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03. März 2016, 16:04 Uhr

Anne-Frank-Film

Womit Schulklassen in Zukunft gelangweilt werden

Von Matthias Dell

Die immer gleiche deutsche Zeitgeschichtsverwurstung geht weiter: In Hans Steinbichlers Filmadaption von "Das Tagebuch der Anne Frank" wird hinlänglich Bekanntes uninspiriert bebildert.

Die erste deutsche Verfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank" hat für Schlagzeilen gesorgt, noch ehe der Film diese Woche in die Kinos kommt. Zuletzt meldete sich Yves Kugelmann, der Geschäftsführer des Anne-Frank-Fonds zu Wort. Er forderte "Anne Frank"-Regisseur Hans Steinbichler auf, die Regie eines geplanten Leni-Riefenstahl-Films nicht zu übernehmen (für die Steinbichler nach eigenen Angaben noch keinen Vertrag unterschrieben hat), weil Anne Frank nicht "als Teppichvorleger für die Naziregisseurin" dienen dürfe: "Wir können nicht Teil dieser Anne-Leni-Hochzeit sein."

Über die Frage, inwiefern sich solche Projekte ausschließen könnten, wie es, in heutiger Zeit, um so etwas wie das Ethos des Filmemachens bestellt sein müsste, ließe sich womöglich anregend diskutieren - wenn nur die Energie reichte, sich derart zum deutschen Historienfilm zu engagieren. Den kennt Herr Kugelmann, muss man ermattet seufzen, leider schlecht, denn der direkte filmografische Move vom Anne-Frank- zum Leni-Riefenstahl-Projekt würde die Besinnungslosigkeit der immer gleichen deutschen Zeitgeschichtsverwurstung nur besonders anschaulich machen.

Es schleppt nämlich schon die Besetzung einiges an Erfahrung ein: Ulrich Noethen, der Heinrich Himmler aus "Der Untergang", hat sich den Fritz Bauer aus "Die Akte General" gerade erst abgeschminkt und lächelt als Papa Frank unter seinem Schnauzbart gütig; daran kann man leicht erkennen, dass er dieses Mal keinen Nazi spielt.

Martina Gedeck geht als Ulrike Meinhof aus "Der Baader Meinhof Komplex" und von Melancholie und Tristesse verwitterte DDR-Tragödin aus dem "Leben der Anderen" an den Start, wobei die Anforderungen an ihre darstellerische Fähigkeiten überschaubar bleiben, da Mutter Frank weder von der Tochter noch vom Film sonderlich geliebt wird.

Drehbuchautor Fred Breinersdorfer ist schließlich Routinier, insofern er schon die Dialoge zu "Sophie Scholl - Die letzten Tage" und "Elser" geschrieben hat. Er kennt sich also aus mit den Bedürfnissen des deutschen Fernsehfilms, der von der Zeitgeschichte vor allem biedere Bebilderung erwartet.

Wenn Sie tatsächlich nach so etwas wie Handlung oder Inhalt von "Das Tagebuch der Anne Frank" fragen, dann denken Sie sich eine Linie, die sich an pseudo-detaillierten Inserts entlang ("Konzentrationslager Auschwitz - Aufnahmebaracke") durch die Anne-Frank-Geschichte zieht (Tagebuch geschenkt kriegen, ins Versteck müssen, sich im Versteck freuen, im Versteck Geräusche machen, im Versteck streiten, im Versteck einen Jungen küssen, im Versteck entdeckt werden).

Wenn die Macher des Films schon keine Idee haben, warum sie ihn gedreht haben, bleiben als Letztbegründung immer noch die bedauernswerten Schulklassen, die damit in Zukunft im Geschichtsunterricht gelangweilt werden.

Schlichte Vorher-Nachher-Effekte

Denn der Film langweilt sich selbst an seinem Stoff. Er zappt unentschieden hin und her: wo das Grauenhafte sich zeigt, wächst das Glückliche auch, auf eine Szene mit Naziburschen am Strand folgt ein seliger Geburtstag, vom Flirten mit Peter im Versteck wird in den Konflikt mit der Mutter geschaltet. Es ist wie beim Gänseblümchenzupfen, nur dass das "Sie liebt mich/Sie liebt mich nicht" durch "Bin happy/Bin nicht so happy" ersetzt ist und die Blütenblätter leider auf "nicht so happy" ausgehen.

"Das Tagebuch der Anne Frank" interessiert sich für nichts, was über die aufgesagte Chronik der Ereignisse hinausginge: nicht für das Versteckanlegen des Vaters, nicht für die Versorgungslogistik im Hinterhaus, nicht für die Gefahren des Entdecktwerdenkönnens, nicht für das Eingesperrtsein, nicht für Leben außerhalb der Prinsengracht.

Gefallen findet das Buch einzig an schlichten Vorher-Nachher-Effekten: Mehrfach wird Anne Erfolg und Ruhm durch Tagebuchschreiben vorausgesagt, was vermutlich zu tragischem Gemurmel im Publikum führen soll: "Ja, berühmt ist die Anne dann ja auch geworden, nur schade, dass sie das nicht mehr erleben konnte." Dazu passt, dass Lea von Ackens Anne so selbstgewiss auftritt, als sei sie schon die Ikone, zu der sie nach der Veröffentlichung des Tagebuchs geworden ist.

Um noch einmal auf Kugelmanns Kritik zurückzukommen: Wenn man über Ethos beim Filmemachen sprechen wollte, würde das irgendeine Position zum Gegenstand voraussetzen. Steinbichlers Ehrgeiz beschränkt sich aber weitgehend darauf zu demonstrieren, dass man auch Szenen aus einem Holocaust-Film wie Kreditkartenwerbung aussehen lassen kann: Die Kamera (Bella Halben) tollt subjektivst mit den Kindern am Strand und die lens flares genannten Reflexionen des Gegenlichts zeigen den Film auf der Höhe zeitgenössischer Imperfektionsgesten.

Vom Schrecken der Deportation erzählen

Die Farben sind dafür bis ins KZ schön arrangiert, und die üble Musik (Sebastian Pille) schickt Streicher und Klavier von Beginn an auf die Jagd nach der ganz großen Rührung. Die manipulative Moll-Musik wird auch nicht abgestellt, als Anne den Schrecken der Deportation in die Kamera erzählt, was vermutlich gedacht ist als pädagogisch wertvolle Konfrontation der deutschen Betrachterin mit den Opfern deutscher Vernichtungspolitik.

Sicher scheint sich der Film in der Beherrschung seiner Mittel allerdings nicht, denn der Lichtschein, der in dieser Szene über Annes Augen liegt, erinnert an die Schlitze der Viehwaggons, und das wäre - bei aller Abstraktion und kryptotapferem Vierte-Wand-Durchgebreche - doch ziemlich schlimmer Kitsch. Genauso wie am Ende der motivisch-fragmentierte Mädchenkörper-Pubertätsdiskurs des Films (Anne freut sich über die Menstruation und beschreibt ihr Geschlechtsteil) als unangenehme Sexualisierung erscheint, wenn die Kamera auf das Folgeleisten der "Ausziehen"-Befehle im KZ relativ ungebrochen guckt.

Das Gute an der drögen Zeitgeschichtsverwaltung durch den deutschen Film ist allerdings, dass man solche Merkwürdigkeiten immer mit Unfähigkeit entschuldigen kann. Für böse Absichten will "Das Tagebuch der Anne Frank" einfach zu wenig.

Im Video: Der Trailer zu "Das Tagebuch der Anne Frank"

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