"Das Streben nach Glück" Wo ein Will ist, ist ein Weg

Wer einen Job sucht, kann sich jetzt von Hollywood einseifen lassen: "Das Streben nach Glück" zeigt Will Smith auf der Jagd nach Arbeit - Action plus Kitsch für die Generation Praktikum.

Von Uh-Young Kim


Unter Hochspannung hetzt Chris Gardner (Will Smith) von A nach B und muss sich ständig aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien. Kein noch so hinterhältiger Gegner hält ihn von seinem Vorhaben ab, und zu guter Letzt schafft er es. Was sich nach einem weiteren Action-Spektakel von Hollywoods liebstem Afroamerikaner anhört, ist in Wirklichkeit der rührselige Weihnachts-Blockbuster von 2006 gewesen. Denn Smith spielt keinen Agenten, keinen Cop und keinen Soldaten, sondern einen Mann auf Jobsuche. Immer noch fließen amerikanische Tränen und Dollars in Strömen, wenn Filmheld Gardner in "Das Streben nach Glück" von der Gosse an die Spitze der Börse aufsteigt. Ein unbezahltes Praktikum hat es möglich gemacht.

Der Durchhaltefilm im Zeichen von Eigenverantwortung und Opferbereitschaft läuft nun auch in Deutschland an - eine Lehrstunde für die ganze Generation Praktikum: Seht her, wenn ihr nur lange genug und ohne Entlohnung nach Glück strebt, könnt ihr euch selbst verwirklichen, sprich: richtig reich werden. Der echte Gardner, von dessen Leben der Film "inspiriert" wurde, ist heute Multimillionär.

Elend wie ein Blues-Song

Dabei hat er es in San Francisco Anfang der Achtziger wahrlich nicht leicht gehabt. Als die Kluft zwischen Arm und Reich unter Ronald Reagan immer größer wurde, war er gleich dreifach prekarisiert: als ausbildungsloser Schwarzer auf dem Arbeitsmarkt; als selbständiger Klinkenputzer für ein nutzloses Röntgengerät; und als allein erziehender Vater, nachdem ihn seine Frau entnervt verlassen hatte. Wie in einem Blues-Song knechtet ihn das Schicksal. Bis zum Anschlag flexibilisiert, übt er ein halbes Jahr lang den Spagat zwischen Kindergarten und Eignungstest, Depression und Klassenaufstieg.

Verdient hätte er es ja, denn der Film-Gardner ist ein schlaues Kerlchen, wie seine Fähigkeiten am Rubix-Zauberwürfel zeigen. Als Leitmotiv steht das magische Spielzeug dem schweren Röntgenkasten gegenüber, der auf den Spießrutenläufen durch die Stadt zum Klotz am Bein wird. Aber der Held ist fest entschlossen, sich aus dem Elend zu kämpfen. Im Wohlergehen seines achtjährigen Kindes – putzig dargestellt von Smiths echtem Sohn - legitimiert sich jenes Streben nach einem besseren Leben, das seit der Unabhängigkeitserklärung als uramerikanischer Mythos im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Des Vaters Glück mag das Lächeln des Sohnes sein, der Anreiz zu handeln aber geht von einem Ferrari aus. Als Gardner sieht, wie ein Broker aus dem Luxusgefährt steigt, weiß er, was zu tun ist.

Er bewirbt sich um einen Praktikumsplatz in einer Börsenfirma, die als Vorläufer heutiger Call-Center erscheint. Dort wird er durch die Mühlen des Praktikantendaseins gedreht: Kaffee servieren, kommunikative Fähigkeiten an der Strippe beweisen und in der Stunde der Verzweiflung devot grinsen. Nur derjenige, der am meisten Kohle gescheffelt hat, wird angestellt.

Dafür nimmt Gardner in Kauf, dass er aus der Hand in den Mund lebt, von seinem sozialen Umfeld entfremdet ist, sein Blut als letzte Ressource anzapft und obdachlos wird. Am Tiefpunkt angekommen muss er mit seinem Sohn in einer Bahnhofstoilette übernachten. Erniedrigt und geplagt von Schuldgefühlen kasteit sich das Ich - zu allem Überfluss auch noch via Off-Kommentar. Dem gegenüber steht die Selbstverwirklichung des amerikanischen Traums aus Job, Familie, Eigenheim und am Wochenende ein Footballspiel – musikalisch unterlegt von Stevie Wonders Aufbruchssongs aus den frühen Siebzigerjahren.

Die Handlung aber spielt zehn Jahre später, als die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung bereits von der harschen Realität der Reagonomics eingeholt waren. Regisseur Gabriele Muccino zerstreut gesellschaftliche Zusammenhänge, er setzt auf den Allerweltscharme seines Hauptdarstellers.

Auf vergleichbarem Gebiet war man selbst in Hollywood schon mal weiter. Setting, Figuren und Plot lassen "Das Streben nach Glück" als verzerrtes Echo der Komödie "Die Glücksritter" von 1983 erscheinen. Hier bekam ebenfalls ein Obdachloser, gespielt von Eddie Murphy, die Chance seines Lebens an der Börse – nur war die soziale Aufwärtsmobilität damals als Witz gemeint. Nicht nur der Humor hat sich seitdem verändert. Wurde Murphy zunächst nur als Clown auf der weißen Leinwand geduldet, darf Will Smith nun regelmäßig den nationalen Helden von nebenan spielen. So gleichberechtigt ist sonst nur Condoleeza Rice.

Reich an armen Ideen

Wen stört da schon, dass im "Streben" die Reichen auffällig gut sind und die Armen auffällig böse? Während die weißen Bosse dem ehrgeizigen Bewerber paternalistisch seine Chance gönnen, behindern ihn Einwanderer und andere aus der lähmenden Unterschicht. Sie drängeln sich vor, rauben ihn aus und lassen ihn im Stich. Bloß auf der Ebene des bürokratischen und ausführenden Apparats zeigt die Hackordnung unter Besitzenden und Mittellosen noch ihre hässliche Fratze. Polizei, Finanzamt und Vermieter legen Gardner ebenfalls Steine in den Weg, das Happy End naht umso verdienter.

In Muccinos Actionstreifen für Prekarisierte interessiert nicht, unter welchen Bedingungen Gardner verarmen konnte oder wie er anschließend mit der Veränderung umgegangen ist. Ging es dem echten Gardner in seiner Autobiographie "The Pursuit of Happyness" darum, auf Alkoholismus, Gewalt in Familien, Analphabetismus und vor allem Rassismus aufmerksam zu machen, bleiben diese Aspekte in der Verfilmung auffällig stumm.

Irak-Krieg, Hurrikan Katrina, steigende Arbeitslosigkeit: In diesem Klima stellt der Film den niedlichen Versuch dar, die Risse in der Gesellschaft zu kitten - mit der Klebekraft eines Kaugummis.



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