Splatter-Hommage "Deathgasm" Tanz der Metal-Teufel

Alle Vorurteile gegenüber Heavy Metal werden wahr: In dem grandiosen Splatterfilm "Deathgasm" fahren Dämonen in Menschen, die die Musik hören - und Metal-Fans nutzen die Gelegenheit zum Massaker.

Von

Tiberius Film

Seit flächendeckend um Lemmy Kilmister getrauert wird und das Wacken-Festival zum Spaß für die ganze Familie geworden ist, vermag man es sich gar nicht mehr so recht vorzustellen. Aber es ist gerade einmal ein Vierteljahrhundert her, da galt Heavy Metal auch bei durchschnittlich hysterischen Erziehungsberechtigten als brandgefährlich.

Der Weg zur Hölle war in der Fantasie der Erwachsenen klar vorgezeichnet: Wo die Haare wuchsen und die Aufnäher auf der Jacke wucherten, mussten die Schulnoten zwangsläufig in den Keller gehen. Bis zur rituellen Tierschlachtung war es da nicht mehr weit.

Verrohendes Material fand sich zur Genüge. Die drastischeren Metal-Spielarten sind eng mit der Horrorfilmästhetik verbandelt, was sich in den Plattencovern von Bands wie Cannibal Corpse oder den außerordentlich widerwärtigen Pungent Stench zeigte: Leichenberge und Hektoliter Kunstblut. Beide Bands werden in "Deathgasm", der zuerst auf dem Fantasy Film Festival lief und nun auf DVD erscheint, zitiert. Der hochkomische Splatterfilm des neuseeländischen Regisseurs Jason Lei Howden versetzt den Zuschauer zurück in die Zeit, als deviantes Gekreische es dem jungen Menschen noch erlaubte, sich von der Welt der Erwachsenen mit Nachdruck abzugrenzen.

Der langhaarige Metal-Fan Brodie (Milo Cawthorne) ist ein jugendlicher Außenseiter, wie er im Buche steht. Seine drogenabhängige Mutter wurde in eine Klinik überwiesen, der Vater wird gar nicht erst erwähnt. Brodie wird in der tristen neuseeländischen Kleinstadt Greypoint bei seinem Onkel, einem bigotten Christen, zwischengeparkt. Dessen Sohn verdrischt seinen Cousin zwischendurch auch mal gerne, und die Schule ist einziger Spießrutenlauf von Demütigung zu Demütigung.

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  • Deathgasm

    Neuseeland 2015; Jason Lei Howden (Regie); DVD, 82 Minuten; Tiberius Film; 14,99 Euro.

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Was für die einen bedrohlicher Lärm ist, kann für den anderen die Rettung bedeuten: In den dunkelsten Stunden, und im Leben dieses glücklosen jungen Mannes sind diese offensichtlich zahlreich, hilft die Musik. Seinen besten Freund Zakk (James Blake) lernt Brodie an dem Ort kennen, der in prädigitalen Zeiten den kulturellen Leuchtstern jeder noch so lebensfeindlichen Umgebung bilden konnte: im örtlichen Plattenladen. Gemeinsam mit zwei weiteren schief in die Welt gestellten jungen Männern gründen Brodie und Zakk die Band Deathgasm.

Äxte, Kettensäge, überdimensionierter Dildo

In der ersten halben Stunde erzählt "Deathgasm" mit grimmigen Witz davon, dass die Hölle etwas sehr Weltliches ist. Ihr Personal besteht in diesem Film aus Lehrern, Stiefeltern und mobbenden Mitschülern. Was wie eine finster gestimmte Adoleszenzkomödie beginnt, entpuppt sich im Weiteren aber schnell als stilsichere Hommage an die Splatterfilme der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Die Plotprämisse ist an Sam Raimis "Tanz der Teufel" angelehnt. Brodie und Zakk bekommen eine alte Notenschrift in die Finger und bringen sie mit zur Bandprobe. Die Musik, in der angemessenen Lautstärke (11 von 10) gespielt, lässt die Kleinstadtbewohner zu menschenfressenden Monstern mutieren, die von der Ankunft eines weltvernichtenden Dämons künden. Grund genug für die vier Metal-Fans, die verhassten Kleinstadtbewohner inklusive der eigenen Eltern und Stiefeltern ohne großes Zögern zu zerlegen.

Auch die Verbindung von detailfreudigem Splatter und Slapstick orientiert sich am großen Vorbild Raimi, vor allem an dessen "Tanz der Teufel 2": Furchteinflößend ist hier nichts, dafür aber ausgesprochen eklig und immer wieder zum Schreien komisch. Zum Einsatz kommen vor allem Äxte, die seit "The Texas Chainsaw Massacre" obligatorische Kettensäge und, in einer besonders grotesken Szene, ein überdimensionierter Dildo. Von am Computer generierten Pixelblutwolken scheint Regisseur Howden nicht viel zu halten, hier ist alles noch handgemacht.

In dieser Hinsicht stand der nach wie vor unübertroffene "Braindead" Pate. Und wie in Peter Jacksons Frühwerk steckt auch in "Deathgasm" mehr als nur Jux und Dollerei. Die Szene, in der die Band, standesgemäß im Corpse Paint angemalt, durch das Wäldchen vor der Stadt stolpert, um einen Videoclip zu drehen, zeigt stellvertretend für den gesamten Film, wie man ein Genre, das man liebt, ernst nehmen und sich zugleich über es lustig machen kann.

Kurz darauf sitzt Brodie, noch immer im Nietenkostüm und voll bemalt, auf einer Parkbank - mit einem Erdbeereis in der Hand und dem blonden Mädchen (Kimberley Crossman) neben sich, in das er sich verliebt hat. Das Martialische wirkt mit einem Mal nur noch rührend. Einer der vielen Momente, in denen "Deathgasm" den gängigen Fun-Splatter hinter sich lässt und prägnante Bilder für die Peinlichkeiten und Schrecken der Adoleszenz findet.

Im Video: Der Trailer zu "Deathgasm"

"Deathgasm"

NZL 2015

Regie und Drehbuch: Jason Lei Howden

Darsteller: Milo Cawthorne, James Blake, Delaney Tabron, Kimberley Crossman, Sam Berkley, Daniel Cresswell

Verleih: Tiberius Film

Sprache: Englisch

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Ab dem 4. Februar auf DVD erhältlich

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