DDR-Romanze "Westwind" Ananas im Haar

Die ostdeutschen Zwillinge Isabel und Doreen lernen kurz vor der Wende am Plattensee zwei junge Männer kennen - und auch lieben. Das Problem: Die Männer kommen aus Westdeutschland. Ein deutsch-deutsches Liebesdrama mit viel Ferienlager-Romantik.

Zorro

Von Johan Dehoust


Den ersten Verrat begehen die Zwillinge schon, bevor sie das Pionierlager erreichen. Weil sie ihren Bus verpasst haben, setzen sich Isabel und Doreen auf die Rückbank eines knallorange-farbenen VW-Käfers und lassen sich hinunter zum See fahren. Einfach so, ohne viel nachzudenken. Am Steuer sitzt Arne, auf dem Beifahrersitz Nico. Das Kennzeichen: HH-TL 305. Verbotener Kontakt mit dem Klassenfeind!

Regisseur Robert Thalheim ("Netto", "Am Ende kommen Touristen") erzählt in seinem Film "Westwind" von deutsch-deutschen Absurditäten am ungarischen Plattensee. Die Geschichte der Zwillinge aus der DDR hat sich dort 1988 tatsächlich so oder ähnlich zugetragen.

Neu ist seine Idee, einen eher heiteren Film über die Probleme rund um ein geteiltes Deutschland zu drehen, nicht wirklich. Vielen dürften auf Anhieb Werke wie "Sonnenallee" oder "Good Bye, Lenin!" einfallen. Überraschend aber ist, wie frei von Nostalgie, wie frisch, wie unverkrampft dieser Film trotzdem daherkommt - jedenfalls zunächst.

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DDR-Romanze "Westwind": Knutschen am Plattensee
Sich mit westdeutschen Jungs vergnügen? Noch nicht einmal auf den Gedanken sollten die 17-jährigen Schwestern Isabel (Luise Heyer) und Doreen (Friederike Becht) kommen. Sie haben in ihrem DDR-Bezirk die Ruder-Meisterschaft gewonnen, und als Belohnung dürfen sie erstmals ins sozialistische Ausland reisen - aber nur, um im Boot noch schneller zu werden. Jeden Tag 20 Kilometer, das ist die klare Vorgabe ihres Trainers Balisch (Hans Uwe Bauer), der das deutsch-ungarische Pionierlager in der Nähe von Siofok leitet.

Nackentapeten reizen sie nicht

In ihrer Freizeit sollen die Zwillinge tagsüber mit kleinen Pionieren an einem Floß bauen und abends mit den älteren Jungs am Lagerfeuer sitzen. Versonnenes Gitarren-Gedudel und Nackentapeten aber reizen sie nicht. Angetan hat es den kecken Zwillingen vielmehr der "Depeche Mode"-Sound, den sie auf der verbotenen Hinfahrt im Käfer hörten. Sie stylen sich die Haare mit Ananassaft, legen kräftig Lidschatten auf, klettern über den Maschendrahtzaun und gehen in die Disco. Hier treffen sie die coolen westdeutschen Jungs Arne (Franz Dinda) und Nico (Volker Bruch) wieder.

Es kommt, wie es kommen musste: Während Isabel und Nico unbeholfen knutschen, verlieben sich Doreen und Arne ineinander. Die aufmüpfige Rudermeisterin ist verwirrt. Ist es nur eine harmlose Sommer-Romanze? Oder ist das die ganz große Liebe, die einem nur einmal im Leben begegnet? Arne schwärmt ihr vom Hamburger Hafen und Fischbrötchen vor und will sie (und ihre Zwillingsschwester) unter der Hutablage über die Grenze schmuggeln.

Obwohl die Rollen mit ausnahmslos überzeugenden jungen Schauspielern besetzt sind, plätschert das Liebesdrama irgendwann locker am Zuschauer vorbei. Es könnte daran liegen, dass Regisseur Thalheim die Bilder zunehmend mit wuchtigen Klavier- und Streicherklängen unterlegt, anstatt auf die Schauspielkunst der Protagonisten zu vertrauen. Das steigert nicht die Dramatik, sondern wirkt komisch. Es passt einfach nicht zu einem Sommer am Plattensee.

Wäre er doch mal bei der Musik von "Depeche Mode" geblieben.


Westwind. Start: 25. August. Regie: Robert Thalheim. Mit Friederike Becht, Luise Heyer, Franz Dinda, Volker Bruch.



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