David Fincher über "Gone Girl" "Frauen haben die Schnauze voll"

In seinem Thriller "Gone Girl" zeigt David Fincher den Rachefeldzug einer Frau gegen den Perfektionsdruck. Der Hollywood-Regisseur über Ehekriege, Facebook-Lügen und was ihn an Hitchcocks Filmen stört.

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr. Fincher, Ihr neuer Film "Gone Girl" beruht auf dem Bestseller von Gillian Flynn und erzählt von Nick und Amy, einem Paar, das seit fünf Jahren verheiratet ist. Eines Tages verschwindet Amy, Nick wird verdächtigt, sie getötet zu haben. Macht uns die Ehe zu Mördern?

Fincher: Manche Menschen bringen eine ungeheure Energie auf, um eine narzisstische Fassade zu errichten, um andere zu täuschen und zu verführen. Wenn ein Partner irgendwann merkt, dass die Beziehung ganz anders verläuft, als er es sich vorgestellt hat, weil der Partner ganz anders ist als gedacht, führt das zu extremer Frustration. Und die kann sehr destruktiv sein.

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"Gone Girl" von David Fincher: No more Mrs. Nice Girl

SPIEGEL ONLINE: Räumt "Gone Girl" nicht auch mit der Idee der wahren Liebe auf? Amy und Nick lügen und betrügen ständig.

Fincher: Wir sind besessen davon, in allem gut sein zu wollen. Wir wollen gute Eheleute sein, gute Nachbarn, gute Christen. Das schaffen wir nur, indem wir anderen etwas vormachen. Wir überlegen uns: Poste ich ein Foto von mir, wie ich weine, nachdem ich eine traurige Nachricht bekommen habe? Oder sollte ich mich nicht besser lachend vor dem Eiffelturm präsentieren? Das Leben soll möglichst schöne Bilder abwerfen, die man anderen zeigen kann, möglichst lustige Anekdoten, die man anderen erzählen kann.

Zur Person
  • David Fincher, Jahrgang 1962, arbeitete als Regisseur für Werbefilme und Musikvideos, bevor ihm 1995 der Durchbruch mit dem Thriller "Sieben" gelang. Zwei Mal, für "The Social Network" und "Der seltsame Fall des Benjamin Button", war Fincher für den Regie-Oscar nominiert. Zuletzt sorgte er mit der TV-Serie "House of Cards" für Furore, mit der Bestseller-Verfilmung "Gone Girl" kehrt er diese Woche ins Kino zurück.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen leben für ihr Image?

Fincher: Ja, wir kennen das von Menschen, die ständig im Licht der Öffentlichkeit stehen, von Politikern oder Sportlern. Wir sind verblüfft, was wir zu hören bekommen, wenn ihre Ex-Frauen auspacken. Aber sind wir selbst so viel anders? Wir präsentieren uns auf eine bestimmte Art und Weise, dann machen wir die Schlafzimmertür hinter uns zu und sind völlig andere Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Amy scheint von der Idee, sich immer wieder neu zu erfinden, besessen zu sein. Ist das auch ein Phänomen unserer Zeit?

Fincher: Vielleicht will Amy einem bestimmten Rollenbild entkommen. Es kommt oft vor, dass mir Schauspielerinnen anbieten: "Sag mir einfach, was für eine Figur du dir vorstellst, dann spiele ich sie dir." Das irritiert mich immer etwas. Ich glaube, dieses Verhalten hängt damit zusammen, dass wir den Frauen ständig Rollen zuweisen. Wir halten ihnen Bilder der perfekten Frau vor. Wir sagen ihnen: Hier, so musst du aussehen, so musst du dich verhalten, wenn du cool und sexy wirken möchtest. Das führt bei Amy zu großer Wut.

SPIEGEL ONLINE: Wird diese Wut von vielen Frauen geteilt?

Fincher: Ja, ich glaube schon. Frauen bekommen ständig vor Augen geführt, wie sie aussehen müssen, um geliebt zu werden. So entsteht ein Druck, der irgendwann nicht mehr auszuhalten ist. Diesem Druck gibt Gillian Flynn in ihrem Buch ein Ventil.

SPIEGEL ONLINE: Ist das einer der Gründe, warum sich das Buch so gut verkauft hat?

Fincher: Ganz sicher. Frauen haben die Schnauze voll. Aber viele Frauen zeigen ihre Wut nicht offen, sondern leben sie eher privat aus. In den Beziehungen, die ich hatte, war das jedenfalls so. Das macht die Wut aber nicht weniger gefährlich, im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Funktioniert "Gone Girl" als Rachefantasie?

Fincher: Ja, aber Flynns Roman zeigt auch, welches Potenzial an Grausamkeit sogar in Beziehungen steckt, die von großer Zuneigung und Zärtlichkeit geprägt sind. Am Ende des Buches stellt man fest: In dieser Geschichte gibt es keine Guten und keine Bösen, keinen Täter und kein Opfer. Das war für viele Leser unbefriedigend. Wie fanden Sie das Ende?

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Serie "House of Cards": Schweine in Washington
SPIEGEL ONLINE: Trostlos.

