DDR-Filmpionier Kurt Maetzig gestorben: Sozialist auf dem Weg zur Wahrheit

Linientreu und doch kritisch: Der Defa-Regisseur Kurt Maetzig ist tot. Mit seinen Filmen wollte er sich in den Dienst der Wahrheitsfindung stellen - in der Nachkriegszeit zunächst für die Sache des SED-Staats, später mit zunehmend skeptischer Distanz zur DDR. Er wurde 101 Jahre alt.

Defa-Legende Kurt Maetzig: Erst linientreu, dann verboten gut Fotos
dapd

Leipzig/Hamburg - Kurt Maetzig hat deutsche Filmgeschichte geschrieben. Lange galt er als Vorzeigeregisseur der DDR. Doch dann begann er, den SED-Staat kritisch zu betrachten - und wurde dafür von der Partei abgestraft. Am Mittwoch ist der Filmemacher in seinem Haus in Wildkuhl in Mecklenburg-Vorpommern gestorben.

Er habe sich mit seinem Schaffen immer der Wahrheit nähern wollen, sagte Kurt Maetzig einmal. Der Regisseur drehte bewegende Dramen wie "Ehe im Schatten" und die Liebesgeschichte "Das Kaninchen bin ich", in der sich der Künstler mit den inneren Problemen der DDR auseinandersetzte und die daher politische Sprengkraft enthielt. Das Werk von 1965 wurde auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED mit einem Großteil der Jahresproduktion verboten und erst 1990 bei der Berlinale uraufgeführt.

Kurt Maetzig wurde 1911 in Berlin geboren. Er fing seine Karriere als Kameramann, Regieassistent und mit fotochemischen Studien an. Während der Nazi-Herrschaft waren Maetzig und seine jüdische Mutter Repressalien ausgesetzt. Die Nationalsozialisten erteilten Maetzig Berufsverbot. Seine Deportation als "Halbjude" verhinderten einflussreiche Freunde. Maetzigs Mutter beging aus Angst vor der Gestapo Selbstmord. Maetzigs erster Spielfilm "Ehe im Schatten" aus dem Jahr 1947 thematisiert die wahre Geschichte des Schauspielers Joachim Gottschalk und dessen jüdischer Ehefrau - der Regisseur bezeichnete den Film als Aufarbeitung eigener Erlebnisse.

Im Glauben an die "sozialistische Sache"

Im Jahr 1944 trat Maetzig in die illegale Kommunistische Partei ein. Nach Kriegsende zog er in den sowjetischen Sektor Berlins. Der Regisseur war Mitbegründer der Defa, des staatlichen Film-Unternehmens der DDR. Insgesamt drehte er 20 Filme. Im Glauben an "die sozialistische Sache" stellte sich Maetzig in den Dienst des DDR-Regimes: in den Jahren 1954 und 55 mit Werken über den Kommunistenführer Ernst Thälmann oder mit dem Film "Schlösser und Katen" aus dem Jahr 1956 über die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. "Septemberliebe" von 1960 erzählt von einem Mädchen, das seinen Verlobten an die Volkspolizei verrät, als dieser nach West-Berlin fliehen will.

Berühmt wurde Maetzig für die Filme "Die Buntkarierten" von 1949 und "Der Rat der Götter" aus dem Jahr 1959. Für die Inszenierung des Breitwandfilms "Das Lied der Matrosen" hatte Maetzig nach SPIEGEL-Informationen als erster ostdeutscher Filmregisseur Gelegenheit, Tausende von Statisten vor den Kameras zu dirigieren - das kolossale Spektakel sollte der aufwendigste und teuerste Film der Defa werden.

Die komplette Filmografie von Kurt Maetzig ist in seiner Biografie bei der Defa-Stiftung einzusehen, die deren Produktionen heute verwaltet. Maetzig hob 1954 auch als Gründungsrektor die in Potsdam-Babelsberg angesiedelte Deutsche Hochschule für Filmkunst aus der Taufe. Dort war er bis 1964 als Professor für Filmregie tätig.

Obwohl er schon lange keine eigenen Filme mehr drehte, verfolgte Maetzig bis zuletzt, was die heutige Generation der Regisseure auf die Leinwand bringt. Daheim in seinem Haus in Wildkuhl in Mecklenburg-Vorpommern sah er sich die Filme zusammen mit seiner vierten Frau Bärbel auf DVD an. Er genoss die Natur, doch das Laufen fiel ihm schwer. Zu seinem 100. Geburtstag war er noch zu einer großen Feier zu seinen Ehren nach Berlin gereist. Um seinen 101. am 25. Januar dieses Jahres machte er kein großes Aufheben.

Maetzig war viermal verheiratet und Vater dreier Kinder. Zuletzt war er ältestes Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Er wurde 101 Jahre alt.

bos/dpa/dapd

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1. Mein aufrichtigs Mitleid
hubertrudnick1 08.08.2012
Zitat von sysopLinientreu und doch kritisch: Der Defa-Regisseur Kurt Maetzig ist tot. Mit seinen Filmen wollte er sich in den Dienst der Wahrheitsfindung stellen - in der Nachkriegszeit zunächst für die Sache des SED-Staats, später mit zunehmend skeptischer Distanz zur DDR. Er wurde 101 Jahre alt. Defa-Regisseur Kurt Maetzig ist tot - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,848930,00.html)
Ein großer Filmemacher hat sein Leben vollendet, möge er in Ruhe ruhen. Er hat der Zeit entsprechend gute Filme gemacht, auch wenn einige darüber streiten mögen, aber in der Zeit und System wo er gelebt hatte waren es gute Filme.
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