Fantasy-Film "Das Zeiträtsel" Papa finden, Universum retten

Nach "Black Panther" kommt der nächste Blockbuster, der Hollywoods Casting-Regeln umschreibt: In der mitreißenden Bestsellerverfilmung "Das Zeiträtsel" liegt es an einem schwarzen Mädchen, die Welt zu retten.

Disney

Von Till Kadritzke


Die Debatte um die Dominanz weißer Männer in der US-Filmindustrie nimmt langsam Fahrt auf. Bei der Oscar-Verleihung Anfang März warb Preisträgerin Frances McDormand für "Inclusion Rider" - eine Vertragsklausel, mit der Schauspielstars sicherstellen können, dass bei ihren Filmen eine möglichst hohe Diversität vor und hinter der Kamera herrscht.

Jenseits der Diskussionen um #MeToo, der Zusammensetzung der Academy oder ganz praktischen Vorschlägen wie dem "Inclusion Rider" scheint der filmische Output der Traumfabrik sich langsam tatsächlich zu verändern: Ryan Coogler brach mit "Black Panther", dem ersten schwarzen Marvel-Blockbuster, etliche Kassenrekorde. Nun ist Regisseurin Ava DuVernay die erste afroamerikanische Frau, der ein Budget von über 100 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt wurde. Genutzt hat sie es, um Madeleine L'Engles Kinderbuchklassiker "Das Zeiträtsel" für Disney zu verfilmen.

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"Das Zeiträtsel": Neue Heldin für eine neue Zeit

Im Zentrum des Romans, erstmals 1962 veröffentlicht, steht die 13-jährige Meg Murry. Sie hat nicht nur Ärger mit ihren Mitschülern, sondern muss ihren irgendwo im Universum verschollenen Vater finden. Der hatte gemeinsam mit seiner Frau an der Methode des Tesseract geforscht, einer Art physikalisch-spirituellem Trick, der Reisen durch Zeit und Raum ermöglicht.

Ich und die Gesellschaft

An der grundlegenden Handlung hat DuVernay nichts verändert, ihre Casting-Entscheidungen jedoch fügen der universellen Geschichte um Kindheit, fehlendes Selbstwertgefühl und den Kampf gegen das Böse einen politischen Subtext hinzu: Mit dem Wissenschaftler Dr. Murry ist nicht nur der Vater aus dem Leben der Heldin verschwunden, sondern auch der einzige weiße Mann aus dem Ensemble des Films (er wird gespielt von Chris Pine).

Waren die Figuren in der Vorlage nicht näher bestimmt - was in den Sechzigerjahren nichts anderes heißen konnte als dass sie als "normale" weiße Amerikaner verstanden wurden -, hat der verschollene Forscher in der Filmversion eine schwarze Frau (Gugu Mbatha-Raw) geheiratet. Das erlaubt DuVernay, nicht nur den Mobbing-Erfahrungen eines Mädchens nachzuspüren, sondern auch dem Heranwachsen eines girl of colour unter den Bedingungen weißer Schönheitsideale. So kann die kleine Meg (Storm Reid) kaum glauben, dass ihr blond-blauäugiger Schulkamerad Calvin (Levi Miller) ihr kraus gelocktes Haar tatsächlich schön findet.

Die Kluft zwischen dem eigenen Selbst und gesellschaftlichen Erwartungen war in L'Engles Buch ein nicht minder zentrales Thema, aber noch ganz dem während des Kalten Krieges virulenten Totalitarismus-Diskurs verhaftet. Durch die Casting-Entscheidungen ist dieses Thema nun anschlussfähig an DuVernays eigenes Werk, das sich stets mit dem Verhältnis zwischen amerikanischem Gleichheitsversprechen und afroamerikanischer Lebenswirklichkeit auseinandersetzt.

