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Debatte um RAF-Film: Der Baader-Meinhof-Konsum

Die RAF bekämpfte das System, jetzt hat das System gewonnen: Mit Bernd Eichingers Kinodrama "Der Baader-Meinhof-Komplex" wird der deutsche Terrorismus rundum vermarktet. Fehlt nur noch Andreas Baader als Wackel-Figur fürs Auto, meint Christoph Schwennicke.

Es ist bis heute etwas diffus geblieben, was die Mitglieder der RAF vor 30 Jahren eigentlich wollten. Soweit wir Spätgeborenen es verstanden haben: das Schweinesystem stürzen, den kollektiven deutschen Altnazi ausrotten, eine gute oder wenigstens bessere Welt herbeimorden oder beides, den Palästinensern helfen und den Kapitalismus bekämpfen - so was in der Richtung.

Uraufführung von "Der Baader-Meinhof-Komplex" am vergangenen Dienstag in München, Darsteller Bleibtreu, Wokalek: Von Party zu Party
Getty Images

Uraufführung von "Der Baader-Meinhof-Komplex" am vergangenen Dienstag in München, Darsteller Bleibtreu, Wokalek: Von Party zu Party

Zweifelsfrei aber steht fest, was sie bestimmt nicht wollten: Ein Ende als Abziehbild auf schwarzen Zwölfzylindern, die vergangene Woche als VIP-Shuttle-Service zur Premiere des Eichinger-Films durch Berlin glitten und Menschen mit wichtigem und arrogantem Gesichtsausdruck von Party zu Party brachten.

Autos dieser Kategorie haben die selbsternannten Kämpfer der RAF damals in die Luft gejagt und die Insassen gleich mit. Nur: Die alten Modelle, die S-Klassen von Mercedes, die sie durchsiebten, waren schöner als die plumpen Phaetons.

In Bernd Eichingers Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" feiert das System seinen endgültigen Triumph über diejenigen, die ihren wahnhaften Kampf als Revolutionsversuch gegen eben jenes System verstanden haben. Das Kino-Konsum-Event hat die RAF verschluckt und verschlungen, rülpst satt und zufrieden und genehmigt sich darauf ein Gläschen Champagner oder ein Näschen Kokain im Szenelokal.

Was wir erleben ist Porno. Schauspieler sitzen mit nachdenklicher Miene in ihren Peep-Show-Kabinen und geben allen Sendern maschinell Interviews im Fünf-Minuten-Takt. Der Zuschauer erfährt bei Super RTL oder RBB, wie zum Beispiel Moritz Bleibtreu die Sache sieht, jetzt mal politisch und so. Es gehe um die Liebe, sagt Bleibtreu, ohne die Liebe zwischen Baader und Ensslin wäre das alles nicht so gekommen. Being Andreas Baader - Bleibtreu muss es wissen. Er spielt ihn ja.

Fest steht, dass der Film die RAF endgültig zur massenmedialen Ware macht und zur maximalen Vermarktung freigibt. Diejenigen, die damals damit angefangen haben, Kaufhäuser anzuzünden, weil dort der böse Kommerz zu Hause war, werden heute von einer gigantischen Konsum-Maschine vermarktet, gegen die sich das Frankfurter Kaufhaus von einst wie ein liebenswerter Tante-Emma-Laden ausnimmt.

Während der Kapitalismus weltweit gerade in die Knie geht, feiert er im deutschen Kino einen großen Sieg. Es muss uns also nicht bange werden, selbst wenn die Kreditanstalt für Wiederaufbau eine halbe Milliarde Euro verdaddelt und die amerikanische Regierung mit Steuergeld alle maroden Banken aufkauft. Das System funktioniert schon noch.

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die insgeheimen, nein, sagen wir besser: RAF-Versteher verhalten, die die Zeiten damals bewusst und anteilnehmend miterlebt haben. Wenn sie ins Kino gehen und in Erinnerungen schwelgen, finanzieren sie das Schweinesystem mit, das ihre radikalsten Kämpfer überwinden wollten und das sich jetzt an ihnen mästet.

Wenn sie so konsequent wären wie beim selbstverständlichen Einkauf von fair gehandeltem Kaffee und regionalem Obst, dann müssten sie draußen bleiben.

Konsumverzicht ist ansonsten das einzige, was hilft. Denn es steht ja mehr zu befürchten: Der Rechtehandel weltweit und der Devotionalienhandel in Deutschland versprechen eine gute Rendite. Vielleicht sollte man Eichinger-Aktien kaufen, oder, wie heißt die Firma, Constantin?

