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DDR-Liebesdrama "Barbara": Zärtlich in der Zone

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Christian Petzold galt als Deutschlands kühlster Regisseur. Mit dem phantastischen DDR-Frauendrama "Barbara" dürfte er diesen Ruf abstreifen. Der Film mit Nina Hoss in der Hauptrolle wird im Berlinale-Wettbewerb schwer zu schlagen sein.

DDR-Drama "Barbara": Systemkritik mit Gefühl Fotos
Hans Fromm/ Piffl Medien

Tristesse. So kennt man es aus den Filmen von Christian Petzold, den viele für den derzeit besten Kinoregisseur Deutschlands halten, von dem viele aber auch gern mal etwas anderes sehen würden als diese ewig kühle Traurigkeit. "Die innere Sicherheit", "Toter Mann", "Wolfsburg","Gespenster", "Yella", "Jerichow" - alles perfekt inszenierte, schwermütige Studienreisen in die dunklen Ecken der deutschen Seele. Wenig Dialoge, wenig Emotionen. Wenn es in diesen Filmen Liebe gab, dann brachte sie den Tod. Das Leben ein Unglück.

Das sieht zunächst in seinem neuen Film "Barbara", dem ersten von drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen dieser Berlinale, nicht viel anders aus: Eine blonde Frau (Nina Hoss, wie fast immer bei Petzold), sitzt auf einer weißen Bank vor einem Krankenhaus in der ostdeutschen Provinz, die Miene steinern, die Augen voller Verachtung. Es ist das Jahr 1980 und der erste Tag in ihrem neuen Job. Aus einem Fenster der Klinik beobachten sie zwei Männer. Sie werde keine Minute zu früh hochkommen, sagt der ältere. Der andere fragt, ob sie hier Bekannte habe. "Die Haft hat sich zersetzend auf den Freundeskreis ausgewirkt", kommt die Antwort.

Barbara, Kinderärztin aus Ost-Berlin, will hier nicht sein. Nicht in der Provinz, wohin sie strafversetzt wurde, und nicht in diesem Land, das ihr die Luft abschnürt. Sie hasst die DDR. Und ihr größtes Problem ist, dass die DDR das weiß. Einer der beiden Männer, Schütz (Rainer Bock), ist Stasi-Offizier und dafür zuständig, dass sie hier nicht mehr wegkommt. Der andere, Andre (Ronald Zehrfeld), ist ihr neuer Chef. Es liegt nahe, dass er Schütz bei seiner Aufgabe helfen soll.

Untypische Wärme

Weil sich das auch Barbara ausrechnen kann, schenkt sie Andre keinen Blick mehr als nötig, schon gar kein Lächeln. Er umgarnt sie, und er tut das mit so treu-unschuldigen Augen, als ob er vielleicht wirklich nur versucht, ihr das Ankommen zu erleichtern. Aber sie hat gelernt, niemandem zu trauen. Für sie ist jeder, der sich mit dem Leben in diesem Land arrangiert hat, ein Komplize des Feindes. Es wird Petzold-üblich nicht viel gesprochen in den ersten 30 Minuten. Lange Einstellungen stummer Ausweglosigkeit erzählen schon genug vom Elend dieser Frau.

Dass passt natürlich alles bestens in den Berlinale-Wettbewerb. Renommierter Regisseur plus Geschichtsaufarbeitung plus reduzierte Erzählweise ergeben den idealen Kandidaten für ein Festival, das für seinen Hang zur politischen Botschaft so berühmt ist wie für seine Sehnsucht, auch künstlerisch mal so ernst genommen zu werden wie die Filmfestspiele in Cannes, oder wenigstens die in Venedig.

Drei deutsche Filme kämpfen in diesem Jahr um den Goldenen Bären, neben Petzold gehen noch Hans-Christian Schmid und Matthias Glasner an den Start, die dank Werken wie "Requiem" (Schmid) und "Der freie Wille" (Glasner) auch beide zur Elite des deutschen Filmschaffens zählen. Aber sie werden es schwer haben, "Barbara" zu schlagen. Dies ist die hochspannende Geschichte einer Frau, die einen letzten Flucht-Versuch wagt. Wie immer erzählt Petzold mit schneidender Präzision und baut kunstvoll eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung auf. Wie immer findet sein Kameramann Hans Fromm dafür perfekt komponierte Bilder. Und wie immer gelingt es Nina Hoss, einen rätselhaften Charakter mit so viel Leben zu füllen, dass man ihr jeden Augenaufschlag abnimmt. Doch eins ist neu: Die Wärme, die diesen Film nach dem unterkühlten Anfang immer mehr durchdringt, hat man so bei Petzold noch nicht erlebt.

Im privatesten Winkel

Es fängt an, als Barbara das erste Mal eine Notfallpatientin behandelt, die junge Stella (Jasna Fritzi Bauer). Auf einmal ist sie ganz die leidenschaftliche Ärztin, die ihren Schutzpanzer öffnet, um einer Kranken Halt zu geben. Es geht weiter, als sie sich heimlich mit ihrem Geliebten (Mark Waschke) aus dem Westen trifft, bei dem sie alle unterdrückten Gefühle für kurze Zeit hervorbrechen lassen darf. Und irgendwann kann sie auch nicht mehr die Distanz zu Andre halten. Wie sie langsam Zutrauen fasst, wie sie seinen Verrat fürchtet und trotzdem das Gefühl hat, ihn mit ihren Fluchtplänen zu verraten - das ist so anrührend erzählt, dass es einen fast zerreißt.

Gleichzeitig malt "Barbara" ein selten stimmiges Porträt der DDR. Auf der einen Seite der gnadenlose Unrechtsstaat, eine Hölle aus Überwachung und Demütigung: Barbaras zugeteilte Wohnung ist wie eine Zelle, in deren Ecke ein verstimmtes Klavier ein Gefühl von Zuhause vortäuschen soll. Als sie eines Abends nicht pünktlich zu Hause ist, bekommt sie Besuch von Schütz. Die Wohnung wird durchsucht, und bald klingelt eine Frau, die sich Latex-Handschuhe überzieht und ins Bad bittet, um dort auch im letzten, privatesten Winkel nachsehen zu können.

Auf der anderen Seite das normale Leben. Menschen, die vielleicht an die Ideale der DDR glauben, aber sich nicht zu kompromisslosen Parteisoldaten machen lassen. Andere, die sich in ihrem Alltag wohlfühlen und sich nicht sagen lassen wollen, dass sie nur ein zweitbestes Leben führen, die nicht glauben, dass der Kapitalismus ihnen sofortige Glückseligkeit brächte. Der Westen mit seinen glänzenden Mercedes-Sternen und den prallen Quelle-Katalogen ist hier auch nicht mehr als ein schwer zu haltendes Versprechen.

"Barbara" ist Psychodrama, Systemkritik und gleichzeitig so etwas wie Christian Petzolds erster Liebesfilm - einer der nicht nur das Unglück sieht und sich immer auch ein Stück Hoffnung wahrt. Es ist eigentlich keine Überraschung, dass Petzold das auch kann, aber es ist schön, den Beweis zu sehen.

Zuletzt ging der Goldene Bär im Jahr 2004 nach Deutschland, an Fatih Akins "Gegen die Wand". Die Zeit wäre mal wieder reif. Mit diesem Film träfe es einen, der es verdient hat.

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