden Hoffnungen. Die DDR ist der Fitnesskeller, in den der deutsche Film hinabsteigt, wenn er sich fix ein bisschen Mut antrainieren will.

Gänzlich absurd erscheint die besinnungslose DDR-Bezwingung durch das gegenwärtige deutsche Kino, wenn man an den Streit um die Zukunft der Berlinale zurückdenkt. Da hatten 79 Regisseure und Regisseurinnen eine Erklärung unterzeichnet, in der eine "Erneuerung" mit "herausragender kuratorischer Persönlichkeit" an der Spitze gefordert wurde - die nur Tage später ein Teil der Unterzeichnenden aber keinesfalls als Kritik am 17 Jahre amtierenden Direktor verstanden haben wollte.

Es ist also gar nicht so leicht, Mut zu haben und solidarisch zu sein, wie es in Filmen wie "Das schweigende Klassenzimmer" immer ausschaut. Vielleicht sollte Kraumes nächster Film über die Schwierigkeiten mit der Tapferkeit unter seinen Kollegen handeln. Für die Rolle als Dieter Kosslick schon jetzt gesetzt: Burghart Klaußner.

Im Video: Der Trailer zu "Das schweigende Klassenzimmer"

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
mtwain 28.02.2018
1. Zusammenlöten !
Was da am Film kritisiert wird, betreibt dieser zu Recht unbekannte Kritiker in Reinkultur ! Er lötet mit einem in die Jahre gekommenen Lötkolben alle möglichen und unmöglichen Klischees zusammen ! Der Mann hat Ambitionen- versteht aber sein Handwerk nicht. Übrigens wird da ein tolles Ensemble junger Darsteller präsentiert- das ist allein schon sehenswert !
b.eindorf 28.02.2018
2. Verkommen zum Zeitgeschichtsquark ...
... geht es nicht bitte eine Nummer kleiner? Es mag ja kein ein A+++-Werk sein, doch es geht immerhin um eine spannende (wahre) Episode, die für die Kids von heute eher mehr als weniger lehrreich ist. Für den Kommentar dürfte eher das Gegenteil zutreffen. Wünsche dem Rezensenten, dass seine Arbeit nie so verhackstückt wird ... und viel Erfolg bei seinem ersten Kinofilm.
ossimann 28.02.2018
3. Wieder mal eine DDR Schelte .
"Die Antwort lautet: "Das schweigende Klassenzimmer" spielt in der DDR, und weil die DDR ja 1989/90 gestorben ist, kann sie unmöglich etwas mit gegenwärtigen Überlegungen zu tun haben. Die DDR ist tot, und jeder Besuch eines Films wie "Das schweigende Klassenzimmer" ist ein Gang ins Museum." Was soll diese blödsinnige Argumentation . Das "Tausendjährige Reich" ist auch tot , aber sind Filme darüber auch ein Gang ins Museum . Oder ist letzterer doch weit grausamer und geschichtlich medial "interessanter" wie die öde "DDR Diktatur" obwohl man beides immer gern auf gleiche Stufe stellt . Des weiteren bleibt die Frage warum es immer um das gegenwärtige Asyl - Fluchtthema gehen muss . Wartet man auf einen "Aufklärungsfilm" der das alternativlose "Wir schaffen das" Agieren unserer Kanzlerin dokumentiert ? Man ist doch sonst immer mit Bautzen & Co. auf das würdelose Leben ohne jegliche Freiheit in der ehemaligen Ostzone fixiert , da ist es um so erstaunlicher das man das Thema jetzt plötzlich nicht mehr sehen will . Vielleicht hat der Film zu wenig "BILD" Charm , es fehlen Stacheldraht und Prügelvopos . Wer den Film nicht mag brauch ja auch nicht ins Kino gehen , es steht auch nicht jeder auf Baller Filme mit kugelsichere Heros welche aus der Hüfte feuernd die westliche "Werte" und "Freiheit" gegen alles "Böse" verteidigen .
oliviarubia 28.02.2018
4. Mut, ein rares Gut ...
Ja, man kann "Das schweigende Klassenzimmer" als DDR-Pathos abtun. Man kann die Schauspieler belächeln und natürlich auch an der Geschichte herummäkeln ... Macht man sich aber die Mühe und liest das Buch und schaut den Film, dann erkennt man Nuancen auf die der Herr Dell nicht gekommen ist. Man nehme nur die beiden Charaktäre Theo und Kurt, die im Film in kürzester Zeit Reifeprozesse durchleben, die manch Erwachsener, der heute nach einem starken Staat und Grenzen schreit nie nachvollziehen kann. "Coming of age" würde man es in Hollywood sagen, ich nenne es Mut. Mut, für seine ideale gerade zu stehen und eben sich nicht mit einer Notlüge herauszureden um gut dazustehen. Mut, konsequent zu sein, sein Handeln zu legitimieren und vor allem auch die Konsequenzen dafür zu tragen. Die Blicke eines Vaters und einer Mutter, wenn sie ihren Sohn das letzte Mal in ihrem Leben sehen. Dafür braucht es weder Kulisse noch Drehbuch. Das ist einfach das Leben in seiner Nackt- und Rohheit. Und genau das fängt der Film ein. Dieser Film verdient es an deutschen Schulen gezeigt zu werden und in den Wohnzimmern mit Helikopter-Eltern, die auf eine Grippe ihrer Kinder mit panischer Schnappatmung reagieren. Dieser Film zeigt die vielen Facetten einer Generation, die sich der Schuld der Vergangenheit bewusst gewesen ist, sie nicht verklärt hat aber mit Mut Zukunft eingeladen hat. Man muss sich schon anstrengen, das nicht zu erkennen ...
Leibdschor 28.02.2018
5. Lesen und vergessen
Ein Kommentar eines Schreiberlings der entweder die DDR und seine Biografien abgrundtief hasst und deshalb auf den Senkel gehen, oder der null Ahnung von dieser Zeit und diesem Land hat.
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