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Schreckensszenario "Der Bunker": Ein Knödel war sein Schicksal

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"Der Bunker": Weit weg von der Welt Fotos
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Eine Kleinfamilie, die in einem Bunker lebt. Ein Student, der nur seine Ruhe haben will. Und eine Wunde, die ein Wörtchen mitreden will: Selten ging es im deutschen Kino so gekonnt grotesk zu wie in "Der Bunker".

Die Filmgeschichte kennt viele gruselige Familien. Die Kannibalen aus "The Texas Chain Saw Massacre" zum Beispiel oder zuletzt die Rednecks aus "The Devil's Rejects". Wird der Kontakt zur Außenwelt gekappt, machen sich schnell Wahn und Unheil breit. Diese Familie hier ist noch einmal ganz besonders. In einem Bunker, irgendwo in der Einöde, sitzen Vater, Mutter und Sohn Klaus bei sedierender Klaviermusik am Esstisch. Weihevoll lobt der Vater das Spiegelei: "An der Außenseite ist es recht angeknuspert und tangiert ins Gegrillte. Im Inneren pulsiert es geradezu lebensbejahend."

Das einzige Vergnügen besteht im abendlichen Verlesen von quälenden Witzen, die der Vater, nun in Clownsverkleidung, mit gelehrten Exkursen ergänzt: "Auch hier arbeitet der Autor wieder mit dem klassischen Kontrast von urbaner Technik und ländlicher Tradition." Bildung hat für die Familie offensichtlich einen großen Stellenwert, auch wenn sie ansonsten nicht recht bei Trost sind.

Mit seinem Langfilmdebüt "Der Bunker", das 2015 auf der Berlinale für Aufsehen sorgte, ist es Nikias Chryssos gelungen, ein Paralleluniversum unbekannter Ordnung zu erschaffen, das gleichwohl nach eigenen, sehr strikten Regeln zu funktionieren scheint. Wir sehen das Trio durch die Augen eines Gastes, der von außen kommt, aus der verschneiten Landschaft, die den Bunker umschließt. Der namenlos bleibende Student (Pit Bukowski) will in der Abgeschiedenheit seine Studien beenden. Beim ersten gemeinsamen Abendbrot lädt der neue Mieter sich jedoch einen Knödel zu viel auf den Teller. Von nun an steht er in der Schuld der Familie. Die soll er begleichen, indem er Klaus unterrichtet. Bis dahin war der Vater der Hauslehrer des Sohnes, der den Bunker anscheinend noch nie verlassen hat.

Na klar, acht Jahre alt und auf dem Weg ins Weiße Haus: Klaus (Daniel Fripan) Zur Großansicht
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Na klar, acht Jahre alt und auf dem Weg ins Weiße Haus: Klaus (Daniel Fripan)

Bald hebt das Geschehen ab. Klaus (Daniel Fripan) sieht aus wie ein zusammengestauchter 30-Jähriger, behauptet aber steif und fest, er sei acht. Der Hybrid aus Mann und Kind, in seinen intellektuellen Möglichkeiten offensichtlich sehr limitiert, soll Präsident von Amerika werden. Um den elterlichen Auftrag zu erfüllen, muss er die Hauptstädte der Welt auswendig lernen. Weitere tragende Rollen spielen ein Rohrstock und eine sprechende Wunde am Bein der Mutter (Oona von Maydell). Sie heißt Heinrich. Also, die Wunde.

Die Bunker-Familie wirkt wie aus der Zeit gefallen. "Es kommt kein Licht hinein", beschwert sich der Student bei der Erstbegehung seines kärglichen Gästezimmers. "Dafür auch keins hinaus", freut sich der Vater. Er wird großartig gespielt von David Scheller, dem es gelingt, Jovialität und Übergriffigkeit in einer einzigen kleinen Geste zu vereinen. Je weiter die Geschichte in Richtung der unvermeidbaren Eskalation fortschreitet, desto plausibler erscheint einem das Treiben. Der Vater hat recht, aus dem Bunker kommt kein Licht hinaus, da muss man nicht weiter diskutieren. Der Student drückt der fies grinsenden Schreckgestalt denn auch gleich sein gesamtes Erspartes in die Hand, in dieser Kleinbürgerhölle ist jeder Widerstand zwecklos.

Genregesetzmäßigkeiten sind bei "Der Bunker" weitgehend außer Kraft gesetzt. Referenzen drängen sich zwar auf, das Spätwerk David Lynchs etwa, weil einem der immer einfällt, wenn es besonders skurril zugeht, oder die Filme Helge Schneiders. Nichtsdestotrotz ist die Atmosphäre, die der Film entfaltet, singulär. Das liegt nicht allein an den zugleich befremdlich und vertraut wirkenden Figuren, sondern daran, dass hier ein junger Regisseur mit spürbarer Begeisterung für das Material und beeindruckender Sicherheit die Mittel des Kinos auffährt, anstatt nur ein Kammerspiel abzufilmen.

Mal jovial, mal brutal: David Scheller spielt den Vater der Bunker-Familie Zur Großansicht
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Mal jovial, mal brutal: David Scheller spielt den Vater der Bunker-Familie

Allein neun Menschen waren für die Lichtgestaltung verantwortlich, und die Genauigkeit, mit der sich hier Farben, Raumgeometrie und Kamerawinkel miteinander verbinden, findet man im deutschen Kino ansonsten nur selten - wenngleich sie sich in Chryssos' Kurzfilmen "Der Großvater" und "Hochhaus" bereits angekündigt hat.

"Der Bunker" funktioniert als Schreckensszenario wie auch als Komödie. Beklemmung und Lachen wechseln sich nicht ab, sondern überlagern einander. Nikias Chryssos traut sich etwas im deutschen Kino äußerst Seltenes: Er erklärt nichts, lässt lose Enden und öffnet so den Raum für Assoziationen. So artifiziell und irritierend das alles auch wirkt, man erkennt doch etwas wieder, ohne dass das Geschehen deswegen plump-metaphorisch würde.

Erzieherische Übergriffe, unerfüllbare elterliche Aufträge, Menschen, die nicht wissen, wo der eigene Körper auf- und der anderer anfängt: Hinter der grotesken Oberfläche verbirgt sich die unerschrockene Sezierung einer denkbar horriblen Festungsfamilie.

Im Video: Der Trailer zu "Der Bunker"

"Der Bunker"

D 2016

Regie und Drehbuch: Nikias Chryssos

Darsteller: Pit Bukowski, Daniel Fripan, Oona von Maydell, David Scheller

Verleih: Drop-Out Cinema

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 21. Januar 2016

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