"Das Vermächtnis der Tempelritter" Wo geht's lang, Schatz?

Action-Produzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Turteltaub kreuzen mit "Das Vermächtnis der Tempelritter" den guten alten "Indiana Jones" mit dem sehr zeitgemäßen Hang zur Verschwörungstheorie. Heraus kam eine Verwurstung amerikanischer Geschichte zur nervigen Schnitzeljagd.

Von Daniel Haas


 Darsteller Cage als Schatzjäger: Trägt schwer an seiner Aufgabe
AP

Darsteller Cage als Schatzjäger: Trägt schwer an seiner Aufgabe

Jagen kann man vieles: das Glück, Verbrecher, Schnäppchen - und Schnitzel. Die Schnitzeljagd hat den Vorteil, spaßig und lehrreich zu sein. Hier ein Zeichen, da ein Hinweis, schon geht's weiter auf dem Parcours zur Lösung. "Das Vermächtnis der Tempelritter" ist die Schnitzeljagd als Blockbuster-Kino, ein absurdes Rätselraten, das mit der postmodernen Rundumverwurstung von Kunst, Philosophie und Geschichte in einer Weise ernst macht, die am Ende nur noch lachhaft ist.

Den amerikanischen Kinogängern aber war's egal, dass die Story vom Schatzjäger und Hobby-Historiker Benjamin Franklin Gates sich Stück um Stück selbst zur Strecke brachte. Wenn sich im Finale die Helden über den Fund eines milliardenschweren Schatzes freuen, ist die Geschichte keinen Pfifferling mehr wert - dennoch spielte die von Jon Turteltaub inszenierte Abenteuer-Sause am Startwochenende über 35 Millionen Dollar ein.

Zu viele dramaturgische Lücken, zu wenig Witz und trotz aller Betriebsamkeit zu wenig Tempo: "Das Vermächtnis" ist kein stolzes Erbe, sondern eher eine Bankrotterklärung jenes Kinoformats, das man als "High Concept" bezeichnet. Maximale Schauwerte, Genre-Mix: Produzent Jerry Bruckheimer ist einer der Gewährsmänner dieses Stils und hat die Welt mit Filmen wie "Armageddon" und "Con Air" um ein paar grausige Kinoerfahrungen reicher gemacht. Der von ihm produzierte "Fluch der Karibik" begeisterte letztes Jahr Kinder und Kritiker gleichermaßen - zwei Zielgruppen, die es wissen müssen; die einen schlafen ein, wenn man sie nicht entsprechend amüsiert, die anderen gehen meist schon erschöpft ins Kino.

Cage mit Filmpartnerin Diane Kruger: Schau an, ein Hinweis!
DISNEY ENTERPRISES & JERRY BRUCKHEIMER FILMS

Cage mit Filmpartnerin Diane Kruger: Schau an, ein Hinweis!

Doch vom Charme der ironischen Kino-Piraterie haben die "Tempelritter" gar nichts, auch wenn der Plot viel versprechend schien: Immer noch wartet der sagenumwobene Schatz der Tempelritter auf seine Entdeckung. Amerikanische Freimaurer, von denen einige auch zu den Gründervätern der Nation gehörten, brachten ihn in die Vereinigten Staaten, versteckten ihn gut und vergaßen dabei nicht, auf der Rückseite der Unabhängigkeitserklärung eine unsichtbare Nachricht zu hinterlassen.

Die lässt sich mit ein wenig Gespür fürs Okkulte, Zitronensaft und Wärme zum Vorschein bringen, und weil solche Geheimbotschaften meistens nicht "Glückwunsch, noch zwei mal rechts und sie sind reich!" lauten, müssen Gates (Nicolas Cage), sein Kumpel Riley (Justin Bartha) und "Troja"-Heldin Diane Kruger, die eine US-Nationalarchivarin sächsischer Herkunft verkörpert, von Washington über Philadelphia nach New York hasten.

Am Ende kiegt jeder seinen Schatz: Gates senior (Jon Voight), selbst ein fanatischer Mythenjäger, die Ehre; Riley einen schicken Sportwagen; Cage die Kruger. Wahre Liebe, dies lehren uns Turteltaub/Bruckheimer, ist selbst im Angesicht von funkelnden Billionen ein preisloser Wert. Unbezahlbar muss den Machern auch die Idee erschienen sein, "Indiana Jones" mit der zeitgemäßen Lust an der Verschwörung zu kreuzen.

Kruger, Cage und Jon Voight (r.): Schnitzeljäger des verlorenen Schatzes
DISNEY ENTERPRISES & JERRY BRUCKHEIMER FILMS

Kruger, Cage und Jon Voight (r.): Schnitzeljäger des verlorenen Schatzes

Waren Amerikas Gründerväter vielleicht ein Haufen verwegener Geheimbündler, womöglich mit den Illuminaten im Bunde, die sich zwei Monate vor Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung gegründet hatten? Deren Symbol, die unvollendete Pyramide, über der ein allwissendes Auge thront, ziert schließlich die Ein-Dollar-Note, die auch im Film einen Hinweis zur Schnitzeljagd beitragen darf.

Kino-Hokuspokus? Oder doch Indiz eines größeren Zusammenhangs? Das Nebeneinander von Fakten und Fiktion, von realen Schauplätzen und phantastischen Motiven sind Markenzeichen popkulturellen Erzählens. Geschickt eingesetzt, können sie informieren, unterhalten und verunsichern zugleich. Aber für einen spannenden Blick auf nationale Mythen und Märchen braucht man mehr als die bifokale Brille, mit der Gates holografische Landkarten auf altem Pergament entziffert.

Man kann vieles jagen: die Liebe zum Beispiel, wehrloses Wild, den Ruhm. Oder wie Bruckheimer & Co. die Zuschauer - ins Bockshorn.


Das Vermächtnis der Tempelritter ("National Treasure")

USA 2004. Regie: Jon Turteltaub. Drehbuch: Jim Kouf, Marianne Wibberley, Cormac Wibberley, Lowell Ganz, Babaloo Mandel, Ted Elliott, Terry Rossio . Darsteller: Nicolas Cage, Diane Kruger, Justin Bartha, Sean Bean, Jon Voight, Harvey Keitel. Produktion: Declaration Prods., Jerry Bruckheimer Films. Verleih: Buena Vista. Länge: 124 Minuten. Start: 25. November 2004



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