"Deep Throat": Die Rückkehr des Porno-Klassikers

Der Low-Budget-Porno "Deep Throat" wurde 1972 zum Auslöser einer öffentlichen Diskussion über sexuelle Freiheit. Mehr als 30 Jahre später, während die Sittenwächter die Strafen für Freizügigkeit in den Medien verschärfen, kommt der einst indizierte Klassiker wieder in die amerikanischen Kinos.

Porno-Star Mary Cary bei einer Vorführung der Dokumentation "Inside Deep Throat": Schädlich für die sexuelle Gesundheit
REUTERS

Porno-Star Mary Cary bei einer Vorführung der Dokumentation "Inside Deep Throat": Schädlich für die sexuelle Gesundheit

Los Angeles - "Deep Throat", das war nicht nur der Name des ominösen Informanten, der dem "Washington Post"-Reporter Bob Woodward nachts in einer Tiefgarage heimlich Informationen über die Watergate-Affäre vermittelte; es ist auch der Name des wohl erfolgreichsten Pornofilms aller Zeiten. 1972 wurde das 55-minütige Werk in den USA veröffentlicht - und sorgte für eine heftige Kontroverse, die schon bald nichts mehr mit dem eher anspruchslosen Sexfilm zu tun hatte.

Regisseur Gerard Damiano hatte "Deep Throat" für 25.000 Dollar an sechs Tagen in Florida gedreht, das Geld stammte - Gerüchten zufolge - zum großen Teil aus dubiosen Mafia-Geschäften. Die damals unbekannten Darsteller Harry Reems und Linda Lovelace spielten die Hauptrollen. Nur ein paar Monate nach der Premiere in einem kleinen Kino in Manhattan galt der mediokre Porno als Überraschungshit des Jahres. Das Filmplakat mit den roten, halb geöffneten Lippen und den blendend weißen Zähnen gehörte zur Popkultur. 23 Bundesstaaten hatten "Deep Throat" auf den Index gesetzt, die Moralwächter liefen Sturm gegen den Film, der die Darstellung von Sex plötzlich gesellschaftsfähig gemacht hatte. Denn längst hatte sich - fünf Jahre nach dem "Sommer der Liebe" - eine öffentliche Debatte über sexuelle Freizügigkeit, Gleichberechtigung der Frau und politische Autorität entzündet, die in "Deep Throat" ihr Ventil fand. Bis heute hat der Film allein in den USA mehr als 600 Millionen Dollar umgesetzt.

Mehr als 30 Jahre später soll der berühmt-berüchtigte Sexfilm erneut in amerikanischen Kinos laufen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hat die in Las Vegas ansässige Verleihfirma Arrow Productions, die die Rechte an "Deep Throat" besitzt, zehn Kopien des Films vorbereitet, die in Großstädten gezeigt werden sollen. Anlass ist die Premiere der Dokumentation "Inside Deep Throat" der beiden Filmemacher Randy Barbato und Fenton Bailey, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten intensiv mit dem Phänomen "Deep Throat" befasst haben. Akribisch beleuchten sie in ihrem Film die Diskrepanz zwischen den rein ökonomischen Interessen der Produzenten und der letztlich erlangten Bedeutung des Films.

"Deep Throat"-Darstellerin Lovelace: Politische Verfolgung in den Siebzigern
AP

"Deep Throat"-Darstellerin Lovelace: Politische Verfolgung in den Siebzigern

Zu Wort kommen die Macher und Akteure von damals, die sich zunehmender politischer Verfolgung ausgesetzt sahen, aber auch heutige Pornostars sowie "Playboy"-Chef Hugh Hefner und die gesellschaftskritischen Schriftsteller Norman Mailer und Gore Vidal. Produziert wurde der unterhaltsame und gleichzeitig schonungslose Blick auf die ungewöhnliche Geschichte eines Pornofilms von Oscar-Preisträger Brian Grazer ("A Beautiful Mind"). "Inside Deep Throat" wird im Rahmen der Panorama-Sektion auch auf der Berlinale gezeigt.

Doch auch ohne diesen aktuellen Anlass könnte das in den USA herrschende Klima aus Prüderie und verklemmten Moralvorstellungen nicht günstiger sein, um "Deep Throat" aus dem Giftschrank zu holen. Seit Beginn der Regierungszeit George W. Bushs, spätestens aber seit dem "Nipplegate"-Skandal bei der letztjährigen Super-Bowl-Show, ist sexuelle Freizügigkeit in den Medien verpönt. Ein neues Gesetz, das amüsante Entgleisungen wie Janet Jacksons bloße Brust mit Strafen von bis zu 500.000 Dollar für den verantwortlichen Sender belegt, ist zurzeit mit breiter politischer Unterstützung auf dem Weg durch den US-Kongress.

Auch die Pornobranche, immerhin ein nicht unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor in den USA, sieht sich im Kreuzfeuer der Moralwächter. George W. Bush höchstpersönlich rief bereits 2003 dazu auf, die vom Supreme Court der USA abgesegneten Gesetze gegen Unzüchtigkeit und Obszönitäten mit aller Härte durchzusetzen. Zwar richten sich die "Federal Obscenity Laws" in erster Linie gegen Kinderpornographie, doch gilt den fundamentalchristlichen Konservativen auch schon der gewöhnliche Hardcore-Porno als krankhaft und schädlich für die sexuelle Gesundheit und die hehren Werte der Familie.

Fünf der "Deep Throat"-Kopien, die nun erneut für Furore sorgen könnten, werden so zurecht geschnitten, dass sie ein "R"-Rating in den USA bekommen. Damit können auch Jugendliche unter 17 Jahren in den Film gehen, allerdings nur in Begleitung eines Erwachsenen. Der Film über den Skandalfilm, die Dokumentation "Inside Deep Throat" wurde hingegen mit NC-17 ratifiziert: kein Einlass für Jugendliche unter 18 Jahren.

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