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30. Mai 2012, 08:08 Uhr

Demi Moore

Hollywoods härtester Body

Von Daniel Haas

Kann das gutgehen? Nach langer Durststrecke ist Demi Moore wieder im Kino zu sehen - in der seichten Komödie "LOL". Doch lassen wir uns nicht täuschen: Diese Schauspielerin hat schon mehr Comebacks gestemmt und Rückschläge verwunden, als man für möglich hält. Eine Hymne auf die Unzerstörbare.

Da steht sie, auf der Plattform einer Sternwarte, ganz in Schwarz gekleidet, das kohlefarbene Haar flattert dramatisch, in den Händen zwei goldene Pistolen. Showdown mit Demi Moore. Sie springt in einer Kombination aus Flickflack und Rittberger in die Tiefe, das Ganze in Slow-Mo, klar, man muss sich Zeit nehmen für diesen Körper. Oder sollte es heißen: Body? Sie hat den Begriff Body für Hollywood ja überhaupt erst definiert, wie er zustande kommt, geformt aus Ehrgeiz und Marketing.

Sprung also und perfekte, donnernde Landung auf bleistifthohen Manolo Blahniks. Die Sohlen lodern rot, man muss diese Schuhe in der Hölle einlaufen. Schnitt aufs Gesicht: grüne Augen, scharf geschnittene Nase, schmale Lippen, eher ein Schmiss als ein Mund, perfekt für den nun folgenden Satz: "Mich hat dieses Gerede von Engeln schon immer genervt." Feuer frei.

Fast zehn Jahre ist das Remake von "Drei Engel für Charlie" her. Demi Moore spielte den Schurken, sie trat gegen Cameron Diaz und Drew Barrymore an, es sollte ein ironischer Besetzungskniff sein und der Beginn eines Comebacks. Aber die Selbstverulkung ist ein zweischneidiges Schwert: Wenn nichts mehr geht, nichts ernst nehmen geht immer. Auch die eigene Karriere nicht, die im Falle von Moore im Jahr 2003 am Ende war. Wenn man die 49-Jährige heute sieht, im amerikanischen Remake des französischen Mutter-Tochter-Dramas "LOL", dann wirkt das alles wie ein Schemen aus einer zeitlich nahen und doch irgendwie diffusen Filmvergangenheit.

In "LOL" verliebt sie sich in einen Polizisten, der ihr Sohn sein könnte. Es ist unmöglich, nicht an Moores Ehe mit dem 16 Jahre jüngeren Ashton Kutcher zu denken oder an die Eskapaden, mit denen die Schauspielerin nach der Trennung von sich Reden machte. Auch eine heitere Kiff-Szene - die Eltern sitzen Pot rauchend in der Küche, während sich die Kids mit Videogames betäuben - ist durchwölkt von unfreiwilligen Reminiszenzen. Moore, Kind alkoholkranker Eltern, hat seit ihrem glänzenden Debüt im Filmdrama "St. Elmo's Fire - Die Leidenschaft brennt tief" mit Drogenproblemen zu kämpfen, bereits als Twen absolvierte sie Klinikaufenthalte und Therapien, auch die Ehe mit Kutcher soll von Rückfällen überschattet gewesen sein.

Fetisch für viele Zielgruppen

Ansonsten schlägt sie sich tapfer durch eine Rolle, die im Original mit Sophie Marceau besetzt war. Die sagte im Interview: "Wenn man 40 ist, füllt man sein Hirn mit so viel Zeug. Da ist es schwierig, etwas Neues zu erleben." Das Neue, das ist natürlich die Liebe, und Moore stellt den Balanceakt zwischen Familiensinn, Triebverzicht und Wiederentdeckung der Romantik auf disziplinierte Weise dar. Moore ist keine Method Actress, sie spielt methodisch. Eine Figur wird aus plausiblen Gesten und Haltungen kompiliert, das wären hier: Strenge und Fürsorglichkeit im Wechsel mit Koketterie und Erotik.

Aber "LOL" ist Normalbetrieb, Standardware. Man muss noch einmal zurück, ins Jahr 2003.

Am Racheengel-Auftritt lässt sich nämlich ablesen, was Demi Moore zum Superstar, zur Ikone eines scharf kalkulierenden und tendenziell frauenfeindlichen Mainstreamkinos werden ließ.

Sie war auf durchschnittliche Weise hübsch, verfügte aber über einen außerordentlichen Körper. Der war nie nur weiblich oder sexy, sondern eine Chiffre für die Möglichkeiten von Gestaltung, und das hieß immer auch: Verwertung. Demi Moore zu begehren bedeutete, sich klarzumachen, dass die Lust, das Vergnügen, der Sex nicht umsonst zu haben sind. Dass Schönheit vielleicht ein Gottesgeschenk, ganz sicher aber eine Idee des Marktes ist.

