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Doku über KZ-Film von Jerry Lewis: Mit freundlicher Unterstützung der SS

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NDR-Doku "Der Clown": Ein Film wie ein Grab Fotos
NDR/ Rune Hjelm

Es ist eines der großen Rätsel der Filmgeschichte: 1972 drehte der Komiker Jerry Lewis eine KZ-Tragikomödie - die nie gezeigt wurde. Die ARD-Doku "Der Clown" nähert sich dem Mysterium.

"Wo ist die Comedy, wenn man 65 Kinder in die Gaskammer führt?" Jerry Lewis redet sich in Rage, und es klingt so, als wäre er vor allem über sich selbst wütend. Es geht um ein Filmprojekt, mit dem er vor über 40 Jahren gescheitert ist: die Holocaust-Tragikomödie "The Day The Clown Cried", in der er einen deutschen Clown spielt, der eine Gruppe Kinder in ihren Tod begleitet.

Lewis hatte bei dem Projekt 1972 auch Regie geführt, in Schweden ließ er ein KZ nachbauen, bei der Schauspielersuche vor Ort bat er Ingmar Bergman um Hilfe, stattliche vier Monate Drehzeit waren angesetzt. Doch das Werk wurde nie ganz fertig gestellt, es gilt als eines der großen mythischen lost movies. In der US-Forschungsbibliothek Library of Congress soll eine Kopie lagern, aber die darf aufgrund rechtlicher Fragen frühestens 2025 gezeigt werden. In einer aufwendigen Recherche ist jetzt der NDR-Dokumentarfilmer Eric Friedler den Gründen für das Scheitern des Mammutprojekts nachgegangen. Lag es an den Umständen - oder doch an den Zweifeln von Jerry Lewis selbst?

Natürlich gibt es in dieser Geschichte den Bösewicht in Gestalt des Produzenten. Nat Wachsberger hieß der, erschien angeblich zehn Tage vor Drehende am Set und konnte oder wollte da nicht mehr zahlen. Wachsberger lässt sich dazu nicht mehr befragen, er starb 1992. Wahrscheinlich war er nicht nur ein bisschen böse, sondern auch ein bisschen trottelig - hatte er doch auch vergessen, die Rechte an dem Stoff zu erwerben, sodass Hauptdarsteller und Regisseur Lewis das Projekt später auch nicht mehr auf eigene Kappe fertigstellen und veröffentlichen konnte.

Im Selbstzerfleischungsmodus

Im März wird Jerry Lewis 90 Jahre alt; spricht er in Friedlers Film über "The Clown", ergeht er sich in Selbstzerfleischung: "Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem ich nicht an diesen Film denke", sagt er. Die Schuld für das Desaster macht er, zumindest in Teilen, bei sich selbst aus: "Bestimmt 20-mal bin ich beim Dreh zusammengebrochen. Bei meinem Versuch, dieses große Menschheitsverbrechen von der Realität in die Fiktion hinüberzubringen, besetzten die Gräuel mein ganzes Denken und Fühlen. Ich war so betroffen, dass mir der Film entglitt."

Die Interviewszenen bilden das Herzstück von Friedlers Film - andere Passagen wabern ein wenig ziellos vor sich hin. Friedler ist ein toller Erzähler, der mit Produktionen wie "Voice of Peace" über den israelischen Aktivisten und Radio-DJ Abie Nathan gezeigt hat, wie man Zeitgeschichte smart, musikalisch und empathisch anhand von Personen nachzeichnet. "Der Clown" feiert am Mittwoch in der ARD Premiere, ein bisschen früher als ursprünglich geplant, Friedler arbeitete bis zuletzt an dem Stoff. Fast zwei Stunden ist der Film jetzt lang; über Strecken ist man sich nicht ganz sicher, was das erzählerische Kalkül ist.

Die ersten 30 Minuten zum Beispiel sind eine nette, aber unerhebliche Hommage an Jerry Lewis. In einigen Momenten hat man das Gefühl, dass sich Friedler in dem Projekt verloren hat, so wie sich zuvor Lewis in seinem Projekt verloren hatte.

