Sozialthriller "Das unbekannte Mädchen" Das schlechte Gewissen klingelt

Mit ihren Sozialdramen sind die Dardenne-Brüder zu einem der wichtigsten Regie-Gespanne des Autorenfilms geworden. Mit "Das unbekannte Mädchen" versuchen sie nun, Krimiplot und Gesellschaftskritik zu kombinieren.

Temperclayfilm

Von Andreas Busche


Das Sozialdrama und der Krimi verfolgen ähnliche Ziele, auch wenn sie sich ganz unterschiedlicher Methoden bedienen. In beiden Genres geht es um einen Wahrheitsbegriff, wobei der Erkenntnisprozess im Krimi relativ gradlinig verläuft. Ein Verbrechen hinterlässt Spuren, Fakten und Indizien, möglicherweise stehen Augenzeugen zur Verfügung, die Ermittlungen geben einen klar abgesteckten erzählerischen Rahmen vor. Eine kriminelle Handlung kann also nach objektiven Kriterien beurteilt werden, am Ende ist ein Täter überführt und Gerechtigkeit, zumindest von einem juristischen Standpunkt aus, wiederhergestellt.

Im Sozialdrama kommt man mit diesem Verfahren nicht sehr weit, weil die Erhebung von Informationen die eine - natürlich auch im postfaktischen Zeitalter entscheidende - Sache ist, die Auswertung der Daten jedoch nicht ohne Weiteres von individuellen und subjektiven Erfahrungen abgekoppelt werden kann. Eine gesellschaftliche Beobachtung muss also (soziale) Faktoren berücksichtigen, die in der investigativen Wahrheitsermittlung keine Rollen spielen.

Jean-Pierre und Luc Dardenne unternehmen in ihrem neuen Film "Das unbekannte Mädchen" den im ersten Moment reizvollen Versuch, ihren erprobten Sozialrealismus mit einer Art Thriller-Plot zu strukturieren. Im Mittelpunkt steht die junge Ärztin Jenny (Adèle Haenel), die in einem sozial prekären Stadtteil von Lüttich aushilfsweise eine Praxis betreibt - aber schon eine gut bezahlte Anstellung in einer Privatklinik in der Tasche hat. Eine folgenschwere Fehlentscheidung leitet einen Gesinnungswandel ein.

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"Das unbekannte Mädchen": Jennys Absolution

Als es spätabends an der Tür ihrer Praxis klingelt, öffnet sie nicht mehr. Am nächsten Morgen erfährt Jenny von der Polizei, dass in der Straße eine junge Afrikanerin tot aufgefunden wurde. Die Aufzeichnungen der CCTV-Kamera im Eingangsbereich der Praxis zeigen, dass das Mädchen, bei dem keine Ausweispapiere gefunden wurden, kurz vor ihrem Tod an der Praxistür geklingelt hatte. Das durchdringende Klingelgeräusch fungiert fortan als penetrante Erinnerung an ihr Versäumnis. Jenny kündigt aus einem diffusen Schuldgefühl heraus ihren neuen Job und stellt eigenständig Ermittlungen an, um die Identität der jungen Afrikanerin herauszufinden. Damit wenigstens auf dem Grab ein Name steht, wie sie behauptet.

In "Das unbekannte Mädchen" ziehen sich die Dardennes erstmals auch formal aufs Genre zurück. Ein notwendiger Schritt möglicherweise, da ihre charakteristischen Stilmittel (ein fast dogmatischer Realismus, die ruhelose Handkamera, die den Darstellerinnen buchstäblich im Nacken sitzt), mit denen sie sich im europäischen Autorenkino vor zwanzig Jahren einen Namen machten, inzwischen selbst zum Klischee geworden sind. Doch der Krimi-Plot erweist sich in "Das unbekannte Mädchen" als denkbar ungeeignet, um auch den Anforderungen der sozialen Beobachtung gerecht zu werden.