Deshalb sind die Filme, die sofort genannt werden, wenn von Demi Moore die Rede ist, "Die Akte Jane" (1997) und "Striptease" (1996). Bis zu diesen beiden Blockbustern hatte sie in vielen Produktionen mitgespielt, vor allem in der Rolle der alleinerziehenden Mutter und Alltagsheldin. Sie beschützte ihr Kind vor Mafia-Killern ("Nicht schuldig") oder die beste Freundin vor einem gewalttätigen Ehemann ("Tödliche Gedanken"). Aber erst mit der Rolle der Militäranalystin, die unbedingt zur kämpfenden Truppe will, kam ihr einzigartiger Mehrwert zustande. In "Die Akte Jane" sah man ihr beim Training zu, sie robbte durch den Dreck im feucht schimmernden T-Shirt, machte Liegestütze auf einem Arm, und als sie sich lange vor Britney Spears den Kopf rasierte, hatten gleich mehrere Zielgruppen einen neuen Fetisch.

Aufgeilen und schämen zugleich

Außerdem modellierte Moore nicht nur ihre Bauchmuskeln neu, sondern auch ein Konzept, das man in der aufziehenden Computerisierung der Lebenswelt schon fast verloren gegangen glaubte: Es lohnt sich, einen Körper zu haben. Er lässt sich eintauschen gegen Geld, Ruhm und Aufmerksamkeit.

In die Geschichte selbst verlagert war diese Idee bereits bei "Striptease". Moore war die Mutter, die Geld brauchte für den Sorgerechtsprozess. Anwälte sind teuer, deshalb strippte sie in einem Nachtclub. Auch das ist eine legendäre Szene: wie sie, ausgestattet mit Borsalino und Krawatte, auf Pumps hereinmarschiert, als hätten sich Marlene Dietrich und Dolly Buster gemeinsam eine Varietéfigur ausgedacht.

Der Philosoph Roland Barthes hat den konventionellen Striptease einmal als Routine zur Standardisierung von Erotik bezeichnet, und es ist schade, dass er "Striptease" nicht mehr sehen konnte. Denn Moore als Stripperin, das war konkretestes Anschauungsmaterial für die Widersprüche, in die eine bürgerliche Gesellschaft gerät, wenn sie sich beim Anschauen von anderen gleichzeitig aufgeilen und schämen will. Moore leistete hier ganze Arbeit. Sie machte die Enthüllung zum Workout, zelebrierte Freizügigkeit nicht als eskapistischen Spaß, sondern als leibliche Mobilmachung für eine letztlich höhere Sache. Die war - im Rahmen der Filmhandlung - Geld, und auch sonst ging es vor allem darum: um die Steigerung von Profit.

Auch wenn die Filme floppten: Moore war damals die bestbezahlte Darstellerin der Welt. Sie bekam als erster weiblicher Star über zehn Millionen Dollar pro Rolle. Auch dafür, nicht nur für ihr streckenweise hölzernes Spiel, wurde sie beschimpft, ja gehasst. Die Kulturkritik war empört über einen Star, der sich weder zur Charakterkünstlerin veredeln, noch einfach in der Versenkung verschwinden wollte, sondern Geld scheffelte.

Handy futsch, Laptop weg

Zu dieser Zeit erhielt sie den Spitznamen "Gimme Moore", und tatsächlich ist sie bis heute eine exzellente Geschäftsfrau geblieben. Ihre Besetzung in "Der große Crash - Margin Call" (2011) war deshalb eine Pointe: In John Chandors Finanzkrisendrama spielt sie eine Investmentbankerin, die, als der Spekulationshype auffliegt, von ihren Chefs geopfert wird. Ihr Auftritt besticht durch maximale Ökonomie: Mit nur wenigen Gesten bringt sie den Zynismus einer Branche zum Ausdruck, die je nach Profitlage ihren Akteuren Allmacht suggeriert oder sie kaltblütig entsorgt.

Im realen Leben verfügt Moore über ein Vermögen von rund 150 Millionen Dollar, sie hat Filme wie "Austin Powers" produziert, und was noch wichtiger ist, vor vielen anderen hat sie das Internet als Zukunftsmarkt entdeckt.

Mag sie Hunderttausende für Schönheits-Operatinen ausgeben, ihr wirtschaftliches Kalkül hat sich längst von leiblichen auf virtuelle Inhalte verlagert. Bei Twitter versammelt sie rund eine Million Follower, entsorgt mit 140 Zeichen ihre Beziehung ("Witzig, dass der Mensch, für den man eine Kugel kassieren würde, oft der ist, der die Waffe abfeuert") und promotet gleichzeitig die Talkshow "The Conversation", eine Internetsendung, in der weibliche Hollywoodstars zum Gespräch zusammenkommen.

Die beste Szene in Moores neuem Film ist deshalb die, in der sie ihre Filmtochter Miley Cyrus bestraft: Sie nimmt ihr das Handy und den Laptop weg.

Diese Frau soll am Ende sein? LOL.

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