Was nicht heißt, dass "Der Clown" nicht einige grausame Wahrheiten parat hielte. Die Luft brennt, als im Lewis-Interview das Gespräch auf Roberto Benigni und seine Oscar-gekrönte Holocaust-Tragikomödie "Das Leben ist schön" aus dem Jahr 1997 kommt. Die Geschichte vom Vater, der seinen Sohn mit komödiantischen Einlagen von den Gräueltaten im KZ abzulenken versucht, erinnert stark an den verschollenen Lewis-Film. Lewis' Urteil: "Benigni stahl mir die Idee. Aber er hat es gut gemacht. Er war nicht gerade anständig, aber er war gut."

In Friedlers Film wird noch mal deutlich, dass es für das Projekt einer KZ-Tragikomödie zu Lewis' Zeit keinerlei Referenzrahmen gab. Filme wie eben "Das Leben ist schön", Radu Mihileanus "Zug des Lebens" (1998) oder Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" (2007) kamen erst sehr viel später. Als Lewis an "Der Clown" saß, galt es noch als undenkbar, dass der Holocaust mithilfe komödiantischer oder anderer genretechnischer Erzählkonventionen dargestellt werden könnte.

Lewis betrat Neuland - und das zum Teil mit einer erschreckenden Naivität. Aus heutiger Sicht undenkbar: Er engagierte einen ehemaligen SS-Mann, um die Zustände im Lager authentisch darstellen zu können. Lewis: "Ich hatte als meinen technischen Berater einen wunderbaren Mann, er war bei der SS für die Konzentrationslager verantwortlich, er hatte Menschen ermordet, jeden Tag."

Mit freundlicher Unterstützung der SS? Ein Kriegsverbrecher als Fachberater? Lewis sieht es im ARD-Interview von der versöhnlichen Seite: "Er bettelte ständig um Vergebung. Ich sagte: 'Du hast doch nichts falsch gemacht. Hättest Du dich geweigert, wäre dir das gleiche passiert, was den anderen passiert ist.'"

Ob der Menschheit etwas verloren gegangen ist, weil sie "The Day The Clown Cried" nicht gesehen hat?

Einer hat den Film einmal vor langer Zeit gesehen, zumindest große Ausschnitte: der Komiker Harry Shearer, bekannt als Synchronstimme bei den "Simpsons". Er sagt in der ARD-Dokumentation: "An diesem Film ist nichts komisch." Und sieht dabei aus, als habe er in die Hölle geblickt.


"Der Clown", Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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1. Schade
noalk 01.02.2016
So, wie der Bericht das schildert, wäre es wohl ein grandioser Film geworden. Ich bin gespannt, ob man irgendwann einmal das Fragment zu sehen bekommt.
2. *Würg!*
thousandguitars 01.02.2016
Ich mochte J. Lewis als Kind sehr gern. Irgendwann würde ich wohl zu alt für den Sch***. Aber so eine Hohlheil hätte ich niemals bei ihm vermutet. Da heißt jemand "Lewis" von "Levi" - und hat die Chuzpe, sich derartig ignorant zu äußern. Ich staune!
3. Komik als Allerheilmittel?
event.staller 01.02.2016
Komik zur Überwindung des KZ-Grauens: das kriege ich nicht zusammen. Genauso wenig wie die Komödien, die über Hitler produziert wurden. Es gibt Abgründe, die sich nicht durch Lachen überbrücken lassen. Etwas anderes habe ich auch nicht verstanden: Lewis war vom Greuel seines Projektes bis zur Unfähigkeit angefaßt und ertrug aber dabei neben sich einen ehemaligen SS-Mann, der zu seiner KZ-Zeit täglich an den Morden beteiligt war.
4. Spekulation
Leo von Ritterstern 01.02.2016
Solange es nicht möglich ist, sich den Film einmal in Ruhe anzuschauen, ist es auch müßig, sich eine Meinug darüber bilden zu wollen - denn somit verläuft sich ja letztlich doch nur alles in vager Spekulation. :-/
5.
christian simons 01.02.2016
Jerry Lewis hat bereits in einer anderen, wenig bekannten Filmkomödie "Which Way To the Front" (Wo bitte gehts zur Front?) den Nationalsozialismus parodiert. Im Vergleich zu artverwandten Klassikern von Charlie Chaplin, Ernst Lubitsch und Mel Brooks ist dieser ambitionierte Versuch m. E. auf der ganzen Linie gescheitert. Vorausgesetzt, dass "The Clown" ähnlich konzipiert war, ist dieses filmhistorische Phantom nicht unbedingt ein großer Verlust.
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