"Das Verschwinden der Eleanor Rigby" Vom Finden und Verlieren der Liebe

Eine berührende Geschichte über Verlust und Nähe mit wunderbaren Schauspielern: "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" ist einer der schönsten Filme des Jahres über die Liebe.


Wenn ein Film unter ungewöhnlichen Umständen entsteht, kann das schon mal seine Qualitäten überdecken. Das ist hier zum Glück nicht der Fall. Dabei hatte "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" von Ned Benson reichlich Aufmerksamkeit durch die besondere Produktions- und Veröffentlichungsgeschichte bekommen.

2013 präsentierte Benson dem Festivalpublikum in Toronto unter dem Titel zunächst zwei separate Filme - versehen mit dem Zusatz "Him" beziehungsweise "Her" -, die von der existenziellen Krise eines Paars aus der Perspektive der männlichen respektive der weiblichen Hauptfigur erzählten. In Cannes feierte dann in diesem Jahr mit "Them" ein dritter Film Premiere, der die getrennten Sichten kombiniert.

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"Das Verschwinden der Eleanor Rigby": Vom Finden und Verlieren der Lieben
Diese Fassung startet jetzt im Kino und offenbart sich keineswegs als kommerziellen Überlegungen geschuldeter Kompromiss. Im Gegenteil: Auch ohne Wissen um die experimentelle Genese des Film-Triptychons überzeugt sie als eigenständiges, außergewöhnliches Drama.

Das beginnt mit einer Szene, die Eleanor (Jessica Chastain, "Zero Dark Thirty"), geborene Rigby, und ihren Mann Connor Ludlow (James McAvoy, "Drecksau") in inniger Zweisamkeit zeigt. Unmittelbar darauf folgt ein radikaler Zeitsprung, das New Yorker Ehepaar ist offenkundig getrennt. Welche Tragödie Eleanor und Connor in der vorerst ungefüllten Leerstelle zwischen den Momentaufnahmen ereilte, warum es zum Bruch kam, und wie beide mit einer veränderten Lebenssituation, ihrer gemeinsamen Vergangenheit und ungewissen Zukunft ringen, das ist Gegenstand der folgenden, berührenden zwei Stunden.

Begegnung mit dem Schmerz

Eleanors dramatische Flucht aus der Beziehung mit Connor führt sie zunächst zu ihrer Familie. Die Eltern Julian (William Hurt) und Mary (Isabelle Huppert) sowie Eleanors alleinerziehende Schwester Katy (Jess Weixler) geben ihr Obhut und stellen kaum Fragen. Sie bieten ein bildungsbürgerliches Refugium, aus dem sich Eleanor nur allmählich herauswagt. Auf Drängen ihres Vaters besucht sie Kurse an der Universität und findet dort in der Dozentin Lilian Friedman (Viola Davis, "How to Get Away with Murder") eine heilsam lakonische Gesprächspartnerin. Ihr gegenüber öffnet sich Eleanor zumindest ein wenig - so erfahren wir etwa, warum sie ihren Namen einem der wohl traurigsten Songs der Beatles verdankt.

Währenddessen verzweifelt Connor an Eleanors Entscheidung, sich ihm zu entziehen. Erste Versuche, erneut in ihr Leben zu treten, scheitern. Damit ist Connor ebenfalls auf die paar Menschen angewiesen, die ihm nach der traumatischen Trennung geblieben sind. Neben Freund Stu (Bill Hader), mit dem er ein zunehmend erfolgloses Lokal betreibt, gehört dazu auch sein entfremdeter Vater Spencer (Ciarán Hinds).

Gleich zwei aus der Bahn geworfenen Himmelskörpern kreisen Connor und Eleanor so um sich selbst, umgeben von wohlmeinenden Nächsten, die aufrichtig Trost spenden, aber respektvolle Distanz wahren. Die Anziehungskraft zwischen Ihnen wird die derart Verlorenen unweigerlich wieder aufeinandertreffen lassen. Jedoch bedeutet das auch, dem überwältigenden Schmerz zu begegnen, der sie erst auseinanderriss und dessen Ursprung beide zu benennen fürchten.

Benson gelingt das vermeintlich Paradoxe, sich den Figuren auf intimster Ebene und doch diskret zu nähern. Sein Film verwahrt sich gegen gefühlssüchtigen Voyeurismus und effektheischende Selbstentblößungen, und auch in späteren, erschütternden Augenblicken emotionaler Offenheit bleibt die Würde von Connor und Eleanor unangetastet.

Aufbäumen gegen das Schicksal

Als wahrhaft gleichberechtigte Protagonisten der oft traurigen, betörend fotografierten Geschichte (Kamera: Christopher Blauvelt) lassen Jessica Chastain und James McAvoy jede Nuance des Verlusts, der lähmenden Angst und zaghaften Hoffnung nachvollziehen. Wir verstehen Eleanors stillen Rückzug bis hin zur Unsichtbarkeit ebenso wie wir Connors wütendes Aufbäumen gegen ein als willkürlich empfundenes Schicksal, und es ist der herausragenden Leistung der beiden Hauptdarsteller geschuldet, dass der Film die Balance zwischen den Perspektiven halten kann.

Nicht zuletzt deswegen ist "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" kein Liebesfilm. Sondern, ein immenser Unterschied, ein Film über die Liebe. Frei von falscher Sentimentalität, enthüllt er einige ihrer schmerzlichsten Wahrheiten und bewahrt doch ihr tröstliches Mysterium.

Leid wird nicht ungeschehen, und es gibt auch keine Garantie auf gemeinsames Glück. Dafür einen kostbaren Moment mit zwei einsamen, aber vertrauten Spaziergängern in einem nächtlichen Park, "No Fate Awaits Me" von Son Lux aus dem Soundtrack, und der euphorisierenden Möglichkeit einer neuen Begegnung, allen alten Verletzungen zum Trotz.

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

Originaltitel: The Disappearance of Eleanor Rigby: Them

USA 2014

Buch und Regie: Ned Benson

Mit: Jessica Chastain, James McAvoy, Isabelle Huppert, William Hurt, Viola Davis, Ryan Eggold, Bill Hader

Produktion: Myriad Pictures, Division Films

Verleih: Prokino

Länge: 119 Minuten

Start: 27. November 2014

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