"Das wahre Leben" Bomben im Vorgarten

Ist die Familie erst mal ruiniert, lebt’s sich völlig ungeniert: Als arbeitsloser Finanzmanager muss Ulrich Noethen der Demontage seines Eigenheimreichs beiwohnen. Eine wunderbare Tragikomödie mit therapeutischer Zielsetzung.

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Familien erscheinen unglaublich exotisch, wenn man das Privileg genießt, sie von Außen betrachten zu dürfen. Risikomanager Roland Spatz (Ulrich Noethen) kann Frau und Kinder durchaus aus dieser Außenperspektive sehen – er gehört ja lange schon nicht mehr dazu! Jahrelang reiste er durch die Weltgeschichte, schob Kapital von A nach B, legte Aktiendepots für schlechtere Zeiten an. Und zu Hause vergaß man langsam, dass es ihn gab.

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Jetzt ist er wieder da. Denn internationale Fusionsgeschäfte haben am Ende auch ihn selbst arbeitslos gemacht, und der Spatz lässt kurz das hektische Flügelschlagen, will mal wieder richtig "auftanken", so wie es ihm sein Headhunter geraten hat, um ihn von der Aussichtslosigkeit seiner Lage abzulenken. Doch was er in seinem Eigenheim am Stadtrand von Stuttgart vorfindet, in dieser Fremde, die Familie genannt wird, übersteigt deutlich die Analysefähigkeit des internationalen Finanzmanagers. Was zum Beispiel haben die Hefte mit den nackten Männern im Zimmer seines älteren Sohnes zu suchen? Und was bedeuten die manisch aufgetürmten Teedosen in dem des jüngeren?

Eine Reise durch die Alltagsbizarrerien einer deutschen Familie hat der 30-jährige Alain Gsponer mit seinem dritten Spielfilm in Szene gesetzt. Eine Art soziologische Safari, die in die neuen alten Wohlstandsregionen des Schwabenlandes führt. Dorthin, wo noch immer und schon wieder viel Geld gemacht wird, wo allerdings die patriarchalischen Strukturen von ehedem durch den internationalen Geschäftsverkehr und dessen zeitökonomischen Notwendigkeiten längst aufgeweicht sind.

Doch das Schreckgespenst einer vaterlosen Gesellschaft, es kommt in diesem Film über weite Strecken wie ein Glücksversprechen daher – denn wehe, wenn der Alte auf einmal doch wieder mit am Abendbrottisch sitzt und glaubt, Anordnungen geben zu müssen, wie ab jetzt alles zu laufen habe. Die Füße hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen, das ist eben nichts für einen wie Roland Spatz. Lieber versucht er in einem Anfall von Heimwerkerwahn eine Trennwand im Wohnzimmer des Luxusbungalows herauszuhauen – um mittendrin zu erkennen, dass sie eine tragende Funktion hat.

Keiner also braucht den Spatz zuhause. Nicht der ältere Sohn, der schon deshalb die jovialen Ratschläge des Vaters bezüglich des anderen Geschlechts verzichten kann, weil er gerade bei der Bundeswehr sein schwules Coming-out erlebt. Nicht der jüngere, der als Wunderknabe des Clans sein naturkundliches Talent dazu nutzt, aus leicht zugänglichen Substanzen und Teebüchsen effiziente Sprengsätze zu basteln. Und schon gar nicht Ehefrau Sybille (Katja Riemann), die sich mit plakativen Kunstaktionen in ihrer Galerie die Zeit vertreibt und soldatisch den Quickie mit dem lokalen Feuilletonfuzzi im Fitness-Studio über sich ergehen lässt, um sich das Gefühl zu erlauben, wenigstens außerehelich sexuell zu reüssieren.

Als Gegenentwurf zur kaputten Familie Spatz wird in "Das wahre Leben" (Buch: Alex Buresch, Matthias Pracht) die noch viel kaputtere Familie Krüger von nebenan präsentiert: In stiller Übereinkunft hat man dort die Kommunikation schon längst aufs Allernötigste runter gefahren. Der Vater (Alexander Held) lässt zu gefrorenem Lächeln die Eiswürfel im edlen Whiskeyglas klirren, die Mutter (Juliane Köhler) betäubt sich mit Tabletten, die Tochter (Hannah Herzsprung) versucht sich durch Selbstverletzungen vom häuslichen Grauen abzulenken. Wo es bei den Spätzles knallt und kracht, da implodieren die Konflikte bei den Krügers auf fatale Art und Weise. Der Schmerz kommt nicht an die Oberfläche, sondern wirkt verheerend in jedem einzelnen fort.

Denn auch wenn Regisseur Gsponer boshaft und mit unverhohlener Freude an der Gewalt das falsche Familienkonstrukt, das Vater Spatz so verzweifelt hochzuhalten versucht, zum Einsturz bringt – im Innersten folgt seine Tragikomödie wie Hans-Christian Schmids "Nach Fünf im Urwald", Ang Lees "Eissturm" und andere Filme des Genres einem therapeutischen Impetus: Die Familie kann nur überleben, wenn sie sich ab und zu selbst zerstört. Ist die Sippschaft nämlich erstmal ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert. Dass bei aller Lust an der Demontage genormter Familienmodelle keine der Figuren entstellt wird, sondern dass sie vielmehr noch in ihren groteskesten Verrenkungen als Sympathieträger funktionieren, macht die erstaunlich Reife dieses Nachwuchswerkes aus.

Der ursprüngliche Titel des Films lautete übrigens "Bummm!". Ein brachiale Lautmalerei, die paradoxerweise auf den gedämpften Optimismus des Films hinweist. Sprengsätze im Vorstadtparadies: Wo Sachen in die Luft fliegen, da ist immerhin Bewegung. Wo es raucht, da ist Hoffnung.



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