Warum nicht RAF-Memorabilia im großen Stil auf den Markt bringen? Andreas Baader als Wackel-Figur fürs Auto; das Schleyer-Foto mit Pappschild vor der Brust auf T-Shirts; Christian Klars hohlwangiges Gesicht mit diesem flackernden Blick als Karnevalsmaske. Das nur als erstes Brainstorming. Wenn man sich da zusammensetzt und strukturiert nachdenkt, fällt einem sicher noch mehr ein.

Man muss grundsätzlich kein Mitleid haben mit Christian Klar und den anderen Überlebenden der RAF, wirklich nicht. Aber dieses schmachvolle Ende haben sie nicht verdient. Lebenslang hätte gereicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1. und wenn schon
marchofer 24.09.2008
im Grundegenommen hat der Artikel schon recht. Aber mal ehrlich, wenn interessierts ? Wir alle haben oder bessser, entscheiden uns jeden Tag fuer den Popkonsum. Das ist was wir wollen, das ist wie wir uns wohl fuehlen, dass ist wie wir uns die Welt erklaeren. Die RAF hatte ihre Chance, leider saumaessig verspielt und jetzt gehts eben weiter im Takt. Da braucht man keinen Nachruf mehr.
2. wirre Interpretationen!
vubler, 24.09.2008
OK, es gibt einen Film über die RAF, ob dieser gut ist, kann ich nicht beurteilen. Dass der Artikel hier nicht gut ist, sondern wirr und voller unlogischer Folgerungen, steht ausser Frage. Die Tatsache, dass es sich um keine billige Fernsehproduktion handelt, heisst noch lange nicht, dass der Film eine Star-Wars-Merchendisekampagne auffährt! Der Terrorismus wird nicht vermarktet, einzig und allein der Film über den Terrorismus! Der war teuer und es ist ganz normal, dass man solche Investitionen bewirbt. Wo ist das Problem von Autor Schwennicke? Man kann den Film schlecht finden, aber diese Vorwürfe sind wirre Interpretationen aus der Luft gegriffen und als Tatsache verkauft! Peinliche Wackelfigurkommentare sind purer Populismus.
3. Raf
Dr. Socrates, 24.09.2008
10 von 10 möglichen Punkten für diesen Artikel. Es gibt nichts hinzuzufügen, außer vielleicht zum geforderten Brainstorming bezüglich Merchandising. Für Bayern-Fans schlage ich ein T-Shirt mit Klinsi Konterfei und dem Slogan "Jürgen, der Kampf geht weiter" vor.
4. RAF also Götze - nein danke!
hcbruns 24.09.2008
Wiese soll die RAF keinen Film verdient haben? Sollen Sie noch länger als Götzen und nicht als Menschen betrachtet werden? Was soll das Gewäsch von "dem" Kapitalismus, der nun die "vereinnahmt" hat, die gegen "den" Kapitalismus "gekämpft" haben. Den einen Kapitalismus gibt es ebenso wenig, wie einen Kampf gegen diesen einen Kapitalismus. Man darf das hochtrabende, aber hohle Gerede der RAF nicht ernst nehmen. Parolen ersetzen keine ernsthafte Analyse. Wenn die Thesen der RAF Tiefe und Gehalt hätten, wenn ihre Taten mehr wären als Ausdruck Menschen verachtender Brutalität, wie könnte ein Film der RAF etwas anhaben?
5. und recht hat er damit
Kibonaut 24.09.2008
Zitat von sysopDie RAF bekämpfte das System, jetzt hat das System gewonnen: Mit Bernd Eichingers Kinodrama "Der Baader-Meinhof-Komplex" wird der deutsche Terrorismus rundum vermarktet. Fehlt nur noch Andreas Baader als Wackel-Figur fürs Auto, meint Christoph Schwennicke. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,579754,00.html
Aber was soll's? Irgendwo muss der Bernd, der Moritz und die Gedeck ja zusehen, wie sie ihre Rappen zusammenbekommen, oder? Außerdem glaub' ich nicht, dass Regie und Schauspieler an einer ernsthafteren Aufarbeitung des Themas überhaupt interessiert sind. Dem Frollein Gedeck zumindest ist das mit der freien Presse ja auch zunehmend suspekt ... von daher ... Viel wichtiger: Gibt es dann eigentlich endlich wieder Plastik-Maschinengewehre in der Spielzeugabteilung – So zumindest Merchandise-mäßig?
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