Drei gute Feen helfen


"Das Zeiträtsel"
Originaltitel: "A Wrinkle In Time"
USA 2018

Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Jennifer Lee, Jeff Stockwell nach dem Roman von Madeleine L'Engle
Darsteller: Storm Reid, Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Levi Miller, Chris Pine, Gugu Mbatha-Raw
Produktion: Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney Germany
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 110 Minuten
Start: 5. April 2018


Nach Vergangenheit (wie im Martin Luther King Jr.-Film "Selma") und Gegenwart (der Netflix-Gefängnis-Doku "13th") ist bei DuVernay nun die Zukunft entscheidender Fluchtpunkt. Zum einen ganz konkret, weil "Das Zeiträtsel" einen Kampf um das Fortbestehen der Welt inszeniert. Die drei guten Feen Mrs. Whatsit, Mrs. Who und Mrs. Which, die Meg helfen, machen ihr nämlich bald klar, dass die Suche auch eine Mission zur Rettung des Universums ist. Dieses wird von einer dunklen Kraft bedroht, die nur "The It" genannt wird, die das Böse im Menschen hervorbringt und den Planeten Camazotz, auf dem Megs Vater festsitzt, bereits vollständig im Griff hat.

Zugleich spricht aus DuVernays Version der Geschichte eine vorweggenommene Zukunft: die Utopie einer selbstverständlich diversifizierten Globalkultur. Mrs. Who, gespielt von der Comedian Mindy Kaling, beschwört nicht mehr, wie noch im Buch, Shakespeare, Dante und Jesus Christus, sondern den persischen Dichter Rumi, das aktuelle Broadway-Musical "Hamilton" und die Hip-Hop-Kombo OutKast.

Keine Spur von Ironie

Während Reese Witherspoon die jüngste und naivste der himmlischen Frauen, Mrs. Whatsit, geben darf, spielt Oprah Mrs. Which, die älteste und weiseste, aber irgendwie auch sich selbst. Sie lehrt Meg, dass sie das Böse nur besiegen kann, wenn sie zu den eigenen Schwächen steht und sich selbst akzeptiert.

Dieser schon während ihres Entstehens bedrohten neuen Welt ein Kino-Märchen zu schenken - das ist das wohl etwas zu große Versprechen dieses Films. Denn so viel Spaß es macht, mit Meg durchs Universum zu "tessern", der Film ist mitunter so erpicht darauf zu verzaubern, dass keine Luft zum Staunen bleibt.

Ein faszinierendes Stück Kino ist "Das Zeiträtsel" trotzdem, weil es sich jeder augenzwinkernden Selbstreflexion verweigert, die etwa die Familienfilme aus dem Hause Pixar auszeichnen. DuVernays Film ist immun gegen jede Form von Ironie und Zynismus, kämpft mit erfrischend ungeniertem Pathos gegen jene Kräfte des Universums an, die uns hassen lassen.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
JanGoldbeck 04.04.2018
1.
Film soll nach mehreren Kritiken alles gute aus dem Buch entfernt haben, grottenschlechte Schauspieler haben, dümmliche Dialoge, miese Effekte und am Ende einfach nur öde sein. Kein Plan warum man dann so einen schlechten Film hochhalten sollte.
Fuxx81 04.04.2018
2. Irrelevant
Angesichts der durchaus spannenden Themen des Films, verwundert es mich, dass dem Spiegel ausgerechnet die Hautfarbe der Hauptdarstellerin als besonders erwähnenswert erachtet. Mal ernsthaft: wer geht denn bitte deswegen rein (oder bleibt deswegen fern)?
asdf01 04.04.2018
3. Blockbuster?
"A blockbuster is a work of entertainment – especially a feature film, but also applied to other media – which is highly popular and financially successful. " Die Zeit, die der Autor mit der Formulierung dieser Lobhudelei verschwendet hat, wäre in ein wenig Recherche besser investiert gewesen. Der Film ist generell ziemlich mies bewertet und hat nichtmal sein Budget eingespielt, ein Blockbuster ist was anderes.
bodenseesurfer 04.04.2018
4.
Wird noch immer über Black Panther geschrieben, daß der "All Black" Cast für die Rekordeinnahmen gesorgt haben soll? Euch ist aber schon bewusst, daß sich die Einnahmen mit jedem weiteren Film gesteigert haben? Der nächste Avengers Film wird da auch wieder eine Schippe drauflegen. Marvelfilme sind einfach Gelddruckmaschinen. Man könnte einen Film über Squirrelgirl abdrehen und die Leute würden da reinrennen.
3daniel 04.04.2018
5. Imdb 4.2
Das sagt alles.
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