DDR-Dokudrama Tödliches Sendungsbewusstsein

Für eine rebellische Radio-Aktion am 20. Dezember 1949 wurden vier Schüler aus Altenburg hart bestraft. Jetzt kommt ihr Aufstand gegen die DDR-Diktatur unter dem Titel "Vier gegen Stalin" ins Fernsehen - als bewegendes Dokudrama, das alte Wunden aufreißt.


Leipzig - Gerade noch herrschte verdunkelte Kino-Atmosphäre, jetzt ist der moderne Saal im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig grell erleuchtet. Gerhard Schmale, der wenige Minuten zuvor bei einer Filmvorführung das wohl dunkelste Kapitel seines Lebens vor seinen Augen ablaufen sah, sitzt zusammengesackt auf einem Stuhl. "Ich wollte nach der Wende nie eine Bestrafung für Stasi-Mitarbeiter", sagt er. Plötzlich bricht es aus ihm heraus. Dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter jetzt noch Politik machen dürften, das könne er einfach nicht verstehen. Tränen schießen ihm in die Augen.

Gmynasiasten gegen Stalin (Filmszene): Alles riskieren, nichts bereuen
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Gmynasiasten gegen Stalin (Filmszene): Alles riskieren, nichts bereuen

Auf einmal ist die Vergangenheit wieder ganz nahe. Schmale ist heute 74 Jahre alt. Im März 1950 wurde er von der Staatssicherheit verhaftet und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Freund Joachim Näther bekam die Todesstrafe - und das, weil beide sich gegen das DDR-Regime aufgelehnt und für Freiheit gekämpft hatten.

Den Film, den Schmale an diesem Tag in Leipzig gesehen hat, erzählt noch einmal seine Geschichte - und die seiner Freunde: Am Abend des 20. Dezember 1949 versammelten sich vier Jungen in einer Altenburger Wohnung: Jörn-Ulrich Brödel, Ulf Uhlig, Joachim Näther und Gerhard Schmale. Sie waren 18 Jahre alt und gingen in die elfte Klasse der "Karl-Marx-Oberschule". Als Angehörige eines oppositionellen Zirkels hatten sie für den Abend eine wagemutige Aktion geplant: eine illegale Radiosendung gegen Josef Stalin, den sowjetischen Diktator.

Am Vorabend seines 70. Geburtstags gingen die Schüler pünktlich zur Festansprache von DDR-Präsident Wilhelm Pieck auf Sendung. Mit ihrem selbstgebauten Sender störten sie die Direktübertragung aus Berlin. Über den Äther erklärten sie Stalin zum Massenmörder.

Raus aus der HJ-Uniform, rein ins FDJ-Leben

Es ist eine fast vergessene Geschichte aus den Anfangsjahren der DDR, die jetzt von MDR, WDR, Arte und Phoenix verfilmt wurde. Die Laiendarsteller, die das dunkle Kapitel der frühen DDR-Geschichte nachstellten, sind heutige Schüler des Altenburger Gymnasiums.

Bei der Erstaufführung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig sehen auch sie den Film zum ersten Mal. Bewegende Interviews mit Joachim Näthers Schwester Rosemarie erscheinen auf der Leinwand. Doch die Stimmung im Saal ist alles andere als ernst und gespannt; sie erinnert eher an die Premiere eines Blockbusters. Einige der jungen Zuschauer sind unruhig und reden pausenlos. Rascheln von Popcorn-Tüten würde in die akustische Kulisse passen.

Ein großer Graben klafft offenbar zwischen der Mehrheit der Jugendlichen und den über 70-jährigen Männern: Die Mädchen und Jungen, nur wenige jünger als Schmale es damals war, wissen offenkundig wenig über die deutsche Vergangenheit. In ihrer Heimatstadt Altenburg spielte die Geschichte des illegalen Senders bis heute kaum eine Rolle. Für viele ist das, was der Film erzählt, schlichtweg Neuland.

