"Der alte Affe Angst": Sex und die Seele

Von Oliver Hüttmann

Wenn die Liebe nicht mehr hilft, schlägt die Stunde der Therapeuten. Scheitert das ebenfalls, wird es bizarr. Regisseur Oskar Roehler entwirft in seinem verstörenden Drama "Der alte Affe Angst" das Bild einer unheilvollen Beziehungswelt, aus der es kein Entrinnen gibt.

"Der alte Affe Angst", Darsteller Bäumer, Hennicke: "Das bringt nichts"
X-Verleih

"Der alte Affe Angst", Darsteller Bäumer, Hennicke: "Das bringt nichts"

Robert (André Hennicke) hat seit einem halben Jahr nicht mit seiner Freundin Marie (Marie Bäumer) geschlafen. Auch bei Phantasien aus dem Erotikhandbuch, als sie in greller Perücke und billigen Dessous ihm die Augen verbindet, kann er nicht kommen. "Das bringt nichts", sagt Robert schließlich gereizt, während sie heftig an ihm herumrubbelt. Liebe macht ihn impotent. Mit dem Trieb klappt es nur bei Huren.

Der sexuelle Aktionismus wirkt lächerlich, ist letztlich aber nackte Verzweiflung, die einem die Kehle zuschnürt. Schonungslos zerstört Oskar Roehler ("Die Unberührbare") in seinem Beziehungsdrama "Der alte Affe Angst" jeden Romantizismus von Harmonie und Hingabe, wie ihn die Minnesänger und Medien verbreiten und die menschliche Naivität es sich ersehnt. Dafür hat er sein exemplarisches Paar mit Neurosen und Schicksalsschlägen ausgestattet, die für ein Dutzend Personen reichen würden. Trotzdem bleibt jeder Moment glaubwürdig, sind die Situationen stets erschütternd nah am Alltag beziehungsweise jenem inneren Abgrund, an dem wir alle irgendwie unausgesprochen taumeln.

Robert, ein Theaterregisseur, kommt mit seiner neuen Inszenierung nicht voran. Ratlos und gehetzt läuft er durch Berlin, das so grau, schmutzig und leer aussieht wie sein seelischer Zustand. In dieser konfusen, zunehmend selbstbezogenen Phase ruft sein Vater Klaus (Vadim Glowna) an. Jahre lang hatte Robert keinen Kontakt zu ihm, der nun bald an Krebs sterben wird. In seiner Wohnung hat er alte Fotos auf dem Boden ausgebreitet. Auch Robert befällt eine irritierende Sentimentalität, die er nicht zu verdrängen vermag, obwohl er sich zunächst weigert, den stoischen kranken Mann in seinen letzten Tagen zu pflegen.

Das Leben als permanente Krise: Marie (M. Bäumer) ist schwanger, während Robert (A. Hennicke) mit HIV-infizierten Huren schläft
X-Verleih

Das Leben als permanente Krise: Marie (M. Bäumer) ist schwanger, während Robert (A. Hennicke) mit HIV-infizierten Huren schläft

Klaus stirbt früher als erwartet und Marie, die als Kinderärztin arbeitet, wird überraschend schwanger. Robert sucht trotzdem Prostituierte so regelmäßig auf wie seinen Psychiater. Als sie herausfindet, dass er Sex mit einer HIV-positiven Striptänzerin (Eva Habermann) hatte, deren kleiner, ebenfalls infizierter Sohn einer ihrer Patienten ist, verliert sie den Fötus und unternimmt zum zweiten Mal in ihrem Leben einen Selbstmordversuch.

Marie Bäumer sieht in diesen Augenblicken der absoluten Ohnmacht manchmal so berückend aus wie Romy Schneider, der großen Leidenslady in vielen französischen Filmen. Es mag ein Klischee sein, dass Männer von ihrer Geilheit gesteuert werden und Frauen bis zum bitteren Ende ans gemeinsame Glück glauben. Allerdings gehört es zu den Vorstellungen, denen zu viele Menschen nachhängen oder unterbewusst folgen. Alle Erwartungen, Gefühle und Taten sind letztlich Impulse unserer Defekte, die auch mit Allgemeinplätzen der Psychologie nicht mehr zu fassen sind. Die heile Welt, symbolisiert durch Maries pinkfarbenes Cabrio, ist eine Illusion. Und die Sprachlosigkeit zwischen Roehlers Protagonisten können schließlich auch Ausflüchte nicht mehr überbrücken.

Überhaupt arbeitet Roehler entlarvend mit Floskeln, die von der Angst ablenken, um nicht das eigene Unvermögen eingestehen zu müssen. Einmal kokst Robert mit einem Fremden auf der Toilette einer Kneipe. Wie von Sinnen versichern sie sich gegenseitig ihre Sympathie und Überzeugung darin, dass sie als Intellektuelle von der mediokren Masse ausgesaugt werden. Roehler nimmt ihm diese Arroganz am Ende, als alles um ihn herum zusammenbricht, bis er das larmoyante und pseudo-poetische Geschwätz seines eigenen Theaterstückes nicht mehr ertragen kann.

Regisseur Roehler (l.) und seine Darsteller: Physische Direktheit und psychische Blöße
DDP

Regisseur Roehler (l.) und seine Darsteller: Physische Direktheit und psychische Blöße

"Ich habe bisher alles hingekriegt", sagt Klaus anfangs. Zuletzt äußert er den Gedanken, es möge "jemand den Stecker rausziehen". Zwischen diesen beiden Polen ist das Leben eine permanente Krise, Krampf und Kampf mit der Vergeblichkeit und Endlichkeit, was Roehler und seine Hauptdarsteller mit physischer Direktheit und psychischer Blöße spürbar machen. Obwohl Roehler am Schluss eine kaum formulierte Hoffnung stiftet, gibt er Robert und Marie damit keine zweite Chance. Auch gemeinsam wird jeder alleine mit sich selbst ringen müssen. Wenn man diesen Film gesehen hat, traut man sich nicht so recht ins Leben zurück.

"Der alte Affe Angst". Deutschland 2002. Regie/Buch: Oskar Roehler; Darsteller: André Hennicke, Marie Bäumer, Vadim Glowna, Christoph Waltz, Catherine Flemming, Herbert Knaup, Nina Petri, Ralf Bauer, Eva Habermann; Produktion: Neue Bioskop Film, TV60 Film, Bayerischer Rundfunk, Ziegler Film; Verleih: X Verleih; Länge: 92 Min.; Start: 24. April 2003

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