Fincher: Trostlos? Hm, das ist mir zu einfach. Ich finde, das Ende ist... verdient. Amy und Nick bekommen, was sie verdienen. Es gibt keine Medizin, die heilen kann, was passiert ist. Im Gegenteil, die Krankheit geht ins nächste Stadium.

SPIEGEL ONLINE: Das ist sehr untypisch für einen Hollywood-Film.

Fincher: Cary Grant muss in "Der unsichtbare Dritte" durch die Hölle, aber am Ende kriegt er die tolle Blondine. So funktionieren Hollywood-Filme bis heute. Bei "Gone Girl" ist das anders. Hitchcock hat gesagt, er verfilme kein Stück Leben, sondern ein Stück Kuchen. In "Gone Girl" bekommen Sie ein Stück Kuchen nach dem anderen, doch am Ende beißen Sie mitten ins Leben, und es schmeckt ziemlich bitter.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie vor einiger Zeit andeuteten, im Film werde es ein anderes Ende geben als im Roman, brach ein Shitstorm los. Können Sie das ignorieren?

Fincher: Das ist Teil des Spiels. Roman und Film sind das gleiche Tier, nur werden Sie es diesmal mit eigenen Augen sehen können, statt es beschrieben zu bekommen. Die Leute hatten auch sehr genaue Vorstellungen, wie Tyler Durden aussieht, eine der Hauptfiguren in "Fight Club", weil sie die Vorlage von Chuck Palahniuk gelesen hatten. Bei "Verblendung" gab es nicht nur den Roman von Stieg Larsson, sondern auch noch die schwedische Verfilmung, jeder konnte Lisbeth Salander bis ins letzte Detail beschreiben. Klar, wir versuchen immer, die besten Schauspieler zu bekommen, um diese Avatare mit Leben zu füllen. Dabei geht es aber gar nicht darum, ob sie den Figuren ähnlich sehen, sondern was sie für den Zuschauer leisten können, ob wir ihn mitnehmen auf die Reise.

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"Verblendung": Schweden in Schwarzweiß

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht viel befriedigender, eine Kurzgeschichte zu verfilmen, die relativ unbekannt ist wie "Der seltsame Fall des Benjamin Button" von F. Scott Fitzgerald - ist der künstlerische Spielraum da nicht viel größer?

Fincher: Man muss in jedem Fall seine eigene Vision entwickeln, man kann sich nicht nach den Erwartungen anderer richten. Ich habe ja schon so einige Bücher verfilmt, und die meisten Autoren der Vorlagen waren mehr als glücklich mit den Resultaten. Wenn ich ein Buch verfilme, sehe ich meinen Job tatsächlich darin, etwas zu adaptieren und nicht darin, etwas völlig Neues zu erschaffen.

SPIEGEL ONLINE: "Gone Girl" erzählt eine Geschichte voller unerwarteter Wendungen - wie viele Ihrer Filme. In "The Game" sagt Ihr von Michael Douglas gespielter Held aber: "Ich mag keine Überraschungen." Wie sieht das nun bei Ihnen aus?

Fincher: Ich mag nette Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Und im Kino? Lieber Überraschungen oder lieber Suspense?

Fincher: Natürlich mag ich Hitchcocks dramatische Ironie. Bei "Der unsichtbare Dritte" wissen wir Zuschauer, dass Cary Grant nicht der Agent ist, für den er gehalten wird. Alles, was er anstellt, um zu beweisen, dass er unschuldig ist, führt nur dazu, dass er sich noch mehr verstrickt. Aber ehrlich gesagt, liebe ich Überraschungen mehr. Die Szene in "Vertigo", in der Kim Novak den Brief an James Stewart schreibt und wir frühzeitig erfahren, dass unser Held die ganze Zeit manipuliert wurde, die stört mich jedes Mal gewaltig. Ich sage mir: Hitch, wie konntest du nur? Warum erzählst du mir das schon jetzt und nicht erst am Ende des Films? Warum nimmst du mir die Überraschung?

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
j.w.pepper 30.09.2014
1. Fincher ist kein Hitchcock...
...aber er hat einige supergute Filme abgeliefert, übrigens einschließlich seiner Larsson-Adaption. Und mit seiner Kritik an "Vertigo" hat er völlig recht. Genau das stört mich auch an diesem Film, den ich deshalb als einen der schwächeren Hitch-Streifen empfinde.
Darius Mewes 30.09.2014
2. Spoiler
Ich wollte den Film eigentlich noch sehen und auch das Buch vorher noch lesen. Leider verrät bereits der fett gedruckte Einleitungstext die Antwort auf die Hauptfrage in der Handlung....
geishapunk 30.09.2014
3.
Und Männern geht es anders, oder wie?! Wie ich es nicht mehr hören bzw. lesen kann!
naugrimm 30.09.2014
4. blabla
was für ein fürchterlicher schwafler der keinen schimmer davon hat wie menschen sein können. scheint so also ob in seiner medienwelt tatsächlich nur verlogene menschen zu finden sind. was ein armer tropf. herr fincher es gibt sie die menschen die lieben ohne zu verletzten und zu lügen.
CancunMM 30.09.2014
5.
so habe ich das buch überhaupt nicht in erinnerung ! in dem buch ist die frau einfach nur eine manipulative soziopathin. und das buch hat ein typisch weibliches ende.
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