Als die vier 18-Jährigen 1949 Stalins Herrschaftsmethoden anprangerten, handelten sie nach dem Vorbild der "Weißen Rose" in München. Die Studentengruppe hatte 1943 während der Nazi-Zeit ihre Mitbürger aufzurütteln gehofft - das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl wurden, wie andere Mitglieder der Gruppe, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

"Nicht einfach so geschehen lassen"

Schmale betont diesen Zusammenhang: Der Diktatur der Nazis sei in Ostdeutschland die Diktatur der SED gefolgt, die in ihrer Formensprache an die Zeit zwischen 1933 und 1945 angeknüpft habe. "Gerade aus der Uniform der Hitler-Jugend raus, fanden wir uns in Blauhemden und Schießzirkeln der FDJ wieder", erzählt er. Und er sagt: "Das konnte man doch nicht einfach so geschehen lassen!"

Wie tief sich das Erlebte bei ihm eingebrannt hat, wird in der Podiumsdiskussion deutlich. Hier erzählt er von ehemaligen Nazi-Konzentrationslagern, die übergangslos zu Lagern der sowjetischen Besatzer wurden, erzählt vom langen Gefängnisaufenthalt in Bautzen ("Wir hatten nichts, nur Hunger") und beschwert sich über das mangelnde Geschichtsbewusstsein der heutigen Jugend. "Kaum jemand spricht noch über Ulbricht, Stalin und die DDR", bedauert er. Stille im Saal, nur einige Lehrer schütteln den Kopf.

Christoph Tietz, der engagiert an dem Fernsehprojekt mitgewirkt hat, kann dem wenig entgegensetzen: "Von den Lehrern wird einem das Thema nicht gerade aufgezwungen", erzählt der Schüler des Gymnasiums in Altenburg. "Aber ich hoffe mal, dass nach der Ausstrahlung mehr darüber geredet wird." Sebastian Hetzel, der in dem Film die Rolle des zum Tode verurteilten Joachim Näther spielt, sagt knapp: "Es ist halt schwer nachzuvollziehen."

An die Todestrafe dachte keiner

Die Zeitzeugen loben das Filmprojekt. "Man stand bei den Aufnahmen an den Originalschauplätzen neben seiner eigenen Geschichte und sah sich selbst zu", erzählt Jörn-Ulrich Brödel fasziniert. "Wir waren plötzlich wieder sehr, sehr nah dran." Er erinnert sich an den Schock über Näthers Todesurteil, mit dem keiner der Jugendlichen gerechnet hatte.

Nach dem Motto "Alles ist vergänglich, auch lebenslänglich" hatten sie ihre Aktion geplant. An die Todesstrafe dachten sie nicht. Noch lange hatten die die drei Häftlinge gehofft, dass man Näthers Urteil nie vollstrecken wurde. Doch der junge Mann wurde in Moskau erschossen, vier Tage nach seinem 21. Geburtstag. Er galt den Sowjets als Initiator der Gruppe und stand in Kontakt mit der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die damals von Westberlin aus operierte.

Von der Hinrichtung Näthers erfuhren seine Freunde, die allesamt nach Verbüßung ihrer Haftzeit in den Westen gingen, erst 40 Jahre später. "Wir haben noch bis 1990 gehofft - bis dann nach der Wende seine Sterbeurkunde ins Haus flatterte", erzählt Brödel.

Gerhard Schmale steht, wie die anderen, zu seiner Tat, trotz der furchtbaren Konsequenzen. "Jede Zeit hat bestimmte Umstände und bestimmte Anforderungen", sagt er. Wenn der Staat sich heute ändern würde, müsste man wieder etwas dagegen tun. Er sagt: "Ich hätt's heute genauso gemacht, und ich bereue es nicht."


"Vier Schüler gegen Stalin. Eine Nachkriegsgeschichte aus Altenburg", Dienstag, 8. November, 22.05 Uhr im MDR. Mittwoch, 9. November, 20.15 Uhr, Phoenix



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