Fragwürdige Filmerotik von François Ozon Der Psychologe als Gynäkologe

Wenn der Erotikthriller zur Krankenakte wird: In "Der andere Liebhaber" versucht Regisseur François Ozon ins Innere seiner depressiven Heldin vorzudringen - mit den Mitteln eines Frauenarztes.

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Diese Szene hat gute Chancen, in die Top Ten der scheußlichsten Momente der Filmgeschichte einzugehen: Gleich am Anfang von "Der andere Liebhaber" - der Film beginnt in einer gynäkologischen Praxis - sieht der Zuschauer, wie die Kamera aus einer Vagina herausfährt, dann wird das Bild mit der Aufnahme eines Auges überblendet.

Gerne wird das menschliche Sehorgan Fenster zur Seele genannt - bei dem französischen Regisseur François Ozon bildet nach dieser Logik nun das weibliche Geschlechtsorgan das Fenster zur Seele seiner Hauptfigur. Und damit beginnt der Schlamassel von Ozons Erotikthriller: Er verharrt im Physiologischen, wo er Psychologisches behauptet.

Der Film ist vollgestellt mit den Insignien psychotherapeutischer Deutungshoheit: Ledersessel, die verstörten Seelen Schutz bieten. Spiegel, in denen das sich auflösende Ich sich wenigsten noch optisch zu manifestieren scheint. Männer, die sich beim Zuhören bedeutungsschwanger die Schläfen reiben. Überall Oberflächenreize, die psychologische Prozesse eher simulieren.

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Ozon-Film: Liebe, Sex, Analyse

Im Mittelpunkt des Films steht das Ex-Model Chloé (Marine Vacth), das unter Depressionen leidet. Die junge Frau konsultiert den Psychotherapeuten Paul (Jérémie Renier), mit dem sie aber bald eine Liebesbeziehung beginnt. Durch Zufall erfährt sie, dass Paul einen Zwillingsbruder namens Louis hat, der ebenfalls als Therapeut praktiziert. Auch von ihm lässt sie sich behandeln, auch mit ihm beginnt sie eine Liebesbeziehung.

Das Zwillingspaar als Therapieprogramm

Wo sich Paul sanft und einfühlsam gibt, da ist Louis in der Therapie wie beim Sex aggressiv und fordernd. Im Zwillingspaar, so legt uns der Film nahe, scheint die leidende Frau das perfekte, sich ergänzende Therapieprogramm zu finden. Das weibliche Ich wird hier reflektiert in zwei männlichen Gegensätzen - eine Dualität, die Ozons Heldin bald auch zu dem medizinischen Auslöser ihrer Depression führt.


"Der andere Liebhaber"
Originaltitel: "L'amant double"
Frankreich, Belgien 2017

Buch und Regie: François Ozon
Darsteller: Marine Vacth, Jérémie Renier, Jacqueline Bisset, Myriam Boyer, Dominique Reymond, Fanny Sage
Produktion: Mandarin Cinéma, Scope Pictures, FOZ, Films Distribution
Verleih: Weltkino Filmverleih
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 107 Minuten
Start: 18. Januar 2018


"Der andere Liebhaber" ist ein thematisch überbordender Film, es geht um Ich-Abspaltungen, Zwillingsforschung und Traumdeutung. Ozon baut dafür ein cineastisches Spiegelkabinett, in dem immer wieder die ganz großen Verweise aufblitzen, etwa auf das Metamorphosenkino von David Cronenberg oder auf die surrealistischen Bildwelten von Luis Buñuel. Doch wo die großen Vorbilder ambivalente Seelenlagen und verborgene Ängste gezeigt haben und dabei den Zuschauer mit sich selbst konfrontiert haben, da führt Ozon einfach nur seine hysterische Heldin vor und sortiert sie als Krankenakte in sein üppiges Filmwerk ein.

Das fällt besonders deshalb auf, weil Ozon mit seiner jungen Hauptdarstellerin Marine Vacth einen seiner besten und radikalsten Filme überhaupt gedreht hat: In "Jung und schön", eine Art Update von Buñuels "Belle de Jour" mit Catherine Deneuve aus dem Jahr 2013, inszenierte er Vacth als 17-jährige Prostituierte, und es war bemerkenswert, wie er die junge Frau im männlichen Geschwitze und Gestöhne um sie herum ihre Autonomie wahren ließ.

Ein Grenzgang, der möglicherweise auch deshalb aufging, weil der schwule Regisseur Ozon das große heterosexuelle Triebtheater der Freier mit Distanz betrachten konnte. Er war bei seiner Heldin, er war mit ihr.

Das ist bei "Der andere Liebhaber" nun anders. Die Dauerpenetration durch die beiden unterschiedlichen Männer - die hier das Mittel darstellt, das psychologische Vexierspiel voranzutreiben - findet eine Entsprechung in der Inszenierung, die auf impertinente Weise ins Innere der jungen Frau vorzudringen versucht. Und die ist in ihrem Inneren nicht nur seelisch, sondern auch körperlich reparaturbedürftig, wie sich später herausstellt.

In diesem Film gibt es keine erotischen Doppeldeutigkeiten, die Handlung wird komplett auf eindeutige medizinische Indikationen runtergebrochen. Zumindest versuchsweise, denn das Drehbuch ist zuweilen so erratisch, dass Ozons Objektivierungsversuche auf der Strecke bleiben.

Nach dem anrührenden, feinsinnig verdichteten Liebesfilm "Frantz" aus dem Jahr 2016 wollte Ozon mal wieder was richtig Böses machen. Das ist ihm mit "Der andere Liebhaber" gelungen: Die Frau wird hier zum lädierten Objekt, das letztendlich nur aus Perspektive des Gynäkologen zu verstehen ist.

Im Video: Der Trailer zu "Der andere Liebhaber"

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 18.01.2018
1.
Habe keine Lust, mir diesen film anzusehen. Habe den Eindruck, dass der Regisseur weder etwas von Psychologen, noch von Gynäkologen, noch von Frauen versteht, und außerdem ist mir in der Vorschau die Frau zu schwülstig und der Mann zu arrogant.
benmartin70 18.01.2018
2.
Zitat von kumi-oriHabe keine Lust, mir diesen film anzusehen. Habe den Eindruck, dass der Regisseur weder etwas von Psychologen, noch von Gynäkologen, noch von Frauen versteht, und außerdem ist mir in der Vorschau die Frau zu schwülstig und der Mann zu arrogant.
Das Gute daran ist dass das auch keiner tun muss.
Jor_El 18.01.2018
3. Na toll
Unabhängig davon, ob der Film gut ist oder schlecht, suggeriert der Einstieg in den Text, dass der Blick auf oder in eine Vagina "abscheulich" sei. Ich dagegen finde damit diesen Bericht abscheulich.
lachina 18.01.2018
4.
Ja, dass der Einblick in eine Vagina abscheulich sein soll, erschließt mich mir nicht. Kann nur von einem völlig misogynen Schreiber stammen.
christian simons 18.01.2018
5. Mit Odenthal und Kopper wäre das nicht passiert
Zitat von lachinaJa, dass der Einblick in eine Vagina abscheulich sein soll, erschließt mich mir nicht. Kann nur von einem völlig misogynen Schreiber stammen.
Oder von einem Rezensenten, der sich in seinem normalen Berufsalltag mit dem frugalen Liebreiz von Tatort-Ermittlern auseinandersetzen muss und der folglich von solchen gynäkologisch-cineastischen Finessen extrem überfordert ist.
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