"Das Zimmer meines Sohnes" Die Ästhetik der Zurückhaltung

Betont uneitel in der Inszenierung und doch aufstörend bis zur letzten Minute: Nanni Morettis mit der Goldenen Palme von Cannes prämiertes Drama "Das Zimmer meines Sohnes" erzählt von der Unfähigkeit zu trauern - und wie man sie überwindet.

Von Daniel Haas


Vater (N. Moretti, r.) und Sohn (Guiseppe Sanfelice) beim Joggen: Erinnerung und Verlust, Intimität und Abwesenheit
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Vater (N. Moretti, r.) und Sohn (Guiseppe Sanfelice) beim Joggen: Erinnerung und Verlust, Intimität und Abwesenheit

An U-Bahn-Haltestellen dieses freundliche Männergesicht, das einen aus dem Filmplakat heraus anlächelt. Schaut man genauer hin, gibt es eine zweite Figur im Vordergrund des Bildes: einen Jungen, dessen Züge in Unschärfe verschwimmen. Die Konstellation ist bezeichnend: Der Junge ist jener Sohn, den der Ältere, der Vater, verlieren wird; er wird zur vagen Kontur, die sich nur noch erinnernd im Blick des anderen bestimmen lässt.

Erinnerung und Verlust, Intimität und Abwesenheit sind die Motive, um die Nanni Morettis preisgekröntes Drama kreist. Erzählt wird die Geschichte einer gutbürgerlichen Familie, deren Sohn überraschend einem Tauchunfall zum Opfer fällt. Wie reagieren die Trauernden, ja wie kann Trauer stattfinden angesichts eines Schicksalsschlags, in den sich schlichtende Sinnkategorien gar nicht erst hinein projizieren lassen? "Das Zimmer meines Sohnes" sucht die Bewältigung einer solchen Katastrophe nicht in der Logik einer "Lösung" auf, sondern im Miteinander der Betroffenen. Statt konkreter Strategien zur Bewältigung des eigentlich nicht Erklärbaren und damit Unerträglichen erkundet der Film eine Gefüge von Relationen, die sich um die Leerstelle des Verlustes bilden.

Die Trauer der Mutter (Laura Morante): "Was wäre geschehen, wenn ..."
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Die Trauer der Mutter (Laura Morante): "Was wäre geschehen, wenn ..."

Moretti, der in seinen vorangegangenen Filmen "Liebes Tagebuch" und "Aprile" eine Art autobiografisches Panorama entfaltete, in denen er den liebenswürdig-nervigen Stadtneurotiker gab, präsentiert sich hier als Held, an dem sich Probleme nicht nur der bürgerlichen Klasse, sondern auch des Filmemachens ablesen lassen. So ist es kein Zufall, dass er im "Zimmer" für sich den Beruf des Psychotherapeuten wählte: Er ist die ordnende Instanz, für die die Störung zum Normalfall wird, eine von Vernunft und Empathie geleite Spät-Figur der Aufklärung. Der Einbruch des Zufälligen trifft sie dafür um so empfindlicher: Trauer wird dem Vater zur Seelenfron aus Schuldgefühlen; die Ohnmacht umgedeutet in traurige Konjunktive: "Was wäre geschehen, wenn ..."

Der Therapeut als Autoritätsfigur ist dazu auch ein Stellvertreter des filmischen Erzählers: Über ihn laufen die Geschichten der Figuren, er hört, kommentiert und lenkt. Ist seine Position erst ungesichert, entsteht Raum für neue Perspektiven. Im "Zimmer" ist es Giovannis Frau Paola (Laura Morante), die langsam die Starre des Entsetzens öffnet: Sie will die Urlaubsbekanntschaft des Sohnes kennen lernen, ein junges Mädchen, das, nichts vom Tode des Freundes ahnend, ihm einen Liebesbrief geschrieben hat. Entgegen der spekulativen Selbsttortur des Vaters, der sich immer wieder andere Abläufe des Unglückstages vorstellt, um ihn derart ungeschehen zu machen, knüpft seine Frau jenes Netz aus Beziehungen, das verbindet und doch durchlässig bleibt für Schmerz. So kann das Flüchtige, nur schwer Darstellbare von Trauer, Verlust und Liebe, zurückgeholt werden in den Bildern einer neuen Begegnung.

Moretti und Laura Morante als Ehepaar nach dem Verlust des Sohnes: Wie kann Trauer stattfinden?
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Moretti und Laura Morante als Ehepaar nach dem Verlust des Sohnes: Wie kann Trauer stattfinden?

Am Ende des Filmes steht eine Reise: eine nächtliche Autofahrt, in der nicht viel geredet wird und dadurch all das zur Sprache kommen kann, was auf der Leinwand nicht selten mit großen Gesten und lauten Bildern untergeht. Dem Vorrat an eingeschliffenen Zeichen, mit denen vor allem das US-Kino oft seelische Regungen bebildert, hat Moretti hier eine Ästhetik der Zurückhaltung entgegengesetzt - nuanciert, klug und jede Minute sehenswert.

"Das Zimmer meines Sohnes" ("La stanza del figlio"). F/I 2001; Regie: Nanni Moretti; Buch: Linda Ferri, Nanni Moretti, Heidrun Schleef. Darsteller: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca, Giuseppe Sanfelice, Silvio Orlando; Länge: 99 Min.; Verleih: Prokino/Fox; Start: 22. November 2001



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