Terroranschlag auf das Oktoberfest Die unentschiedene Geschichte

Das Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 ist ein seltsam schlecht ausgeleuchtetes Kapitel deutscher Geschichte. Daniel Harrichs Film "Der blinde Fleck" versucht Aufklärung, ist aber nicht mutig genug, um wirklich spannend zu sein.

Von Matthias Dell


"Niemand traut sich anscheinend an die Sache ran, dabei liegt es so nah", sagt gegen Ende von "Der blinde Fleck" jemand etwas ungelenk, und der Satz könnte genauso gut über den Film sprechen. "Der blinde Fleck" erzählt vom Anschlag auf das Oktoberfest 1980, ein Kapitel deutscher Geschichte, das längst nicht auserzählt ist. Wenn im Abspann die Namen der 13 Todesopfer laufen, werden viele wie zum ersten Mal auf Namen wie Angela Schüttrigkeit stoßen.

Der jüngere Geschichtsverwurstungsfilm erinnert bundesrepublikanische Geschichte bevorzugt unter den Vorzeichen des Wunders. Dessen beglückende Wirkung ist so groß, dass neben Ereignissen, die medial als Wunder auf die Welt gekommen sind (Bern, Lengede), jeder andere Erfolg (Landshut-Erstürmung, Mauerfall) irgendwann als Mirakel rubriziert werden musste ("Das Wunder von Mogadischu", 2007; "Das Wunder von Berlin", 2008). Ohne Wunder kein Film. "Der blinde Fleck" will damit schon mit seinem Titel auch Kommentar auf die hiesige massenmediale Geschichtsschreibung sein.

TV-Doku-Stil mit Promi-Besetzung

Diesen Hinweis gibt der Film nicht zu Unrecht. Das Oktoberfestattentat firmiert als Superlativ ("schwerster Terrorakt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte"), gibt eine spannende kriminalistische, eben kaum erzählte Ermittlung her und wird durch die NSU-Morde anschlussfähig an die Jetztzeit. Und doch kommt die Verfilmung nicht aus Nico Hofmanns zeitgeschichtlichem Unterhaltungszentrum Teamworx/UFA, sondern wird besorgt vom 30-jährigen Daniel Harrich und dessen elterlicher Produktionsfirma Diwafilm.

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Terror-Drama "Der blinde Fleck": Der Wille ist da
Für die Bearbeitung des Stoffes heißt das, bei allem lobenswerten Einsatz für das Thema, nichts Gutes. In den Anfangsminuten nutzt "Der blinde Fleck" auf dem Weg zu seiner Geschichte ausführlich "Tagesschau"-Material vom Attentat. Die Spielszenen dazwischen wirken allerdings wie die nachgespielten Szenen, mit denen Fernsehdokumentationen im Stil von "Die großen Kriminalfälle" (die Harrich ebenso produziert hat wie das Stephanie-Guttenberg-Vehikel "Tatort Internet") die Vorstellung des Zuschauers ausmalen - mit dem Unterschied, dass hier die Besetzung prominenter ist (Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner).

Das Drehbuch stammt von Harrich und dem Hörfunkjournalisten Ulrich Chaussy, der seit 1980 Ermittlungspannen, Vertuschungen und damit Zweifel an der These vom Einzeltäter Gundolf Köhler recherchiert hat und nach dessen Vorbild die Figur Benno Fürmanns entworfen ist. Im Wissen, dass es bei "Der blinde Fleck" um ein Politikum geht, streben alle Sätze in Richtung einer journalistischen Zuschauerinformation, und das nicht immer elegant. Eine Zusendung von geheimen Akten an Chaussy kommentiert seine Gattin Lise (Nicolette Krebitz) mit den Worten: "Du hast wirklich keine Ahnung, wer sie dir geschickt hat? Das sind ja mehr als tausend Seiten."

Brave Materialsammlung

Wenn Chaussy allein ermittelnd zur Schwester Gundolf Köhlers schreitet, schlägt bedeutungsvoll die Kirchenglocke, und die Kamera hält pietätvoll Abstand. Gespielt wird die Frau von Tessa Mittelstaedt, die im Januar als Franziska aus dem Kölner "Tatort" verschieden ist. Sie ist nicht das einzig bekannte Gesicht aus der Sonntagabendkrimireihe, wobei Miroslav Nemec (Generalbundesanwalt Rebmann) und Jörg Hartmann (Opferanwalt Werner Dietrich) auch nicht erst versuchen, eine darstellerische Differenz zu ihren "Tatort"-Charakteren zu erreichen, etwa indem sie im Film einen Bezug auf Diktion und Habitus ihrer historischen Vorbilder herstellen würden.

Vor allem aber ist "Der blinde Fleck" unentschieden, was genau seine Geschichte ist und wie weit er sich von der dramaturgisch unbefriedigenden Realität entfernen will. Statt einen kühlen Thriller zu basteln, der Wissenslücken nicht einmal spekulativ füllen müsste, um spannend zu sein, protokolliert Harrich das gesammelte Material brav durch. Einmal darf Chaussy erschreckt werden von unbekannten Verfolgern, die kurzfristig aufgerufene Ehekrise durch die Arbeit wird im gleichen Moment von der Gattin mit einem Schwangerschaftshinweis beendet, und am Ende bringt "Der blinde Fleck" seine Geschichte durch zwei aktualisierende Einschübe noch bis an die Tür.

Dass ein Besuch sich lohnt, kann man nicht sagen. Auch wenn der Wille, sich an dieses fast unbekannte Kapitel deutscher Geschichte zu wagen, dem Film hoch anzurechnen ist.


Der blinde Fleck. Start 23.1. Regie: Daniel Harrich. Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, August Zirner.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 23.01.2014
1. Wer ist Angela Schüttrigkeit?
Diese Filmkritik passt in ihrer andeutungsreichen Diktion und in der anspruchsvollen Rhythmisierung des Tesxts sehr gut zu dem Film, wenn er so ist, wie hier beschrieben.
tzdv9000 23.01.2014
2.
Geld sparen, auf die TV-Ausstrahlung warten - in einem halben Jahr wissen wir mehr.
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