"Das unbekannte Mädchen"

Belgien/Frankreich 2016

Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Darsteller: Adèle Haenel, Olivier Bonnaud, Jérémie Renier

Produktion: Les Films du Fleuve, Archipel 35, Savage Film, France 2 Cinéma, VOO, BE TV, Radio Télévision Belge Francophone (RTBF)

Verleih: Temperclayfilm

Länge: 113/106 Minuten

Start: 15. Dezember 2016

Zumal Jenny von Beginn an keine sehr plausible Figur ist. Sie wirkt verbissen und mitunter selbstgerecht; hilfsbereit, aber im Umgang mit den Patienten selten freundlich. Die scheinen sie dennoch zu lieben, ein junger Krebspatient spielt ihr sogar ein Abschiedsständchen auf der Gitarre. Ihrem Praktikanten Julien (Olivier Bonnaud, ein bekanntes Gesicht aus früheren Dardenne-Filmen) erklärt sie, worauf es in diesem Beruf ankommt: "Lass dich vom Leid der Patienten nicht überwältigen. Ein guter Arzt muss seine Gefühle im Griff haben."

Die Dardenne-Brüder waren immer am überzeugendsten, wenn sie sich selbst an diese Regel gehalten haben. Doch schon in ihrem letzten Film "Zwei Tage, eine Nacht" trauten sie ihren eigenen Vorgaben nicht, was auch Marion Cotillard geschuldet war, die mit ausdrucksstarkem Method Acting gegen das Laien-Ensemble der Dardennes anspielte. Cotillard war stets frontal gefilmt, ihr aufgelöstes Gesicht in dramatischen Close-ups gerahmt. Eine Abkehr vom Dardenne-Prinzip der sachlichen Bestandsaufnahme.

Kaum mehr als ein panisches Gesicht

Auch Adèle Haenel, nach ihrem robusten Auftritt in "Liebe auf den ersten Schlag" gerade der aufstrebende weibliche Star im französischen Kino und bald an der Seite von Lars Eidinger in "Die Blumen von gestern" zu sehen, verfügt über das Charisma, einen Film notfalls auch allein tragen zu können. In "Das unbekannte Mädchen" lässt sie sich kaum eine Gefühlsregung anmerken, sie vermeidet damit die Fallen der Überidentifikation beim Publikum, die immer auch einen manipulativen Charakter hat.

Trotzdem macht der Film nicht den Eindruck, als interessiere ihn etwas anderes als die Absolution Jennys. Das tote Mädchen bleibt während ihrer Ermittlungen nicht mehr als ein panisches Gesicht auf dem schlecht aufgelösten Foto einer Überwachungskamera. Bezeichnenderweise ist der einzige andere Afrikaner im Film - außer der Schwester des toten Mädchens, die am Ende unvermittelt in Jennys Praxis steht - ein Zuhälter und Drogendealer. Man mag das als bewusste Entscheidung der Dardennes verstehen, die den unsicheren, unsichtbaren Status von Migranten in europäischen Gesellschaften verdeutlicht. Aber im Kontext der ziellosen Handlung von "Das unbekannte Mädchen" wirkt diese Entscheidung unbedacht, gemessen am bisherigen Werk der Dardennes sogar sträflich gedankenlos.

Im Video: Der Trailer zu "Das unbekannte Mädchen"

Temperclayfilm

Wirklich ärgerlich sind jedoch die religiösen Obertöne, die im Werk der Dardenne-Brüder schon immer präsent waren: Ohne ein gesellschaftliches Fundament wirkt "Das unbekannte Mädchen" wie ein katholisches Selbstkasteiungsdrama. "Sie ist nicht tot," sagt Jenny einmal über die junge Afrikanerin, "sonst wäre sie doch nicht immer noch in unseren Köpfen." Doch ein schlechtes Gewissen allein macht noch keine fundierte Gesellschaftskritik.

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